Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Personalien

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den; einzig die Tuchhalle in Gent ist bei verhältnis-
mäßig geringer Breite dreischiffig.

Auf die fundamentale Wichtigkeit dieser Erschei-
nung der symmetrisch zweischiffigen (bezw. vierschif-
figen) Anlage habe ich bereits vor Jahren hingewiesen*)
und kann mich daher hier kurz fassen. Die symme-
trisch dreischiffige Anlage ist eine Erbschaft der
römischen Antike, die dann für die Form auch der
christlichen Basilika kanonische Geltung erlangt. Scharf
setzen sich dagegen die deutschen Pfalzen des Mittel-
alters ab, deren Säle, soweit wir sehen können, aus-
nahmslos zweischiffige Einteilung aufweisen. Die
größeren karolingischen Pfalzen dagegen scheinen
— und für die Ingelheimer ist dies sicher — dem
Schema der antiken Basilika mit ihrer Dreischiffigkeit
zu folgen. Sie bleibt aber offenbar eine Episode,
und die mittelalterlichen Pfalzen setzen jedenfalls eine
Überlieferung fort, die in die Vorzeit des altgerma-
nischen Heldenzeitalters hinaufreicht. Und diese Tra-
dition nehmen dann auch — von verhältnismäßig
wenigen Ausnahmen abgesehen — die Säle in den
größeren Burgen, die Rathäuser, die Zunfthallen, all-
mählich auch die klösterlichen Wohnbauten, wie Re-
fektorium, Dormitorium usw., ja sogar kirchliche Bau-
werke auf: nicht nur kleinerer Art wie Kapellen,
sondern auch größere Anlagen. Aus unserem Gebiet
wäre z. B. die vierschiffige Kirche St. Jakob in Gent
zu nennen.2) Erst während der Renaissance, und
auch hier erst allmählich, entwickelt sich das Bedürf-
nis nach einheitlichen, durch keine Mittelstützen in
ihrem Anblick beeinträchtigten Räumen. In diesen
Zusammenhang reihen sich also nun auch die auf
dem Boden der südlichen Niederlande entstandenen
Rathäuser und Hallenbauten ein.

Gewiß ist bei unserer Aufzählung und Schilderung
noch manches Interessante übersehen worden, wie es
an einer zusammenfassenden Bearbeitung des Themas
bisher leider eben fehlt.8) Der Wunsch ist nicht ab-
zuweisen, daß gerade jetzt, wo die Wiederherstellung
einzelner Bauten sowieso genauere Aufnahmen und
Forschungen notwendig machen dürfte, an eine Grund-
legung für eine eindringende Behandlung und
würdige Publikation des wichtigen, hier be-
reit liegenden Materials gedacht werden möchte.
Es handelt sich um Werke germanischer Bau-
gesinnung; denn nicht nur sind die Vlamen Nieder-
deutsche, sondern auch die romanisierten Wallonen
sind zum*'größten Teile fränkischer Abstammung.
Ihre Rathäuser, noch mehr,, ihre Hallenbauten sind
eigenartige Zeugnisse dieser Baugesinnung, die sich
im eigentlichen Deutschland nicht in gleicher Weise,
nicht in gleichem Umfang und gleicher Großartigkeit

1) Studien zum romanischen Wohnbau a. a. O. Vgl.
dazu: Die Anlage zweischiffiger Räume in Deutschland.
Repertorium für Kunstwissenschaft. XXV. (1902).

2) H. Hymans: Oent und Tournai. Berühmte Kunst-
stätten; Bd. 14. S. 49.

