Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang

1914/1915

Nr. 6. 6. November 1914

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DIE GERECHTIGKEIT DES KAISERS TRAJAN
Ein Dantesloff und seine Darstellung in der Kunst

»Io dico di Traiano imperatore.«

Purg. X, v. 76.

Dante hat mit seinem Führer Virgil das Tor des
Läuterungsberges durchschritten und gelangt auf einem
schmalen, steilen Wege, der sich zwischen Felswänden
hin- und herwindet, zu dem ersten Kreise, einem
flachen, drei Manneslängen breiten Sims, auf dem
die Stolzen ihren Hochmut büßen. Hier sind Beispiele
der Demut mit so vollendeter Plastik dargestellt, daß
sie die Kunst des Polyklet beschämen, so realistisch,
daß man nicht nur die Handlung zu sehen, sondern
die Worte der dargestellten Personen zu hören glaubt.
Eines dieser Reliefs behandelt die Legende von der
Witwe, die dem an der Spitze des Heeres ausziehenden
Kaiser Trajan in die Zügel fällt und um Genugtuung
für ihren getöteten Sohn fleht. Der Kaiser vertröstet
sie auf seine Rückkehr aus dem Kriege, aber das un-
glückliche Weib will in ihrem Schmerze von einem
Aufschub nichts wissen: »Herr, wenn du nun nicht
zurückkehrst« (soll man mir straflos mein Liebstes
genommen haben?) »So wird mein Nachfolger dir
Recht verschaffen« entgegnete der Kaiser. »Was
nützt es dir, wenn dein Nachfolger seine Pflicht er-
füllt, du aber die deine verletzest?« Das Wort schien
auf den Kaiser einen tiefen Eindruck zu machen, denn
er schob den Feldzug auf, bis er den Schuldigen
bestraft und dem Weibe ihr Recht verschafft hatte. —
Dies in Kürze der Inhalt der 21 Verse des 10. Ge-
sanges vom Läuterungsberge, in denen der Dichter
trotz der knappen Schilderung ein Bild von größter
Anschaulichkeit vor unserem Auge erstehen läßt. Die
Verse lauten in Gildemeisters trefflicher Übersetzung:
Es zeigt in Marmor Roms erhabenen Mann,
Um dessenthalb, damit er selig werde,
O regor den wunderbaren Sieg gewann.
- Ich rede von Trajan, dem Herrn der Erde.
Und eine Witwe, der man wohl das Flehen
Und Trauern ansah, stand vor seinem Pferde,
Und rings um ihn war dicht gedrängt zu sehn,
Reisiger Troß, und über diesem Schwarme
Sah man in goldnem Feld die Adler wehn.
Inmitten aller dieser schien die Arme
Zu sprechen: »Herr, gewähre Rache mir!
Mein Sohn ist tot und ich vergeh im Harme,«
Er schien zu sagen: »Warte bis ich hier
Zurückgekehrt.« Und jene: »Herr,« — wie«einer,
Der Eile hat vor schmerzlicher Begier —
»Wenn du nun stirbst?« Und er: »So tut's statt meiner,
Der nach mir.« Sie: »Mag seine Plicht er tun,
Was nützt es dir, wenn du vergissest deiner?
Und er: »Sei guten Mut's, ich will nicht ruhn,
Bis ich die Schuld gelöst, noch früher gehen,
Das Recht gebeut's und Mitleid hält mich nun.«

Woher hat Dante diese Legende entnommen?1)
Zweifellos schöpfte er aus mehreren Quellen, zunächst
aus einer Sammlung von Anekdoten: Fiori di filosofi
e di molti savi, die man früher dem von Dante hoch-
geschätzten Brunetto Latini zuschrieb.

Eine zweite Quelle bot die Biographie des Papstes
Gregor des Großen von Paulus Diaconus 787 (hier
aber als späterer Zusatz) und die des Johannes Dia-
conus um 880, in der sich eine Erzählung findet,
die eine bald nach Gregors Tode 604 verfaßte und
in einem St. Galler Kodex noch erhaltene Legende
wiedergibt. Der Gregor-Biograph erzählt nämlich,
die schöne Tat Trajans sei dem Papste eingefallen,
als er über das Forum Trajani ging und er habe
darüber in der Peterskirche geweint, daß ein so
milder Fürst als Heide zu ewiger Höllenstrafe ver-
urteilt sei. In der nächsten Nacht vernahm er eine
Stimme, seine Bitte für Trajan sei erhört worden,
er solle aber nie wieder für einen Heiden beten.
Ein späterer Zusatz, der sich schon in der Legenda
Aurea des 13. Jahrhunderts findet, fügt hinzu, Gott
habe ihm zur Strafe die Wahl gelassen, ob er lieber
zwei Tage länger im Purgatorio bleiben wolle (der
Dante-Kommentator Francesco da Buti spricht von
einer Stunde) oder sein ganzes Leben an Hüftweh
leiden wolle — und Gregor wählte das Hüftweh.
Von einem Punkte dieser Erzählung aus bietet sich
ein Ausblick auf den früheren Weg der Legende.
Wenn sich Gregor gerade auf dem Trajans-Forum
der gerechten Handlung erinnert, so liegt der Grund
darin, daß man im 6. Jahrhundert auf einem Monu-
ment des Forum Trajanum einen Vorgang dargestellt
zu sehen glaubte, dessen wesentlichsten Zug bereits
Dio Cassius von Hadrian berichtet hatte: Eines Tages
traf der Kaiser auf der Straße eine Frau, welche eine
Bitte an ihn richtete. Er antwortete zunächst: ich
habe keine Zeit. Da rief sie: dann regiere auch nicht.
Darauf wandte er sich und gab ihr Gehör. Eine
besondere Stütze schien die Legende von dem Kaiser
und der Witwe durch Darstellungen auf Münzen und
auf den Reliefs der Triumphbogen zu finden, denn
auf ihnen sieht man häufig ein vor dem Kaiser knien-
des Weib, nämlich die Personifikation einer römi-
schen Provinz wie Achaia, Arabia usw. Solche
Münzen finden sich von Trajan ebenso oft wie von
Hadrian. Ein Triumphbogen in Benevent, errichtet
114 am Beginn der Via Trajana enthält ein Relief,
in welchem der Kaiser ein vor ihm kniendes Weib
erhebt; es ist die von ihm kolonisierte Dada. Noch

1) Diese Frage behandelt bereits 1878 Qaston Paris
La Legende de Trajan im 35. Bande der Bibliotheque de
l'ecole des hautes etudes.
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