Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang 1914/1915 Nr. 34. 21. Mai 1915

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DIE NEUGESTALTUNG DER KAISERLICHEN
GEMÄLDEGALERIE IN WIEN.

Da das kunsthistorische Hofmuseum nun wieder in
allerdings beschränktem Maße zugänglich gemacht wurde,
ist die inzwischen vollendete Neuaufstellung der alten Meister
der kaiserlichen Gemäldegalerie wieder ein Gegenstand von
aktuellem Interesse geworden.

Bei den Italienern ist die Umhängung des Palma
Vecchio-Kabinetts zu erwähnen. Durch die Placierung der
beiden, ehemals ein einziges Gemälde bildenden Porträts
eines Lehrers mit seinem Schüler von Tizian, die in ihrer
breiten tonigen Manier die farbige Gesamtstimmung des
Kabinetts störten, in den großen Tizian-Saal, konnten nun
sämtliche kleinere Bilder Palmas in diesem Räume ver-
einigt werden. Außerdem wurde eine geschlossenere
Wirkung der einzelnen Wände dadurch erzielt, daß jede
ein ausgesprochenes Mittelbild erhielt, und zwar wurden
zu diesem Zwecke der Kardinal von Sebastiano del Piombo
und das wundervolle Jünglingsporträt aus der Frühzeit
Lorenzo Lottos gewählt. Für den Kardinal konnte ebenso
wie für Tizians Tambourinschläger ein alter venezianischer
Goldrahmen erworben werden, der das Gemälde nun un-
gleich wirkungsvoller zur Geltung bringt. Hinzu kam aus
dem Depot noch ein kleines Bildnis, das dem Previtali zu-
geschrieben ist. Trotz des etwas verriebenen Zustandes
wirkt die Farbenzusammenstellung und die Silhouette sehr
reizvoll.

Der Bestand an Österreichern des 18. Jahrhunderts
konnte vermehrt werden durch das sehr wirkungsvolle
Bildnis des Feldmarschall Daun von Martin von Meytens,
das aus dem kaiserlichen Lustschloß im Augarten kam und
durch neuerworbene Skizzen von Maulpertsch und Füger,
die zuerst auf der Darmstädter Jahrhundertausstellung den
Liebhabern dieser künstlerischen Epoche "gezeigt worden
waren.

Als wichtigstes Ereignis aber darf angesehen werden,
daß die Umhängung der niederländischen Bilder der Galerie
während des Krieges vollendet wurde und nun auch die
Säle VIII, XI, XII und die Kabinette XI, XII, XIII zu-
gänglich gemacht werden konnten. Vom kleineren Rubens-
saal gelangt man nun in den grünlich-grau bespannten
vierten Vlamensaal des 17. Jahrhunderts. Das wichtigste
Gemälde, Jordaens' Bohnenfest, wurde als Mittelslück an die
beslbeleuchtete Schmalwand gehängt. An den übrigen
Wänden hängen die kunsthistorisch interessanten Kom-
positionen der sonst nur in Belgien wirklich gut zu stu-
dierenden Crayer, Schut, Wouters, Boeckhorst, Gerard Se-
ghers zwischen Stilleben von Snyders und Fyt, von de Heem
und Benedetti und zwischen Bildnissen von Suttermans und
Leux, Tyssens und Justus van Egmont in dekorativer, sym-
metrischer Anordnung.

An diesen letzten Vlamensaal schließt sich der Saal
der niederländischen Manieristen, Porträtisten und Land-
schafter aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
an, die hier besonders reich vertreten sind. Auf der
Hauptwand wechseln große Monatsbilder von Lukas van
Valckenborch mit Porträts von Mor und dem der Se-
kundärgalerie entnommenen Narrenbild von Cornelis Ketel

ab. Darüber schließen in der Mitte die große Land-
schaft von Joos de Momper, zu den Seiten Kompositionen
von Floris und aus seiner Schule den Aufbau der Wand
ab. Die Monatsbilder von Valckenborch setzen sich auf
der angrenzenden Schmalwand fort. Gerade diese kultur-
geschichtlich sehr interessante und für die Entwicklung der
Vedutenmalerei sehr wichtige Landschaftsfolge hat durch
die neue Aufstellung sehr gewonnen, seit sie nicht mehr
der unmittelbar gegenüber hängenden Konkurrenz der
Monatsbilder des alten Brueghel ausgesetzt und durch da-
zwischen gehängte Bildnisse Abwechslung in die Reihe
gebracht ist. Auf der Schmalwand werden die zwei sommer-
lichen Landschaften getrennt durch das lebensgroße Bildnis
Karls IX. in ganzer Figur von Francois Clouet, einem der
zwei signierten Bilder des Meisters, das früher in einem
engen Kabinett jede Wirkung einbüßte und aus der Nähe
gesehen langweilig und schematisch wirkte, während es
jetzt den dekorativen Reiz seiner Gesamtsilhouette entfalten
kann. Wichtig ist es, daß die beiden Haupttöne des Bildes
ihre Fortsetzung finden in den herumgruppierten Werken;
das Grün in den Valckenborchs und das Grau in den über
diesen hängenden Architekturstücken von Vredeman de Vries.
Die gegenüberliegende Schmalwand wurde den Werken
der am Hofe Rudolfs II. wirkenden Künstler, den großen
Aktmalereien von Spranger, Heinz und Hans von Achen
eingeräumt. Aus dem großen Bestand der Galerie an
Werken dieser Manieristen wurde eine kleine charakteri-
stische Auswahl getroffen und auch einige Bilder zu diesem
Zwecke dem Depot entnommen. Die Eintönigkeit des
Sujets wird unterbrochen durch zwei Bildnisse von Spranger
und durch Landschaften von Savery und Paul Bril. Die
durch die Tür halbierte Rückwand des Saales schließlich
wird eingenommen von den Antwerpner Künstlern aus der
Mitte des Jahrhunderts, von Bauernstücken von Aertsen
und Bueckelaer, von den romanistischen alt- und neutesta-
mentarischen Kompositionen von Cocxie, Jan Massys und
Hemessen, von Bildnissen von Key, Pourbus und Anonymen
jener Zeit. Die Einteilung wurde dabei so getroffen, daß
die links der Tür gelegene Wandhälfte mit den farbtieferen,
lebensgroßen Bildern, die andere mit den kleinerfigür-
lichen und blässer getönten behängt wurde. Außer den
erwähnten Gemälden darf als Bereicherung dieses Saales
durch dem Depot entnommene Bilder noch ein Kriegs-
zug in winterlicher Landschaft von dem seltenen Gillis
Mostaert und ein sehr frei und breit behandelter Studien-
kopf eines Bauern von einem um 1600 tätigen Holländer
erwähnt werden. Die Landschaft, die sich hinter diesem
Bauernkopf erstreckt, mutet direkt wie eine Vorahnung von
Herkules Seghers und Goyen an. Wie bei den Italienern
und Deutschen wurden auch hier bei den Niederländern
nebst den Kopien auch mittelmäßiges Schulgut und schlecht
erhaltene Bilder in ziemlich bedeutender Zahl aus den
Sammlungsräumen selbst entfernt, um dadurch die Gesamt-
qualität des Ausgestellten zu heben. Diese nur für den
engeren Spezialisten interessanten Bilder sollen in den für
die Sekundärgalerie vorbestimmten Räumen eine ihrer Be-
deutung entsprechende Aufstellung finden.

Die größte Schwierigkeit bei der Neu-Aufstellung der
Galerie bildete die würdige Unterbringung der fünfzehn
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