Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Veränderungen und Neuerwerbungen der Haager Museen

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Dem 17. Jahrhundert gehört auch die künstlerisch
bedeutsamste Erwerbung der letzten Jahre an, der
1679 datierte und voll bezeichnete Tempelgang von
Aert de Gelder, ein Werk desjenigen Rembrandt-
schülers, der durch seine Auffassung, durch das Leben,
das er seinen Figuren einzuhauchen weiß, und durch
seine Malweise, den pastosen Farbenauftrag, die Vor-
liebe für goldgelbe und rote Töne von starker Leucht-
kraft und sein magisches Helldunkel seinem Meister
am nächsten kommt. Das neue Werk lehrt de Gelder
von seiner besten Seite kennen; es ist deshalb noch
von besonderem Interesse, weil hier verschiedene von
Rembrandt bearbeitete Motive geschickt variiert sind.
So erinnert es in der ganzen Komposition und vor-
nehmlich in einer Figur, in der in der Mitte des
Vordergrunds nach rechts sich entfernenden gebückten
alten Frau an die Radierung Darstellung im Tempel
in Breitformat, deren Hanna dem Künstler bei der
alten Frau als bewußtes oder unbewußtes Vorbild ge-
dient hat. Auch mit den Gemälden Darbringung im
Tempel (im Mauritshuis) und der Ehebrecherin (in
London) besteht eine gewisse Verwandtschaft; ähnlich
wie Rembrandt hat hier de Gelder die hohe Tempel-
architektur mit den breiten Treppenstufen und den in
den Hintergrund weichenden dunkeln Gewölben mit
den unbestimmten Gestalten als wirkungsvolle Kon-
trastkulisse zu dem hellen Vordergrund verwendet.
Auch an die Rembrandtsche Radierung Die Synagoge
(B. 126) wird man erinnert, obwohl von einer direkten
Entlehnung der vor dem Tempel herumstehenden,
schwatzend ihre Köpfe zusammensteckenden Juden
keine Rede sein kann. Eine Gruppe rechts am Ein-
gang zum Tempel zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit
dem Petrus und Johannes mit dem Lahmen (B. 94);
aber in diesen drei Figuren mit Lilienfeld die Haupt-
personen sehen zu wollen, scheint mir zu gezwungen.
Als die Hauptgruppe drängen sich einem doch die
drei Personen im Mittelgrund auf, der Mann und die
Frau mit dem kleinen Knaben, die sich gerade um-
wenden, während sie auf den Tempel zuschreiten:
die heilige Familie, die mit dem sechsjährigen Jesus
zum Passahfeste in den Tempel geht. Auf das Passah-
fest deutet auch das Schaf, das ein Mann im Vordergrund
zum Opfer bringen will. Auf eine weitere Reminiszenz
hat Martin hingewiesen; nämlich die Gruppe der
zwei aus dem Gemälde herausschreitenden Orientalen
im Vordergrund links, bei denen de Gelder offenbar
die beiden Hauptpersonen der Nachtwache, der Haupt-
mann Banning Cocq und sein Leutnant van Ruyten-
burg, vorgeschwebt haben; besonders auffallend ist die
Übereinstimmung in Gang und Haltung der rechten
Figur. Ähnlich wie bei Rembrandt funkeln und leuch-
ten auch die prächtigen Kostüme dieser beiden Juden-
typen. — Das schöne Werk läßt sich bis in die Mitte
des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen; auf der Auktion
Seger Tierens, im Haag 1743, wird es zuerst genannt.
Descamps hat es auf seiner Reise gesehen und der
Erwähnung für wert gehalten. Sein letzter Besitzer
war Jules Porges in Paris, von dem es Kleinberger
erwarb, der es dem Museum geschenkt hat.

Die jüngste Erwerbung der Galerie ist ein Werk

eines Zeitgenossen von de Gelder, des Michiel
van Musscher, der aber schon zu der Klasse der
Feinmaler der Verfallzeit gerechnet werden muß, wie
alle Holländer jener Zeit; de Gelder ist eine ganz
isolierte Erscheinung. Dargestellt ist auf diesem Ge-
mälde der Resident der Generalstaaten in Nordafrika,
Thomas Hees; der reiche Handelsherr sitzt in
repräsentativer Haltung im Vestibül seines orientali-
schen Hauses an einem mit einer orientalischen Decke
bedeckten Tisch, umgeben von seinen beiden Söhnen
und einem Neger, die die Dienstbeflissenheit in per-
sona scheinen. Der ältere Sohn, ein geputzter junger
Mann, nähert sich von rechts mit einer ehrfurchts-
vollen Verbeugung und will ein Schriftstück überreichen;
der jüngere Sohn, noch ein Knabe, wartet mit einem
Gefäß in der Hand links hinter dem Stuhle des
Vaters auf, und rechts dahinter steht der Mohr mit
dem Mantel des Herrn über dem Arm, die lange
Pfeife desselben in Empfang nehmend. An der hell-
grauen Wand hängen Jagdwaffen und ein großer
Spiegel in pompösem Barockrahmen, in dem sich die
nicht sichtbare gegenüberliegende Säulenhalle und die
oben entlanglaufende Galerie, sowie einige im Hofe
stehende Personen spiegeln. Auf dem Tische liegen
ein aufgeschlagener Atlas, ferner einige Bücher und
andere Gegenstände, unter denen eine kostbare, mit
Silber gestickte Mappe von rotem Samt auffällt. Diese
Mappe besteht noch und ist zusammen mit dem Ge-
mälde Eigentum des Museums geworden. Den Fliesen-
boden des Vestibüls bedeckt teilweise ein orienta-
lischer Teppich. Die Signatur des Künstlers und die
Jahreszahl 1687 finden sich in gotischen Lettern auf
der Tischdecke. Das sehr akkurat ausgeführte Werk
ist in angenehmen warmen Farben gehalten; die
stärkste Note bildet das Rot der Pumphosen der
Hauptperson; von einem stumpfen kalten Rot ist das
Gesicht dieses Mannes. Das Gemälde ist ein Ge-
schenk des Jonkheer W. Hora Siccama.

Die zwei schönen Werke, die Bredius, dem das
Museum schon so viel verdankt, in den letzten Jahren
leihweise überlassen hat, bedürfen keiner Besprechung,
da sie in der Fachliteratur schon verschiedentlich
charakterisiert worden sind; sie seien nur genannt: ein
Meisterwerk von Salomon van Ruysdael, eine Fluß-
landschaft mit Fähre, früher im Besitze von R. Kann
in Paris, und im Katalog dieser Sammlung repro-
duziert, sowie eine betrunkene Frau von Jan Steen,
die von der Rembrandt - Ausstellung in Leiden 1906
her bekannt ist. (Siehe Martin in Monatshefte für
Kunstwissenschaft 1910.)

Drei weitere schöne Erwerbungen stammen aus
dem 18. Jahrhundert, das man meistens gewohnt ist,
soweit es Holland betrifft, als eine Periode künst-
lerischen Tiefstandes zu betrachten. Mit Unrecht.
Gerade das Mauritshuis zeigt uns, daß dieses Urteil
sehr revisionsbedürftig ist; im Ryksmuseum in Amster-
dam finden sich ja auch sehr charakteristische Bei-
spiele für diese Zeit; aber sie hängen in dem weit-
läufigen Gebäude so zerstreut, daß sie sich in der
Ungeheuern Menge von Gemälden des 17. Jahr-
hunderts ganz verlieren. Das Mauritshuis besaß schon
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