Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Denkmalpflege — Denkmäler —

Wettbewerbe — Krieg und Kunst

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berg tätig und wurde 1894 nach Tübingen berufen, wo er
im Jahre 1905 Rektor der Universität gewesen ist und eine
Zeitlang auch im Nebenamt die Stuttgarter Gemäldegalerie
leitete und mustergültig katalogisierte. Seine ersten wissen-
schaftlichen Arbeiten bewegten sich auf dem Gebiet der
klassischen Antike. Er schrieb über die Komposition der
Agineten und verfolgte das Motiv des aufgestützten Fußes.
Zusammen mit dem Nürnberger Archivar Fuhse gab er
die Schriften Albrecht Dürers heraus. Eine Arbeit be-
schäftigt sich mit Peter Flötner. Weniger glücklich war
eine Studie über den Amor des Michelangelo, den Lange
wiedergefunden zu haben glaubte. Das literarische Haupt-
werk des Gelehrten, eine bedeutende, groß angelegte
Ästhetik, die unter dem Titel »Das Wesen der Kunst« 1901
zuerst erschien, ist vielfach diskutiert worden. Lange sieht
das Wesen des künstlerischen Genusses in einer bewußten
Selbsttäuschung über die Realität des dargestellten Gegen-
standes, den der Betrachter für wirklich halte, obwohl er
sich seiner bloßen Scheinexistenz bewußt bleibe. Zwei
Schriften, »Schön und praktisch« und »Der Zweck der
Kunst«, ziehen weitere Folgerungen aus der in dem Haupt-
werk entwickelten Grundanschauung des Gelehrten, die
natürlich in den wenigen Worten hier nur angedeutet, nicht
umschrieben sein soll.

Der zweite Vorsitzende des Vereins Berliner Künstler,
der Bildhauer Sigismund Wernekinck, der seit Beginn
des Krieges als Oberleutnant eines Ersatzregiments im
Felde steht, ist zum Hauptmann und Kompaniechef be-
fördert worden.

DENKMALPFLEGE
Venedig. Nach dem Sturze des Campanile von S. Marco
1902 wurden, wie man weiß, alle Denkmäler der Architektur
Venedigs untersucht, dadurch fand man auch in der Kirche
von S. Nicolö dei Mendicoli, die ganz verlassen in einem
Winkel Venedigs steht, Bodensenkungen, und so beschloß
die Kommission, den so interessanten Bau, der aus dem
7. Jahrhundert stammt, zu restaurieren. Einstweilen wurde
die Kirche geschlossen. Dieses Monument hat viele Ver-
änderungen im Laufe der Zeit erlebt, so daß vom ursprüng-
lichen Bau nur noch der Chor übrig ist; im 13. Jahrhundert
hat man ihn so restauriert, wie er jetzt aussieht, im 14. Jahr-
hundert wurde wieder daran gearbeitet, und jede Epoche
hat etwas zurückgelassen, bis zum Jahre 1500. Da die
Kirche in einem armen Winkel Venedigs steht, wurde sie
immer vernachlässigt. Wichtig ist sie wegen der Zere-
monien, die hier von 1300 bis 1700 abgehalten wurden:
der sogenannte »Gastaldo grando dei Nicolotti« wurde dort
gewählt in Gegenwart eines Gesandten des Dogen, einem
der »Pregadi«. — Er war eine Art »Volksführer«, und wer
weiß, welche Rivalität zwischen »Nicolotti«: und »Castellani«
herrschte, kann sich denken, was für eine Bedeutung diese
Wahl hatte! — Jetzt also, durch die Arbeit des »Ufficio
Regionale dei monumenti«, kann man diesen Bau, welcher
eine »Kunstgeschichtec genannt werden darf, fast fertig
bewundern, mit seinem romanischen, gotischen und barocken
Teilen; die Arbeit ist schon sehr weit gediehen. Bei der
Fundamentierung wurde der Rest zweier Säulen, die am
Portal standen, bevor man die zwei großen gotischen
Arkaden baute, gefunden. Hierauf wurden die Mauern be-
festigt; es war aber nicht möglich, die scharfe Neigung
nach rechts aufzuheben. Bei der Restaurierung des Daches
ist ein wunderbares Balkenwerk ans Licht gekommen, ein
wahres Juwel vergoldeter und eingelegter Arbeit, die aus
dem 13. Jahrhundert zu stammen scheint und mit einem
einfachen Bewurf verdeckt war. Einen Teil davon muß
man wieder zudecken, um die Bilder, die zurzeit im Dogen-

