Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

Page: 17
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1915/0018
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang

1914/1915

Nr. 2. 9. Oktober 1914

^ ----" ' J-------& __ _ _

Die Kim«Mirn..;i, .. j j ^ I ZI ZT- „- f,-»ita<w ieder Woche (im Juli und August nach Bedarf) und kosten halbjährlich 6 Mark.
Man abonnlrt L • ^ n Kunstaarkt erscheinen am Fre'^e Tür Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden,

ldEÄSwnS? U v1" Jta*h"??ta»* be' nVelf AU^Briefschafien unJSendungen sind zu richten an E. A.Seemann, Leipzig, Hospitalstr. IIa.
^^ffiffitf^W^ Kun-tnurtg kostenfrei. Anzeigen 30 PL dfe Pe^e,Py "Up^. tenre.

JOSEF EBERZ
Der Mangel an bestimmten Aufträgen, unter
dem die Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts
zu leiden hatten, und der — wenn auch in ver-
ringertem Maße — leider auch für unsere Gene-
ration noch typisch ist, trug nicht zum wenigsten
die Schuld an der Verkümmerung so mancher Be-
gabung. Die Nachforschung nach den Gründen weist
bis tief in das 19. Jahrhundert zurück und zeigt, daß
die in seinem Laufe ausgebildeten Kunstanschauungen
weit mehr für jene bedauerliche Erscheinung verant-
wortlich zu machen sind als die außerordentliche
Steigerung des Angebots an Bildern. — Das Tafel-
gemälde war mit der völligen Lostrennung der Kunst
vom Zunft- und Handwerkbetrieb zur ausschließlichen
Geltung gelangt. Die »Freiheit« des Künstlers war
die Losung des Tages. Sie sollte sich darin offenbaren,
daß der Maler von nun ab keinerlei Einwirkung von
außen mehr zu dulden brauchte. Auch die Wahl des
darzustellenden Gegenstandes ward so sein eifer-
süchtig gehütetes Vorrecht. Nicht in der künstlerisch
gelösten Wiedergabe eines von einem anderen ge-
wünschten Stoffes: Schon im Aufsuchen, wenn möglich
im Erfinden eines Stoffes glaubte er seine Originalität,
seine Phantasie und sein Künstlertum dartun zu müssen.
Die Neuheit des Vorwurfs aber war dem betrachtenden
— und kaufenden! — Publikum viel leichter verständ-
lich als die Neuheit der künstlerischen Lösung. So
entwickelte sich eine Überschätzung des Stofflichen,
und der Maler mußte einen guten Teil seiner besten
Kraft an eine Aufgabe verschwenden, die im Grunde
genommen gar keine malerisch-künstlerische war. Die
volle Freiheit des Künstlers, wie sie das 19. Jahrhun-
dert verstand, war jedoch überhaupt nur für den
Tafelmaler erreichbar. Auch der durch die Verfeine-
rung der Photographie (einer vermeintlichen Rivalin
für die Malerei) verstärkte Hang, in einer möglichst
getreuen Nachbildung der Natur das eigentlich Wert-
volle an einem Kunstwerk zu erblicken, lenkte Schaffende
und Genießende von dem Interesse an Werken ab,
die in Verbindung mit Architektur stehend von deren
Geiste durchdrungen sein müssen. Endlich gab es
wohl kaum eine Periode innerhalb der künstlerischen
Entwicklung, die so wenig architektonisch empfand
wie jene, der wir eben erst entwachsen.

Alle diese und noch andere Ursachen, die aufzu-
zählen hier zu weit führen würde, wirkten zusammen,
um das angliedernde Gemälde zurückzudrängen und um
festumgrenzte Aufträge zu einer Seltenheit zu machen.

Unsere Zeit ist architektonischer veranlagt. Be-
deutende Persönlichkeiten unter den Baumeistern haben
mit zäher Energie einen neuen Stil erobert, der, den
veränderten Baustoffen und der veränderten Kon-

struktionsweise Rechnung tragend, als Ausdruck unseres
modernen Empfindens gelten darf. Das Gefühl für
Rhythmus, für Klarheit und Ordnung der Formver-
hältnisse ist erstarkt. Auch bei den Malern und Plastikern,
die einzusehen beginnen, daß jene absolute Freiheit
zugleich einebedenklicheEinschränkungihrerSchaffens-
möglichkeiten bedeutete. Wieviel Förderung ein Künst-
ler aus einem größeren Auftrag mit seinen unmittel-
baren Folgen — Ersatz der hemmenden Sorge, ob der
Aufwand an Kraft, Zeit und Geld nicht vergeblich
gemacht ward, durch die fruchtbare, ob die Leistung
berechtigten Erwartungen genügen und neue Freunde
werben wird, Stellung einer klarumrissenen Aufgabe,
die keine willkürlichen Verlegenheitslösungen duldet
usw. — ziehen kann, mag man aus der Entwicklung
des jungen Stuttgarter Malers ersehen, dem diese
Zeilen gewidmet sind.

Josef Eberz ist im Jahre 1880 zu Limburg an
der Lahn geboren. Seine Jugend verlebte er in Frank-
furt a. M., wo er auch das Gymnasium besuchte. Beim
Abiturium bereits entschied er sich für den Beruf
eines Malers. Zwei Studienjahren in München unter
Habermann und Stuck folgten zwei weitere in Düssel-
dorf. 1907 zog Eberz nach Stuttgart, wo er zuerst
Schüler Landenbergers, dann Hölzeis war. Seit dem
vorigen Jahre lebt er in der gleichen Stadt als selb-
ständiger Künstler. Größere Studienreisen—nach Italien
oder nach Paris — hat er nicht unternommen.

Am meisten verdankt Eberz unter seinen Lehrern
zweifellos Adolf Holzel, dessen Methode, die gesetz-
mäßige Wirkung der künstlerischen Mittel zu ergründen
und im Kunstwerk zur Geltung zu bringen, einer
Richtung seiner eigenen natürlichen Veranlagung ent-
spricht. Die Bildung eines persönlichen Stils konnte
bei Eberz erst einsetzen, nachdem er die Absichten
seines Lehrers voll verstanden hatte. Hieraus erklärt
sich auch der zuerst langsame, fast unmerkliche, dann
plötzliche und sprunghafte Fortschritt in der Entwick-
lung des jungen Malers.

Bis zum Sommer 1912, der einen Schülerausflug
der Stuttgarter Akademie unter der Führung Hölzeis
nach Montjoie in der Eifel brachte, zeugten die
größeren und kleineren Gemälde, die Eberz mit
ernstem Fleiß malte, kaum von einer den Durchschnitt
wesentlich überragenden Begabung. Sie erzählen nur
von eifrigem Studium nach der Natur, von mühe-
vollen Versuchen, zu einer künstlerischen Lösung des
Bildproblems zu gelangen, von steter Beschäftigung
mit den Theorien Hölzeis und von der Aneignung
einer soliden technischen Mache. — Dann setzte eine
jähe Wandlung ein. Zunächst traten die rein forma-
listischen Experimente in den Vordergrund; aber wenn
sich auch in den figürlichen und landschaftlichen
loading ...