3) Zu nennen dagegen ist die kleine anregende;Studie
von,M. Schweisthal: La Halle Qermanique et^ses trans-
formations. Bruxelles 1907. Vgl. meine Besprechung im
Repert. für Kunstwiss. 1908.

ausgesprochen hat. Sammelt und bearbeitet man die
Zeugnisse dieser Profankunst bis herunter zu den
vielleicht zunächst unscheinbar aussehenden Vertretern,
so wird unter Umständen von hier aus auch noch
Licht auf die alte germanische Baukunst fallen, die
doch endlich einmal auch als Gesamtphänomen in
monumentaler Weise wird geschildert werden müssen.
Aber auch davon abgesehen wird dieser Zweig süd-
niederländischen Profanbaues eines der glänzendsten
Kapitel der Baugeschichte überhaupt bilden; bereiten
wir vor, daß es geschrieben werden kann, so werden
wir künftighin des Dankes auch derjenigen gewiß
sein dürfen, die heute vielleicht noch sich von dem Ge-
wäsch über deutsches Barbarentum imponieren lassen.

. PERSONALIEN
Der Berliner Maler Konrad Dielitz vollendete am
20. Januar sein siebzigstes Lebensjahr. In den siebziger
Jahren begannen seine Erfolge als Bildnismaler. Alle die
Großen jener Zeit hat Dielitz nach dem Leben gemalt,
die drei Kaiser, Bismarck und Moltke. Kronprinz Friedrich
schenkte am 8. März 1879 dem Generalfeldmarschall Moltke
zum 60jährigen Dienstjubiläum sein Bildnis von der Hand
des Künstlers. In Sofia hat er den Bulgarenfürsten Alexander
gemalt. Lord Carrington, Werner v. Siemens und viele
andere haben ihm gesessen. Dielitz besitzt die goldene
Medaille von Berlin aus dem Jahre 1883 und wurde auch
auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 ausgezeichnet.

An der Kgl. Kunstakademie zu Dresden sind nun-
mehr nach Gotthard Kühls Tode drei Lehrstellen frei, denn
auch die Stelle Hermann Prelis und die des Architekten
Herrmann sind noch nicht besetzt. Da somit die beiden
ersten Ateliers für Geschichts- und für Genremalerei (so
ist die amtliche Bezeichnung) nicht besetzt sind, so dürfte
sich die Regierung nun doch wohl bald entschließen, ent-
weder wenigstens diese beiden wichtigen Stellen zu be-
setzen oder aber zugleich an die allgemeine Umbildung
der Akademie heranzugehen. Die Besetzung der beiden
Stellen dürfte nicht viel Mühe machen, denn in Robert
Sterl, Karl Bantzer, Oskar Zwintscher und Georg Lührig be-
sitzen wir in Dresden eine Reihe ausgezeichneter Dresdner
Maler, aus denen die geeignete Auswahl wirklich nicht
schwer ist. Georg Lührig, der sich gegenwärtig in einer
seinem Können nicht entfernt angemessenen Stellung an
der Kgl. Kunstgewerbeschule befindet, ist der erste Monu-
mentalmaler Dresdens; erst im vorigen Jahre ersuchten
mehr als 60 Dresdner Künstler aus allen Vereinen und aus
der Akademie — darunter auch Gotthard Kühl — den Rat
zu Dresden, Lührig einen neuen Auttrag zu einem Monu-
mentalgemälde zu geben, nachdem er durch die Ausmalung
des Treppenhauses im Kgl. Kultusministerium einen so
glänzenden Beweis seines Könnens gegeben hatte. Eine
solche Einigkeit in der Bewertung eines Künstlers durch
seine Kollegen dürfte selten sein. Es dürfte jetzt an der
Zeit sein, diesem Künstler eine seiner Bedeutung würdige
Stellung zu geben. — Aber auch eine allgemeine Um-
bildung der Einrichtungen der Akademie dürfte sich gerade
jetzt empfehlen. Es handelt sich vor allem um den aka-
demischen Rat, dem von Künstlern jetzt noch Robert Diez,
Eugen Bracht, Otto Gußmann, Karl Bantzer, Georg Wrba
und German Bestelmeyer angehören. Es ist schlechter-
dings nicht einzusehen, warum ihm beispielsweise so her-
vorragende Künstler, wie Robert Sterl, Richard Müller,
Oskar Zwintscher und Emanuel Hegenbarth nicht ange-
hören sollen. Nach der gegenwärtigen Einrichtung gehören
dem akademischen Rate nämlich nur die Vorsteher der
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