Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Amerikanische Ausstellungsbriefe

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Spieler« ist eine der besten Arbeiten, die man von
diesem ja nicht allzu selbständigen Künstler in den
letzten Jahren zu sehen bekam. Fritz Rhein kommt
uns in seinem gediegenen weiblichen Bildnis und
dem »Dock von Middelburg« etwas überraschend
altmeisterlich. Die beiden Landschaften von W. Klemm
machen sehr gute Figur, wäre das allgemeine Niveau
der Ausstellung höher, so würden sie freilich nicht in
diesem Maß angenehm auffallen. Max Beckmann
scheint die diesjährige Ausstellung von vornherein
nicht hoch eingeschätzt zu haben, sonst hätte er doch
wohl qualitätvollere Arbeiten als diese beiden recht
flüchtigen Bilder geschickt. Carl Reiser scheint das
Klima seiner bayrischen Berge doch viel besser zu
bekommen als die Luft von Florenz, seine Floren-
tiner Landschaften kann man beim besten Willen
nicht als gelungen bezeichnen. L. Bock sei die ver-
unglückte »Kreuzigung« nicht zu stark angekreidet,
in Anbetracht der sehr tüchtigen und noch besseres
versprechenden Arbeiten, die er uns in seinen kleinen
Landschaften geboten hat. Dagegen muß man nach
wie vor die oberflächliche, sich von allen möglichen
fremden Elementen nährende Kunst eines Erbslöh
entschieden ablehnen, der mit zwei wenig erfreulichen
Landschaften vertreten ist. Etwas besser steht es mit
Schwalbach, der sich wohl etwas früh in eine be-
stimmte Manier verrannt hat, trotzdem aber die
Hoffnung auf eine weitere interessante Entwicklung
zuläßt.

Unter den plastischen Arbeiten ist an erster Stelle
die als Ausschnitt geistvoll gedachte und namentlich
im Profil sehr lebendig wirkende Büste des Kron-
prinzen Rupprecht von Hildebrand zu nennen. Von

G. Kolbe sieht man eine vorzügliche Porträtbüste:

H. van de Velde, und die für den Künstler sehr
charakteristischen Bronzefiguren »Somalineger« und
»Amazone«.

Der sehr beachtenswerte »Tote Christus« des
Berliners W. O e r s t e I ist wohl manchem schon von früher
her bekannt. Sehr Gutes haben auch diesmal wieder
Ludwig Gies und Hans Lindl in ihren Medaillen
und Plaketten geleistet. Unter den Zeichnungen
seien neben denen Gulbranssons und Th.Th. Heines
die von H. v. Hayeck, Franz Klemmer und
Fr. Wimmer hier kurz genannt. A. L. M.

AMERIKANISCHE AUSSTELLUNGSBRIEFE
Von Karl Eugen Schmidt

I

San Diego

Die Amerikaner haben nicht nur eine, sondern
gleich zwei sogenannte Weltausstellungen in diesem
Jahre des Weltkrieges veranstaltet, die eine in San
Francisco, die andere in dem gleichfalls im Staate
Kalifornien, aber ganz im Süden, achtzehn Stunden
Eisenbahnfahrt von San Francisco entfernt gelegenen
kleineren Städtchen San Diego. Eine Weltausstellung
ist weder die eine noch die andere, denn die im Kriege
stehende Welt hat sich nur zum Teil mit den Aus-
stellungen befassen können, und nach San Diego ist

überhaupt nichts Ausländisches gekommen, abgesehen
von den Chinesen und Japanern, welche mit der pa-
cifischen Küste Amerikas in enger Verbindung stehen,
zahlreiche Kolonien hier haben und demgemäß viel
Waren hier absetzen.

Trotzdem die Ausstellung von San Diego nur eine
kleine Lokalsache ist, bestimmt, die Amerikaner des
Ostens und Mittelwestens auf die Tatsache aufmerk-
sam zu machen, daß es hier in den Vereinigten Staaten
selbst ein weites Küstenland gibt, das an landschaft-
licher und pflanzlicher Schönheit nicht hinter der eu-
ropäischen Riviera zurücksteht, während sein Klima
weit angenehmer ist, gibt es doch auch hier allerlei
Interessantes, und alles in allem ist diese Veranstaltung
eine der hübschesten dieser Art. Das verdankt San
Diego vor allem seinem erwähnten wunderbaren Klima,
das weder Sommer noch Winter in unserm Sinne
kennt, sondern in ewigem Frühling prangt, also daß
das Grünen und Blühen niemals aufhört und die ganze
Ausstellung nur ein einziger herrlicher Märchengarten
ist. Sodann hat man den Bauleitern der Ausstellung
dafür zu danken, daß sie nicht die bei Ausstellungen
jetzt schon herkömmlich gewordenen korinthischen
Säulenhallen, Pantheonkuppeln, Barocktürme und da-
zwischen das Gewimmel der dekorativen Figuren und
Brunnen aus nach Marmor, Granit und Bronze aus-
sehendem Pappdeckel und Stuck hervorgezaubert, son-
dern sich an einen Stil gehalten haben, der neu für
uns ist und somit den Beschauer mehr interessiert
als jene Nachklänge der Antike, der Renaissance und
anderer schulgerechter Baustile.

Wie die nach dem Norden gekommenen Neu-Eng-
länder in ihren Kirchen und sonstigen, mehr oder
weniger anspruchsvollen Bauten die heimische Bauart
beibehielten, so daß sich die meisten dieser amerika-
nischen Bauwerke wenig oder gar nicht von den gleich-
zeitig auf englischem Boden entstandenen Gebäuden
unterscheiden, so brachten auch die Spanier ihre Bau-
art nach der Neuen Welt mit. In beiden Fällen ging
das um so leichter, als die klimatischen Verhältnisse
in der alten und neuen Heimat einander in den gro-
ßen Linien ähnlich waren. Nordamerikas Klima ist
zwar in den Einzelheiten sehr verschieden von dem
Deutschlands und Englands, in der Hauptsache aber
stimmt es mit ihm überein, und ebenso verhält es sich
mit Mexiko und Südspanien, wo man die nämlichen
Adobehäuser findet, nicht nur weil Andalusier Mexiko
besiedelten, sondern auch weil diese Verwendung von
Lehmmauern sich in den beiden Ländern gleichmäßig
empfahl. Wahrscheinlich haben die Spanier die Adobe-
mauern gar nicht erst nach Amerika gebracht, sondern
sie fanden diese Technik hier schon vor, als sie das
Land eroberten.

Dagegen haben sie die Formen mitgebracht, und
alle größeren Bauwerke des spanischen Amerikas sind
ebenso spanisch wie die Sevillas oder Valladolids.
Die spanischen Stile hatten sich etwas anders entwickelt
als die gleichzeitigen Bauformen im übrigen Europa,
weil die arabischen oder maurischen Werkleute, welche
die Pläne der christlichen Baumeister ausführten, die
spielerischen Zierformen des ihnen geläufigen söge-
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