Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 31. 30. April 1915

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DAS MARKTBILD VON YPERN

»So hat diese Statt ein so weiten und raumseligen
wunder schönen Herrn-Platz als in einicher anderer
Statt des Landes zu finden . . .«

Guicciardini, Niderlands Beschreibung, 1566.

Man wird in der neu aufgenommenen Untersuchung
des stadlbildlichen Grundrisses keine bloß äußerliche
Erweiterung der Architekturgeschichte sehen dürfen.
Denn indem sie den Einzelbau in das Gesamtbild der
Platz- und Gassenanlage einstellt, bietet erst sie im
vollen Sinne Raumgeschichte und zeigt das wechselnde
Vermögen der Zeitalter, den geschlossenen Bauraum
zu dem äußeren in Beziehung zu setzen, statt in
Fassadenflächen in Körpern zu denken, das Gewach-
sene organisch weiter zu bilden, künstlerisch zu über-
winden oder künstlich zu vergewaltigen.

Das Werturteil, aus der Einschätzung der Einzel-
architektur gewonnen, wird durch diese Einstellung
auf das Ganze beträchtlich verschoben. Unter dem
bezeichneten Gesichtspunkte erscheint z. B. die Gotik
nicht nur im struktiven, sondern auch im raumbild-
lichen Sinne ausschlaggebend, tritt die Renaissance als
neuschöpferischer Gedanke des Gesamtraumes weit
zurück gegen das Barock, wird die Sterilität des Klassi-
zismus besonders offenkundig.

Die Initiative in dieser Richtung verdankt die
Kunstwissenschaft einer Reihe von modernen Archi-
tekten, deren praktischer Fähigkeit im Umgang mit
dem Stoffe die hier unerläßliche historische Befahren-
heit nicht immer die Wage hielt. Es ist namentlich
das Verdienst A. E. Brinckmanns, auch diesen Neu-
zweig der Kunstforschung auf den gesicherten Weg
der geschichtlichen Wahrheit gebracht und damit
grundlegende Erkenntnisse auf diesem Boden berichtigt,
geklärt und befestigt zu haben. Dieser stattlichen
Vorarbeit mußte über kurz oder lang die Unter-
suchung des einzelnen, für seinen Kreis typischen
Stadtbildes, von der Gründerzeit bis auf den heutigen
Tag, folgen, um Weg und Sinn des unterbrochenen
Werdeganges am Beispiel zu erweisen. Damit war
auch schon die Einbeziehung aller jener kulturellen
Grundkräfte notwendig gegeben, die dieses raumbild-
liche Werden herbeiführten und näher erklären. Der
Verfasser8) hat hier den ersten Versuch gemacht,
weitere, anderen Kulturkreisen entnommene müßten

1) Übersetzt von Daniel Federmann v. Memmingen,
Basel o. J.

2) Platz und Monument, Berlin 1912; Spätmittelalter-
Stadtanlagen in Südfrankreich, 1910; Deutsche Stadtbau-
kunst in der Vergangenheit, 1912.

3) Eisler, Die Geschichte eines holländischen Stadt-
bildes (Kultur und Kunst), Haag 1914.

folgen, soll aus ihrer Summe endlich eine umfassende
Raumgeschichte der Architektur möglich werden.

Man wird schwer einen Boden finden, auf dem
die Gesamtheit der altstädtischen Raumbilder einen
derart einheitlichen und geschlossenen Zug bei äußerster
Mannigfaltigkeit der Einzelmotive trägt, wie jenen
niederländischen Küstenstrich, der Nordflandern, die
Provinz Antwerpen und ganz Holland umfaßt. Denn
hier kommen ja die natürlichen Gegebenheiten, das
ebene, wasserreiche Gelände und der kulturelle Zu-
sammenhalt überein. Dazu bedient sich auch heute
noch die Überzahl der Stadtbilder in ihrem Kern der
reichen gotischen Mundart.

Bei solchen gemeinsamen Voraussetzungen werden
auch geringfügige topographische Unterschiede, die
stärkere Durchfeuchtung oder verhältnismäßige Trocken-
heit einer Bodenstelle, die Fluß- oder Wattennähe,
ein erhöhter Dünenstreif, die Grenze zwischen offenem
Polder- und geschlossenem Waldland, ausschlaggebend,
zunächst für die Situierung der älteren gräflichen
Fron- oder Burgsiedlung und weiterhin für die jüngere
Marktanlage. Dabei sucht innerhalb dieses von feu-
daler und geldwirtschaftlicher Erwägung nah um-
grenzten Bezirkes die eine mehr die Anlehnung an
den naturgeschützten Standpunkt, die andere die freier
gelegene, dem Verkehre günstigere Fläche.

Auch in Ypern sind diese Vorbedingungen für
die Wahl der Marktstelle maßgebend gewesen. Man
erkennt sie noch deutlich genug aus dem von G.
Braun 1575 gezeichneten Stadtplan1), der das aus-
gereifte mittelalterliche, also das gotische Stadtbild
festhält. Zunächst wird die westliche Nähe des von
Nord nach Süd gerichteten Flußlaufes der Yperlee für
ein Marktwesen bestimmend, dessen Frühverkehr solche
Wasserwege bevorzugt. Näher umschrieben wird die
Platzfläche von dem Kreuzzentrum der Landwege, die
das Weichbild nordsüdlich und westöstlich durch-
schneiden. Die innerstädtischen Straßenzüge legen ein
Flächenkreuz fest, innerhalb seiner vom Mittenmarkte
gegebenen Breite laufen die Gassenstränge entweder
geradewegs oder gekurvt dem Hauptplatze zu. Die
alten Landwege bestimmen ebensowohl den Verlauf
der städtischen Hauptstraßen wie die Lage, Ausdeh-
nung und namentlich auch die Hauptachse des Stadt-
marktes; denn diese ist — wie auch sonst gewöhnlich
im Niederländischen — senkrecht auf die verkehrs-
führende Ader, den Stadtfluß, gerichtet.

Erst der gesteigerte Verkehrsanspruch einer im
Tuchgewerbe blühenden, alle Orte Flanderns über-

1) O. Braun, Orbis terrarum . . ., Coloniae 1572—1617.
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