Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Wanderungen mit Rembrandt in und um Amsterdam

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Malers Martin Bernat, von dem gleich ausführlicher zu
sprechen sein wird. Stimmt nun auch Serranos Annahme
nicht, daß der große So. Domingo im Museo Arqueologico
zu Madrid von jenem 1477—79 entstandenen Altarwerk
stammt, so dürfen wir doch jetzt mit Sicherheit behaupten,
was verschiedenen Gelehrten bisher höchst hypothetisch
war: daß der von Bertaux konstruierte »Meister des So.
Domingo de Silos« und Bartolome Vermejo ein und die-
selbe Persönlichkeit sind; das heißt also, die von mir schon
immer für Vermejo in Anspruch genommene Sa. Engracia
der Sammlung Gardner in Boston, der oben genannte So.
Domingo und der aus S. Martin nach So. Domingo zu
Daroca überführte Martinsaltar mit den herrlichen monu-
mentalen Gestalten der Heiligen Martin, Clemens und Magda-
lena sind Arbeiten Vermejos, die wohl alle in den siebziger
oder frühen achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts zu Zaragoza
entstanden sind, in der Periode, da der Meister das Tripty-
chon, das sich jetzt im Dom zu Aqui befindet, geschaffen hat.
Überblickt man das jetzt verhältnismäßig recht ansehnlich
gewordene »Oeuvre« des Künstlers, so muß man sagen, daß
er der bedeutendste und eigenartigste Schüler Jan van Eycks
in Spanien genannt zu werden verdient. Mir ist es jetzt
doch recht zweifelhaft geworden, ob man einen Studien-
aufenthalt des Meisters in den Niederlanden für unwahr-
scheinlich erklären und lediglich ein Studium der Nieder-
länder in Kopien, wie sie etwa Dalmau mitbrachte, an-
nehmen darf. Es ist kaum glaublich, daß Vermejo aus
Kopien eines Landsmannes oder irgend eines anderen all
das erlernt hat, was wir in seinen Werken als niederlän-
dische Schulung erkennen. Schon die überaus vollendete
Maltechnik weist auf engste Beziehung zu Eyck und seiner
Schule. Fast scheint es, als ob Bartholome Vermejo der-
jenige war, der die Ölmalerei in Aragon eingeführt hat.
Seit 1475 bereits finden wir Vorträge, in denen die For-
derung aufgestellt wird, das Retablo habe in allen Teilen
in Ölmalerei ausgeführt zu werden. Sehr häufig wird doppelte
Ausführung verlangt, d.h. meistens die Grundierung mitNuß-
öl, die weitere Ausführung in Leinöl. Gleichzeitig sei hier
bemerkt, daß in den von Serrano publizierten Kontrakten
sehr häufig bestimmte Forderungen für das Kolorit auf-
gestellt werden. So findet sich wiederholt bei figurenreichen
Tafeln die Bestimmung: von den Figuren müssen je zwei
brokatfarben, blau, rot und grün sein; bei den übrigen wird
die Farbe dem Künstler überlassen. Serrano möchte auch
die sicher vor 1456, vielleicht schon um 1450 entstandene
Tafel mit den Heiligen Martin und Thekla im erzbischöf-
lichen Palais zu Zaragoza Vermejo zuweisen. Das scheint
mir doch zu gewagt. Gewiß weist dieses von einem für
den Erzbischof Dalmau de Mur gemalten Altarwerk stam-
mende Bild einen gewissen Einfluß Eycks auf, für Bartolome
Vermejo ist es aber doch etwas zu schwach, selbst als ver-
meintliches Jugendwerk. Ich weiß auch nicht, ob Serrano
damit im Recht ist, wenn er den in einem Schriftstück von
1499 zu Zaragoza erwähnten »maese Bartolomeu pintor«
ohne weiteres mit unserem Meister identifiziert. Wir haben
bisher keinen Anlaß, daran zu zweifeln, daß Vermejo nach
seiner Übersiedelung nach Barcelona dort geblieben und
gestorben ist.

Mit Bartolome Vermejo hat während seiner Tätigkeit
in Zaragoza Martin Bernat und offenbar auch dessen Mit-
arbeiter Miguel Ximenez in enger Beziehung gestanden.
Martin Bernat, den wir schon weiter oben flüchtig kennen
gelernt haben, war Aragonier von Geburt, sehr vermögend
und mit dem bedeutenden Bildhauer Gil Morlanes und dem
aus Konstanz stammenden deutschen Buchhändler Paulo
Hurus (Paulo de Costancia alaman, mercader de libros de
emprenta) befreundet. Er war sehr beschäftigt (11. 12. 1487
Kontrakt für Allerheiligenaltarwerk in der Seo zu Zaragoza;

