Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe — Personalien

und dem zurückgestellten Standbein nur mit den
Fußspitzen den Boden berührt, und die Balance durch
die seitlich ausgestreckten Arme herzustellen sucht, ist
jeglicher Eindruck des Schweren behoben und der
Eindruck des Sichschwingens und vom Boden Ab-
gelösten auf das Überzeugendste geschaffen, h. e. w.

NEKROLOGE

Wir haben einen lieben alten Freund und Mitarbeiter
verloren, der seit fast vierzig Jahren für uns tätig gewesen
ist. Unser Korrespondent in Venedig, der Maler August
Wolf, ist am 19. Februar im Alter von 72 Jahren entschlafen.
— August Wolf ist weil bekannt geworden als Kopist des
Grafen Schack; und Schack hat ihm ja auch in dem Buche
über seine Gemäldesammlung im vierzehnten Kapitel eine
ausführliche Würdigung voller Anerkennung zuteil werden
lassen. Wolf selbst, den wir in den letzten Jahren öfters
in Venedig noch sprachen, war voll dauernder Dankbarkeit
gegen Schack erfüllt, und verurteilte die Angriffe, die Len-
bach und andere Schützlinge Schacks in späteren Jahren
gegen sein Mäzenatentum erhoben haben. Im ganzen hat
Wolf für Schack achtundvierzig, zum Teile sehr große Ge-
mälde, hauptsächlich der venezianischen Schule, in den
Jahren 1870 bis 1880 kopiert. Dadurch schuf er sich ein
Ansehen, das ihn jahrelang zu einem gesuchten Kopisten
machte. Daneben hat er auch Eigenes geschaffen, meist
im Stile seiner Vorbilder; aber diese Werke sind, wie er
gelegentlich selbst mitgeteilt hat, merkwürdigerweise viel
nach Amerika gegangen. In der Aula des Polytechnikums
in Karlsruhe hat er sich durch ein großes Wandbild, Fama
betitelt, verewigt. — August Wolf war am 20. April 1842
im badischen Städtchen Weinheim geboren; er studierte
in Karlsruhe, eine Zeitlang auch bei Canon. 1870 machte
er die Bekanntschaft des Grafen Sckack, der ihn nach Venedig
schickte, wo er sich für das Leben ansässig machte, und
eine Italienerin Emilia Ferrari heiratete. Einer seiner
Söhne ist der zu weitem Ruhm gelangte Opernkomponist
Wolf-Ferrari. Seit 1876 war August Wolf unser treuer Mit-
arbeiter. Seine Berichte über das, was es in Venedig an
neuen Ausstellungen, Veränderungen und Wiederherstel-
lungen gab, waren für den Kreis unserer Leser eine alt-
gewohnte und stets zuverlässige Quelle, deren Verlust jeder
beklagen wird. Interessant war es auch, den alten Wolf,
der in den letzten Jahren sehr von Leiden heimgesucht
war, über Feuerbach, zu dem er mancherlei Beziehungen
hatte, plaudern zu hören. Er war auch einer von den
wenigen Deutschen, die die Gondel mit Feuerbachs sterb-
lichen Resten zum Bahnhof geleitet und sich um die
Bergung seines Nachlasses bemüht haben. Von den ihm
damals von Feuerbachs Mutter angebotenen Erinnerungs-
stücken hat er in seiner bescheidenen Weise keinen Ge-
brauch gemacht, sondern sich nur das weiße Gewand be-
halten, in das Feuerbachs Modell gekleidet war, da der
Meister sie als Iphigenie malte. a. k.

Graf Ferdinand von Harrach ist im Alter von83Jahren
in Berlin verschieden. Er war in Rosnochau in Oberschlesien
geboren. Als Schüler des Grafen Stanislaus von Kalckreuth
kam er von Düsseldorf nach Weimar. Seinen Ruf begrün-
dete die Berliner Ausstellung von 1872, die ihm die große
Goldene Medaille eintrug. Er war Senator der Kgl. Akademie
der Künste und Ehrenmitglied des Vereins Berliner Künstler.
Man erinnert sich noch der Kollektivausstellung, die vor
wenigen Jahren im Hause dieses Vereins veranstaltet wurde,
um den Achtzigjährigen zu feiern. Eine Reihe frischer
Studien zeugten von einem guten Auge und einer sicheren
Hand. Aber für die großen historischen und religiösen
Themen, die er für seine Bilder gern wählte, fehlte es ihm

