Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Die Neugestaltung der kaiserlichen Gemäldegalerie in Wien

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Bauernbrueghel. Durch das ungünstige Oberlicht, die ge-
drängte Hängung, das stark spiegelnde, jede intensivere
Betrachtung oft bis zur Unmöglichkeit erschwerende Schutz-
glas und die Konfrontierung mit schwächeren Nachfolgern
bei gleichen Sujets waren die Bilder bei der alten Aufstellung
äußerst ungünstig placiert. In die bestehenden Kabinette
konnten die Gemälde gleichfalls nicht verteilt werden,
nicht nur weil man die in ihrer Gesamtheit so wirkungs-
volle Serie dann in getrennten Räumen hätte unterbringen
müssen, sondern auch weil diese Kabinette unverhältnis-
mäßig klein gebaut sind und die Krümmung der Wände
sich bei der Breite der Gemälde besonders unangenehm
bemerkbar gemacht hätte. So erschien es als entsprechendste
Lösung, die Brueghel in dem einzigen größeren Seiten-
lichtsaal der Galerie unterzubringen. Da die Wände
dieses Saales von den drei Fenstern viel zu weit entfernt
sind, um für die Aufnahme so hervorragender Bilder
genügend beleuchtet zu sein, mußte ein zweckmäßiger
Holzeinbau gemacht werden. Es wurde also an der Rück-
seite des Saales ein freier Durchgang gelassen, der das
Dürerkabinett mit dem ersten der altniederländischen
Kabinette verbindet und eine von dem Forscher gegen-
über der alten Aufstellung angenehm empfundene Nach-
barschaft herstellt. Es leuchtet dem Besucher nun schon
von weitem das Allerheiligenbild entgegen. An die
Fenster wurden drei zusammenhängende Kompartimente
gerückt, von denen jedes fünf Wände aufweist, die im
Winkel von 135 Graden aufeinander stoßen und je einen
Brueghel tragen. Abgesehen von dem vorzüglichen Lichte
bot dieser Einbau noch den Vorteil, daß für jedes Bild
der geeignetste Platz gesucht werden und die Länge der
einzelnen Wände nach der Breite des Bildes bestimmt
werden konnte. Der schwere schwarze Steinsockel wurde
hier natürlich weggelassen, so daß die Bilder tiefer ge-
hängt werden konnten, ungefähr mit dem Horizont in
Augenhöhe des Beschauers, der nun den richtigen Gesamf-
eindruck gewinnen und alle Einzelheiten, auch die der
oberen Bildhälfte, genau betrachten kann. Die vor Zugluft
geschützte Lage des Einbaus gestattet auch die Entfernung
der lästigen Schutzgläser. Die Einteilung der Bilder
wurde so getroffen, daß das erste Kompartiment die fünf
kleiner-figurigen, der früheren Entwicklungsperiode ent-
stammenden Gemälde des Meisters aufnahm, die noch den
überhöhten Horizont aufweisen und für die das Überfüllen
der Bildfläche mit einander gleichgeordneten Einzelmotiven
so charakteristisch ist. DasMittelkompartiment enthält an der
Rückwand die stark stilisierte, im Gesamtwerk des Meisters
isoliert stehende Bekehrung Pauli, an den Schrägwänden die
Dorfkirmes und die Bauernhochzeit und an den kürzeren
Seitenwänden den Vogeldieb und das Fragment vom
Fest des heiligen Martin, das Direktor Glück im Depot
entdeckt hatte und das nun zum erstenmal zugänglich
gemacht ist. Auf dieses Mittelkomparliment mit den
größer-figurigen Bildern folgt das dritte mit den Land-
schaften, den drei Monatsbildern, dem Seesturm und der
kleinen Schlacht zwischen Philistern und Israeliten, bei
der die ganz winzigen Figuren fast schon zu bloßer
Staffage für die Gebirgslandschaft herabgesunken sind.
Die Rückwand des Saales, die von den Kompartimenten
nicht gesehen werden kann, soll rein dekorativ mit vier
großen Panneaux ausgeschmückt werden, und zwar wurden
zu diesem Zwecke die gobelinartig wirkenden Monats-
bilder, Teppichvorlagen nach Entwürfen Jan van den
Hoeckes gewählt.