Okt. 1492 Ret. de S. Gorgonio für S. Pablo ebenda; 10. 3.
1493 Konktrakl für Allerheiligenaltar nach Muster des Zara-
gozaner für Kathedrale zu Tarazona), so daß es verständ-
lich ist, daß er vielfach mit einem anderen die Arbeit teilte.
Dieser andere ist gleichfalls ein Bürger von Zaragoza, von
dem uns glücklicherweise eine — Serrano unbekannt ge-
bliebene — Arbeit erhalten ist: Miguel Ximenez, der Autor
der Tafeln eines Michael-Retablo in der Sammlung Cuno
Kocherthaler zu Madrid. V. v. Loga hat sie im »Archiv für
Kunstgeschichte« II. Tafel 125—128 veröffentlicht. Xime-
nez war ihm sonst gänzlich unbekannt, er hat aber sehr
richtig bemerkt, daß er ein aragonesischer Quattrocentist
gewesen sein muß. Ehe ich mich hier mit diesen Tafeln
noch etwas näher beschäftige, bemerke ich, daß Ximenez
1475 in Ölmalerei den Fabian und Sebastian-Altar für die
Pfarrkirche von Paniza ausgeführt hat, 28. 11. 1475 Kontrakt
mit der Witwe des Bürgermeisters von Escatron für ein
Retablo schloß und seit 1482 häufig mit Bernat zusammen-
arbeitet: 3. 1. 1482 Vertr. für Petersaltar i. d. Seo zu Zara-
goza, 10. 6. 1489 für Hochaltar im Conv. S. Agustin ebenda.
Von ganz außerordentlicher Wichtigkeit ist hier die Kontrakt-
bedingung, daß die sechs Szenen aus dem Leben des hl.
Augustin denen des Augustinretablos zu Barcelona nach-
gebildet sein sollen, und daß die Maler sich mit einem
Mönch zum Studium jener Tafeln nach Barcelona zu be-
geben haben, um die besten davon zu kopieren und dann
für ihre eigene Arbeit zu verwenden. Es kann kaum einem
Zweifel unterliegen, daß mit jenem Altarwerk zu Barcelona
das Meisterwerk des Pablo Vergos gemeint ist, für das
wir somit auch einen willkommenen genauen terminus ante
quem erhalten. Vielleicht steht mit dieser Arbeit der Zara-
gozaner Künstler auch die »Augustinkrönung« im Museum
der Hispanic Society of America zu New York in Beziehung,
die früher irrigerweise als eine Arbeit des Pablo Vergos
galt und eine augenscheinlich von einem aragonesischen
Künstler stammende kleinere Variante der machtvollen
Schöpfung des P. Vergos ist. Es scheint mir gar nicht aus-
geschlossen, daß diese Tafel von dem Hochaltar aus S.
Agustin zu Zaragoza stammt. Die beiden Zaragozaner Maler
haben dann noch 1. 8. 1496 einen Vertrag für einen dem
Leben und Leiden Christi gewidmeten Altar der Iglesia
Mayor von Salvatierra abgeschlossen.

Auch für die schon kurz genannten Tafeln der Samm-
lung Kocherthaler scheint die Reise unserer beiden Künst-
ler nach Barcelona einen terminus post quem abzugeben.
Die »Prozession« (Taf. 127) des Miguel Ximenez weist in
unverkennbarer Weise den Einfluß des Pablo Vergos auf
und erinnert besonders lebhaft an die singenden Geistlichen
auf der »Einkleidung des hl. Vinzens« (abgebildet in meiner
Gesch. d. Span. Malerei I, 85). Es war mir schon immer
zweifelhaft, ob sämtliche Tafeln dieses Michael-Retablos von
einer Hand sind. Nach dem uns nun vorliegenden Akten-
material möchte ich mit Sicherheit behaupten, daß nur die
kleineren ziemlich mittelmäßigen Tafeln, von denen ja die
Auferstehung signiert ist, von Ximenez stammen. Die großen
Tafeln dagegen mit den Gestalten der Heiligen Michael und
Katharina sind so erheblich viel besser, daß man sie wohl
unbedenklich dem Mitarbeiter des Ximenez: Martin Bernat
zuschreiben darf. Die Beziehung dieser beiden Tafeln zu
Vermejo ist so klar, der Einfluß des großen Cordobesen auf
den Aragonesen Bernat so offenkundig, daß längere Erörte-
rungen hierüber sich wohl erübrigen. August L. Mayer.

WANDERUNGEN MIT REMBRANDT IN UND UM
AMSTERDAM

Von der großen Zahl gezeichneter und radierter Land-
schaften Rembrandts haben sich bisher nur sehr wenige
in bezug auf die Örtlichkeit, die sie darstellen, näher be-
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