an überlegener Beherrschung des Stoffes. Er blieb am
Einzelnen haften und sah in einer peinlichen Vollendung
das Ziel seiner Kunst. Auch in den Porträts fehlt die
Schlagkraft einer überzeugenden Persönlichkeit. Auch hier
muß eine sachliche Treue im Detail für den Mangel einer
tieferen künstlerischen Konzeption entschädigen. Graf
Harrach machte den Krieg von 1870 im Hauptquatier des
Kronprinzen mit. Bekannt sind eine Reihe von Bildern,
die damals entstanden. Eines von ihnen befindet sich in
der Berliner Nationalgalerie, die im ganzen vier Werke des
Künstlers besitzt.

Bei den Kämpfen im Argonnenwald fiel Ende Januar
ein junger Düsseldorfer Künstler, Hans Wiegand. Als
Landschaftsmaler und Radierer hatte er eben begonnen,
die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde auf sich zu lenken.
Wiegand war aus Merseburg gebürtig, und in Düsseldorf
ein Schüler von Adolf Lins und der Kunstakademie ge-
wesen. Er hat nur ein Alter von 25 Jahren erreicht.

Am 16. Februar starb in München der Maler Alfred
von Wierusz-Kowalski. Er war am 11. Oktober 1849
in der russischen Kreishauplstadt Suwalki geboren, studierte
zunächst in Warschau, Dresden und Prag und wurde dann
Schüler von A. Wagner an der Münchener Akademie. Vor
allem schloß er sich in München an seinen Landsmann
Josef von Brandt an. Wie dieser pflegte er die Genre-
malerei , wobei er häufig Motive aus seiner polnischen
Heimat verwertete. Einen besonderen Publikumserfolg er-
rang er mit seinen Winterbildern mit raublustigen Wölfen
als Staffage. Seine Bilder, oft geschickt in der Mache, be-
sitzen lediglich illustrativen Wert. ai. m.

PERSONALIEN

Seit dem Ableben Johannes Schillings nimmt Adolf v.
Donndorf, der am 16. Februar achtzig Jahre alt wurde, den
Ehrenplatz eines Nestors der deutschen Bildhauerkunst ein.
Er ist der Letzte, der in unserer Zeit die Überlieferung der
Bildhauerschule Rauchs verkörpert. Zwar ist Donndorf
nicht mehr selbst Rauchs Schüler gewesen, wohl aber ist
er als ein Enkelschüler des Meisters anzusehen, indem er
seine künstlerischen Lehrjahre bei Ernst Rietschel durch-
gemacht hat. Der Weimarer Tischlerssohn hatte schon in
der thüringischen Hauptstadt die Aufmerksamkeit Friedrich
Prellers erregt und erfreute sich dann in Dresden des be-
sonderen Vertrauens Rietschels. Als Rietschel im Jahre 1861
über dem großen Werke des Luther-Denkmals für Worms
dahinstarb, da waren es Donndorf und Kietz, denen die
Vollendung dieses Denkmals anvertraut wurde, und neben
einer Reihe anderer Einzelgestalten war es besonders der
Lutherkopf, den Donndorf schaffen durfte. Er hat gerade
hierbei jene glückliche Fähigkeit zum monumentalen Bild-
nisse betätigt, die er später noch in einer ganzen Reihe
von Werken, z. B. in der Düsseldorfer Cornelius-Büste, in
den Bildnissen Bismarcks, Moltkes, Vischers usw. bewährt
hat. Besonders in den siebziger und achtziger Jahren zählte
Donndorf zu den meistbeschäftigten deutschen Bildhauern.
Die Reihe seiner Werke ist groß; eine ganze Anzahl davon,
wie z. B. das Burschenschaftsdenkmal in Jena, das Bach-
denkmal in Eisenach, das Reiterdenkmal des Herzogs Karl
August in Weimar sind besonders bekannt und geradezu
volkstümlich geworden. In Stuttgart, wo er seit 1877 als
Akademieprofessor wirkt, hat er eine zweite Heimat ge-
funden.

Der Leiter der Berliner Studienateliers für Malerei und
Plastik, der Bildhauer Professor Arthur Lewin-Funcke,
gibt zum 1. März die Leitung des Bildhauer-Ateliers seiner
Schule auf. Sein Nachfolger wird der Berliner Professor
August Kraus.
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