Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Tizians Gemälde »Jupiter und Kallisto« bekannt als »Die himmlische und irdische Liebe«

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wonnen haben, der sie zum Heile Belgiens beim
Wiederaufbau der zerstörten Städte zur Geltung bringen
wird. Die Beispiele, die er u. a. in Mecheln und
Löwen vorführte, fanden den vollen Beifall der Teil-
nehmer. Auch für Oalizien und die besetzten Teile
Rußlands besteht die gleiche Aussicht; sie wird nach-
drücklich unterstützt durch die Eingaben an die deut-
sche und die Österreich-ungarische Reichsregierung.
Daß die Dinge in Ostpreußen auf gutem Wege sind,
zeigte Dr. Lindners Vortrag. Der entschiedene Ein-
spruch gegen das unerfreuliche halbamtliche Vorlagen-
werk für ländliche Bauten wird hoffentlich die an-
gestrebte Verhübscherung durch unangebrachte Ver-
zierungen und zusammengetragene Allerweltsmotivchen
gründlich vereiteln. Die Aussprache über Erweiterung
des völkerrechtlichen Schutzes der Kunstdenkmäler im
Kriege zeigte die großen Schwierigkeiten dieser Frage,
doch wird sie der Reichsregierung als Unterlage für
die künftige Behandlung des Denkmalschutzes im
Kriege sicherlich von Wert sein. Besonders erhebend
war die Teilnahme der österreichischen Vertreter an
der Tagung. Sie zeigte, daß Deutschland und Öster-
reich-Ungarn nicht nur mit den Kriegswaffen in der
Hand, sondern auch mit den Waffen der künstle-
rischen Kultur einig Hand in Hand zu gehen gewillt
sind; so hat auch diese Tagung das Band zwischen
den beiden verbündeten Staaten fester geknüpft. Die
Teilnahme der beiden Schweizer zeigte endlich, daß
auch diese Herren — bei voller Verwahrung des
neutralen Standpunktes der Schweiz — sachlich mit
den deutschen Denkmalpflegern übereinstimmen.

Weihe und Glanz erhielt die Tagung dadurch, daß
der deutsche Generalgouverneur in Belgien General-
oberst Freiherr von Bissing Exzellenz das Protektorat
übernommen hatte, daß er mit seinen höchsten Be-
amten an der Tagung teilnahm und mit voller Ent-
schiedenheit sich zu den Grundsätzen des Tages für
Denkmalpflege bekannte. So ist die Tagung glänzend
verlaufen; sie lieferte einen neuen Beweis für den
hohen Sinn deutscher Männer, die sich trotz Krieges-
not und trotz allen Verleumdungen der Gegner ein-
mütig im besetzten Belgien zusammenfanden, um dort
über Aufgaben der künstlerischen Kultur zum Besten
dieses schwer heimgesuchten Landes zu beraten.

PAUL SCHUMANN

TIZIANS GEMÄLDE »JUPITER UND KALLISTO«
BEKANNT ALS »DIE HIMMLISCHE UND
IRDISCHE LIEBE«

Von Rudolf Schrey-Frankfurt a. M.

Männiglich bekannt und durch Wiedergaben jeder
Art Allgemeingut der Kulturmenschheit geworden, mit
Recht viel gepriesen als Hauptwerk der italienischen
»Hochrenaissance«, tritt uns jenes Gemälde Tizians
entgegen, das wir mit den geheimnisvollen, ein-
schmeichelnden Worten »Himmlische und irdische
Liebe« zu bezeichnen pflegen. Schon nahe an andert-
halb Jahrhunderte schieben sich diese scheuen Worte
von alt zu jung, viel gedeutet, viel gedreht und doch
noch nicht ausgeschöpft; nur allgemein empfunden

als unzureichend. Kunsthistoriker, ebenso wie Archäo-
logen und Philologen, zerfaserten den Namen und
das Bild, ohne doch zu einem endgültigen Ergebnis
zu gelangen. Wir könnten es uns wohl genug sein
lassen mit dem unbestreitbaren Besitz des Bildes über-
haupt, aber der Genuß auch des herrlichsten Bild-
werkes ist selbst für den Kunstkenner nicht ganz
restlos, wenn er keinen Namen finden kann, der die
Darstellung kurz, doch erschöpfend bezeichnet; wir
können uns damit nicht bescheiden, daß wir von
»Zwei Frauen am Brunnen« sprechen, denn es ist
dem, der sich nur im geringsten Maße mit der Kunst
jener Tage befaßt hat, klar, daß dem Gemälde ein
Anstoß von außen, eine geschichtliche Begebenheit,
oder eine literarische Quelle voranging. Noch ist es
also nicht gelungen, eine nur einigermaßen über-
zeugende Benennung zu finden; keinesfalls konnte die
bisherige aufrecht erhalten werden, und so spricht
man meist nur von der »sogenannten Himmlischen
und irdischen Liebe«. Gibt es denn überhaupt —
Geheimnisse des Glaubens sind ja hier ausgeschlossen
— eine himmlische und irdische Liebe? Hat man
Grenzscheiden, wo eine himmlische Liebe anfängt,
irdisch zu werden, oder eine irdische himmlisch? Soll
jene das Sinnbild der irdischen Liebe sein, die, nur
spärlich von einem Gewandstreifen umspielt, irdische
Leidenschaften wecken könnte? Doch nein, denn nie
ist ein nackter Leib keuscher gebildet worden; er
atmet eine Keuschheit, die menschliche Begierden gar
nicht wecken kann, das Auge saugt nur die Schönheit
der Form auf, in einem Zuge, ohne den bittern Nach-
geschmack entfachter Leidenschaft. Oder ist diese die
irdische Liebe, die sich angetan hat mit kostbaren
Stoffen, vielleicht ihre Liebe verschenkt hat, um sich
mit diesem Tand zu schmücken? Sie scheint des
Reichtums nicht froh zu sein, ihr müder Blick verrät
kein Genügen. Und so läßt sich dieses Fragespiel
immer fortsetzen, ohne Ergebnis, außer dem der Halt-
losigkeit der reizvollen, doch nichtssagenden Be-
nennung.

Wir sind vielleicht am Ziele vorbeigeschossen,
haben das Naheliegende nicht bemerkt, zerbrachen uns
den Kopf über ganz einfache Dinge, menschliche
Eigenschaften, die schon zu der Fabel vom Ei des
Kolumbus Veranlassung gaben. Lassen wir einmal
das Bild vor unserem Auge vorüberziehen. Links im
Hintergrund sprengt eine Reiterin dem Tore einer
befestigten Stadt zu, die zum Verwechseln denen ähn-
lich ist, die wir auf Giorgiones allbekannter Dresdner
Venus (von Tizian vollendet) und auf Tizians »Noli
me tangere« in der Londoner Nationalgalerie vor-
finden. Die Aufgabe, den Mittelgrund zu beleben,
hat ein Häschenpaar, Sinnbilder der Fruchtbarkeit, über-
nommen. Den Vordergrund beherrscht ein Marmor-
becken, das eine Quelle aufgenommen. Am Rande
links sitzt die bekleidete Schöne, rechts kaum mehr
als angelehnt die Unverhüllte, zwischen beiden plät-
schert lustig im Wasser Amor. Am Brunnen, der
antiken Sarkophagen ähnelt, ein Relief mit skizzen-
hafter Andeutung eines Pferdes und von sieben nackten
Gestalten, über die noch die Meinungen geteilt, wel-
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