Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Personalien — Denkmäler — Krieg und Kunst

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Als besonders gelungen möchte ich die Münchener
und die Niederbayerische Abteilung bezeichnen. Neben
Arbeiten Grassers sind einige höchst reizvolle Arbeiten
eines Unbekannten (die wie die Chorgestühlfiguren
Grassers aus der Frauenkirche stammen) hier in glück-
licher Weise zur Aufstellung gelangt. Die Golgatha-
figuren Grassers aus Pipping sollen demnächst von
der späteren entstellenden Fassung befreit werden, die
alte Fassung scheint ausgezeichnet wieder heraus-
zukommen. In dieser Abteilung haben auch einige
Geschenke des Hofrat Röhrer Aufstellung gefunden:
neben einigen weniger bedeutenden Bildern von einem
Altarwerk der Donauschule um 1520 eine kleine,
ganz ausgezeichnet erhaltene, geschnitzte spätgotische
»Pietä«. Bei der Niederbayerischen Gruppe erfreut
die geschmackvolle Anordnung der Werke Lein-
bergers, Rottalers und Krenis ganz besonders. Das
früher zu hoch aufgestellte machtvolle, überlebens-
große Marienrelief Leinbergers (von dem Triumph-
bogen einer Kirche) kann man jetzt endlich ordentlich
genießen. Die auf der Auktion der Sammlung Oertel
erworbene große Magdalena des gleichen Künstlers
hat, was sich ja von selbst versteht, gleichfalls hier
Aufstellung gefunden.

Die hohen Wände des Raumes sind mit Arbeiten
dritten Ranges gut belebt. Auf den Pfeilern sind
nunmehr, auf Konsolen stehend, in sehr wirkungs-
voller Weise große Skulpturen aufgestellt, die früher
auf Postamenten sehr unglücklich wirkten: ein spät-
gotischer Johannes und eine Maria einer Münchener
Golgathagruppe werden hier gleichen Figuren von
gleich hoher Qualität der fränkischen Schule gegen-
übergestellt.

Es steht zu hoffen, daß die Museumsleitung auf
diesem so erfolgreich eingeschlagenen Wege fort-
fährt; es gibt da noch genug zu tun. Die schlimmsten
Fälle, wo Skulpturen Gobelins überschnitten und ver-
deckten oder auf reichen Möbeln thronend ein un-
beachtetes Dasein führten, sind ja wohl jetzt aus-
gemerzt. Aber aus dunklen Ecken gibt es noch
manches hervorzuholen. So hängen z. B. im ersten
Ottheinrichsaal zwei äußerst interessante Salzburger
Reliefs aus der Zeit um 1520 derart im Dunkeln, daß
weder ein Studium noch ein rein künstlerischer Genuß
dieser Arbeiten möglich ist.

Eine direkte Bereicherung der Sammlung bedeutet
es auch, daß das wichtige große Imhoffepitaph, das
Veit Stoß sehr nahe steht, aus dem Waffensaal, wo
es gar nicht hingehörte, jedoch zwischen Partisanen
an der Fensterwand sein Dasein fristete, jetzt ins
gotische Lapidarium überführt wurde und nun an
seinem richtigen Platze steht.

Im ersten Stock sind im Saal der unedlen Metalle
nunmehr die deutschen Bronzen systematisch geordnet
und in einfacher, aber sehr geschmackvoller Weise
aufgestellt; ebenso wurde der erste Kostümsaal neu-
geordnet. Dort kann man jetzt die im Königlichen
Generalkonservatorium mit bestem Erfolg wiederher-
gerichteten Kostüme aus den Lauringer Fürstengräbern
bewundern, alles Stücke ersten Ranges von größter
Bedeutung. Die umfangreichen, hier kurz besprochenen

Veränderungen wurden von Prof. Dr. Ph. M. Halm
geleitet, der dabei von den Herren Dr. Buchheit und
Dr. Berliner tatkräftig unterstützt wurde. A.L.M.