Den Brueghel-Saal und den Saal der niederländischen
Manieristen verbinden drei Seitenlichtkabinette mit neun
Kompartimenten, die bestimmt wurden, die Kabinettstücke
niederländischer Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts

aufzunehmen. Wenn eine rein chronologisch fortlaufende
Aufstellung ins Werk gesetzt werden sollte, so blieb nur
die einzige Möglichkeit, an der einen oder anderen Stelle
krass abzusetzen und neben Brueghel oder neben Spranger
und Mor mit van Eyck zu beginnen. Dies hätte außer-
dem die Unannehmlichkeit mit sich gebracht, für das
Kabinett der Primitiven kein geschlossenes, sondern wie
bei der alten Aufstellung ein durch eine große Seiten-
tür unterbrochenes Kompartiment wählen zu müssen.
Man griff daher zu dem Ausweg, die Primitiven in ein
Mittelkompartiment unterzubringen und von hier aus nach
rechts und links die Bilder nach den zwei entwicklungs-
geschichtlichen Hauptströmen zu verteilen, von denen der
eine mit den Bildsujets der Groteske und der Landschaft
in erster Linie zu Brueghel, der andere mit den figürlich-
religiösen Darstellungen und den Porträts zu den Manie-
risten und zu Antonis Mor überleitet. Das erste Kom-
partiment nach dem Brueghelsaal enthält die direkten
Vorläufer dieses großen Künstlers, die Werke von Bosch
und Patenier. An der durch die Türe isolierten Schmalwand
hängen noch zwei Bilder, die unmittelbar auf den großen
Brueghel zurückgehen, aber wegen der relativ geringeren
Qualität nicht mit den Meisterwerken selbst zusammen-
gehängt werden sollten, nämlich die Winterlandschaft
von dem Sohne des Künstlers Peeter und eine aus der
Sekundärgalerie kommende farbkräftige Raufszene von
dem seltenen Marten van Cleve. Das nächste Kompar-
timent ist mit Bildern der Jahrhundertwende behängt,
die noch keinen romanistischen Einschlag zeigen und teils,
wie der Isenbrant und der Benson der Gerard David-
Schule, teils wie der Altar des Meisters von Frankfurt
der Antwerpner Gruppe angehören. Wir gelangen nun
in den geschlossenen Primitivenraum. Die Rückwand
nimmt der Kreuzigungsaltar Rogiers van der Weyden ein,
von der einen der Seitenwände leuchtet uns in der
Mitte der Kardinal Jan van Eycks zwischen dem Sünden-
fall und der Beweinung van der Goes entgegen. Darüber
hängt das Michaelaltärchen Gerard Davids, an den Seiten
fällt unter anderm Eycks Jan de Leeuw auf. Auch das
früher Brueghel zugeschriebene Narrenbildnis wurde,
seiner wirklichen Entstehungszeit entsprechend, auf dieser
Wand untergebracht. Auf der anderen Seitenwand sind
die Memlings placiert und dazwischen unter den kleinen
Heiligen in der Art des Rogier zwei neuerworbene treff-
lich erhaltene Täfelchen von besonderem Reiz der Farbe
und sehr frischer und origineller Erfindung. Es sind
die Kreuztragung und die Kreuznagelung aus der großen
Folge des Lebens Christi, die der in Spanien tätige
Niederländer Juan de Flandes für seine Herrin Isabella
von Kastilien malte. Einen Teil 4er Folge, deren Rest
heute im Madrider Schloß bewahrt wird, hat Dürer auf
seiner niederländischen Reise bei der Erzherzogin Mar-
garete bewundert, ein anderer ist in englische und
deutsche Sammlungen verstreut. Das nächste Kompartiment
enthält an der Rückseite den großen Hieronymusaltar von
Jakob Cornelisz van Amsterdam und an den Seitenwänden
je eine der großen Tafeln Geertgens van Haarlem. An-
schließend konnte im nächsten Raum noch eine holländische
Wand gebildet werden durch die wohl noch dem Ende
des 15. Jahrhunderts angehörige anonyme Beweinung,
durch die Beschneidung Christi von Scorel und das Flügel-
altärchen von Cornelis Engelbrechtsz, das aus den früher
für sich gerahmten Einzelbestandteilen wieder in die ur-
sprüngliche Form versetzt wurde. Es folgen die Werke
der ersten Italienfahrer, des Gossaert, Orley, des Meisters
vom Tode der Maria. Mit den Spätwerken dieser Künstler
und kleineren Bildnissen von Pourbus, Key usw. wurden
auch die wenigen kleinen Bildnisse von Franzosen des
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