palast aufbewahrt sind, an ihren alten Platz zu stellen.
Die anderen Arbeiten werden bald vollendet sein, wie
der Boden, die Wände, und man hofft, alle die abscheu-
lichen Häuschen, welche wie Austern an den Klippen an
der Kirche angewachsen sind, entfernen zu können (was
für den Moment Schwierigkeiten zu machen scheint), damit
die äußere Erscheinung dieses kunsthistorischen Kleinods
gewinne und dem Bewunderer in ihrer Reinheit wieder-
geschenkt werde.

In der Frarikirche werden die Arbeiten eifrig weiter-
geführt.

Ein Projekt, das in der letzten Zeit viel Aufruhr ge-
bracht hat, war die Frage, ob eine neue Brückenverbindung
Venedigs mit dem Festland Mestre gebaut werden sollte
oder nicht. Diese Idee entstand infolge der Arbeitslosigkeit,
fand aber, wie in anderen Zeiten, viele Gegengründe, be-
sonders bei den Künstlern, die bei einer akademischen
Sitzung laut protestierten, da Venedig ohne praktischen
Nutzen seinen lokalen Charakter verlieren würde. Für den
Moment spricht man nicht mehr davon!

Teodora Wolf-Ferrari.

DENKMÄLER

Grabdenkmal für Paul Heyse. Neben dem Grabe
Paul Heyses auf dem Münchener Waldfriedhof wird dem-
nächst sich das künstlerisch ausgeführte Denkmal erheben,
das Bildhauer Professor Erwin Kurz und Architekt Orlando
Kurz ausgeführt haben. Das Monument wird eine Sehens-
würdigkeit des Waldfriedhofes werden. Es hat drei Meter
Höhe und sieben Meter Breite und ist in altklassischen
Formen gehalten. Auf einer Platte im Mittelteil des Auf-
baus ist das getreue Profilbild Heyses angebracht, darunter
der Name des Dichters und eine Leier. Für die Be-
pflanzung vor dem Denkmal sind junge Waldbäume be-
stimmt, die so gepflanzt werden, daß sie sich dem klas-
sischen künstlerischen Rahmen, in dem das Reliefbild ruht,
harmonisch anpassen werden.

WETTBEWERBE
Die Preismünze der Stadt Leipzig für die Bugra
1914. Das Preisgericht zur Beurteilung der 23 rechtzeitig
eingegangenen Entwürfe zu einer Preismünze der Stadt
Leipzig für die internationale Ausstellung für Buchgewerbe
und Graphik, Leipzig 1914, hat je einen Preis in gleicher
Höhe zuerkannt: dem Entwürfe mit dem Kennwort: »Kultur
und Volk« (Verfasser: Paul Fleischhack in Leipzig-Reudnitz),
dem Entwürfe mit dem Kennwort: »Lipsia« (Verfasser:
Professor Felix Pfeifer in Leipzig) und dem Entwürfe mit
dem Kennwort: »Mit wenig Mitteln« (Verfasser: Bildhauer
Felix Kunze in Leipzig-Schleußig).

KRIEG UND KUNST
Ein Ehrenfriedhof in Ohligs. Bei dem engeren
Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für einen Ehren-
friedhof für die im Felde gefallenen und in den Lazaretten
von Ohligs verstorbenen Krieger wurde der Entwurf
Artur Stütings aus Barmen zur Ausführung bestimmt. Das
für den Friedhof bestimmte Grundstück liegt im westlichen
Stadtteil an der Ohligser Heide und ist etwa 7000 qm groß.

Ein eigenartiges Kriegsdenkmal ist dieser Tage auf
dem Wiener Schwarzenberg-Platz aufgestellt worden. Es
ist ein »Wehrmann in Eisen«, ein Werk des Bildhauers
Professor Joseph Müllner. Mit ihm will das Zentralkomitee
des Witwen- und Waisenfonds der gesamten bewaffneten
Machtdes Kaiserstaates eine Erinnerung an den Krieg schaffen
nach dem Vorbilde das alten Wahrzeichens von Wien, des
»Stockes in Eisen«, der gegenüber dem Stefansdom an der
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