PERSONALIEN

Hans Semper, der Ordinarius für Kunstgeschichte
an der Innsbrucker Universität, vollendete am 12. März
sein 70. Lebensjahr. Als Sohn des berühmten Architekten
und Ästhetikers Hans Semper wurde er in Dresden ge-
boren. Als Kunstforscher betätigte er sich zunächst auf
dem Gebiete der italienischen Skulptur. Bekannt ist sein
Werk über Donatello. 1880 verfaßte er eine Lebens-
beschreibung seines Vaters. Nachdem er sich 1876 in
Innsbruck habilitiert und 1885 zum ordentlichen Professor
ernannt worden war, wandte er sich vor allem der Er-
forschung der Kunst seiner neuen Heimat zu. Seine Haupt-
arbeit galt dem Meister Michael Pacher. Das 1911 er-
schienene Sammelwerk vereinigt unter dessen Namen die
ganze Reihe wertvoller Studien Sempers zur Kunstge-
schichte der Alpenländer.

Paul Hoeniger, der bekannte Berliner Maler, beging
am 10. März seinen 50. Geburtstag. Hoeniger ist ge-
borener Berliner. Er studierte auf der Akademie seiner
Vaterstadt und in München. Er ist einer der wenigen,
die den Versuch machten, das Berliner Straßenbild künst-
lerisch zu verarbeiten. Seine Bilder der malerischen alten
Stadtteile wie der modernen Verkehrsstraßen sind von
vielen Ausstellungen her bekannt.

DENKMÄLER
Das Denkmal, das Ernst von Wildenbruch in
Weimar gesetzt werden soll, hat Professor Richard Engel-
mann jetzt vollendet. Es ist eine überlebensgroße Bronze-
figur, eine freie künstlerische Darstellung, die nicht den
Menschen Wildenbruch wiedergibt, die das Wesen des
Dichters zu fassen sucht. Der Künstler hat die edle Figur
eines jugendlichen Kämpfers geschaffen, die frei und leicht
dasteht, die Rechte an dem kurzen Schwerte, das sie ziehen
will. Der Kopf, den ein knapper griechischer Helm deckt,
blickt zurück wie zum Abschied. Der Jüngling wird auf
einem schlanken Sockel sich erheben. Dieser wächst aus
einem runden, flachen Brunnenbecken empor. Das Bronze-
werk wird in Weimar im Park gegenüber der Fürstengruft
vor einer Baumgruppe Aufstellung finden. Auf den Sockel
kommt das Wort Wildenbruchs: »Ich kämpfe nicht um an-
zugreifen, sondern um zu verteidigen.«

KRIEG UND KUNST
Wilhelm Schmidtbonn gab im »Berliner Tageblatt« die
Äußerungen einer maßgebenden Persönlichkeit zur Frage
der Verbringung belgischer Kunstwerke nach Eng-
land wieder. Darnach ist aus Antwerpen kein einziges
Kunstwerk verbracht worden. Alles, was im Katalog des
Großen königlichen Museums (Koninglijk Museum van
Schoone Künsten) verzeichnet ist, ist vorhanden, ohne eine
einzige Ausnahme. Was in den Kirchen an Wertvollem
war, ist vor der Beschießung natürlich in Sicherheit ge-
bracht worden. Das Beste ins königliche Museum. So die
drei weltbekannten Rubens: »Die Kreuzaufrichtung«, »Die
Kreuzabnah me«, die beide 1794 von den Franzosen nach
Paris mitgenommen, 1816 aber zurückgegeben und dann
in der Kathedrale aufgestellt wurden, »die Himmelfahrt
Mariä«. Ebenso aus der Augustinerkirche die van Dycksche
»Vision des heiligen Augustin« und die Rubensche »Ver-
mählung der heiligen Katharina«. Ebensoviele Gemälde
der St. Pauluskirche. Die Bilder der St. Jakobskirche wurden
in dem Gewölbe unter der Kirche sicher untergebracht.
Auch in den Kellern der Akademie befinden sich Bilder
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