Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Krieg und Kunst — Ausstellungen — Sammlungen

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KRIEG UND KUNST

Die Vernichtung des Farbenfundes von Herne-
St. Hubert in Belgien. Aus Tongeren, einer Stadt des
südlichen Teils der belgischen Provinz Limburg, kommt
die Nachricht, daß der für die Geschichte der Maltechnik
wichtige und in vielfacher Beziehung hochinteressante
Farbenfund des zwischen Herne und St. Hubert aufge-
deckten römischen Grabes nebst Tausenden von Urnen,
Münzen und antiken Gegenständen, die der unermüdliche
Eigentümer, Francois Huybrigts, im Laufe jahrzehntelanger
Grabungen zutage gefördert hatte, durch die Beschießung
des Ortes ein Raub des Flammen geworden ist. Professor
Ernst Berger berichtet ausführlich darüber in den von ihm
herausgegebenen »Münchener kunsttechnischen Blättern«
(Verlag E. A. Seemann in Leipzig); auch in seiner »Mal-
technik des Altertums« ist die außerordentlich wichtige
Entdeckung bereits eingehend behandelt worden.

Im Mai 1898 wurden bei Herne-St. Hubert in der Nähe
des nördlichst gelegenen römischen Kastells Aduatuca (jetzt
Tongres, Tongeren) in einem Tumulus nebst zahlreichen
Objekten (Urnen, Tonkrügen, Schüsseln aus Bronze, Waffen
mit den Abzeichen eines höheren Beamten: Phaleren) zahl-
reiche Farbenreste und für Malzwecke geeignetes Hand-
werkszeug gefunden. Die Farben bestanden in einer großen
Zahl (über 100 Stück) kleiner Würfel (1,3 cm breit und
lang, 1 cm hoch), die, wie es scheint, in mit Zwischen-
teilungen versehenen, völlig verwitterten Holzkästchen auf-
bewahrt worden waren; darunter mehrere Arten von Rot,
Gelb, verschiedene Schwarz, Blau, Grün und Grau. Diese
sowie einige größere Farbenstücke in Plattenform hatten
sich im Moment der Ausgrabung wie Butter schneiden
lassen. Auch weiße Farbe fand sich, die anscheinend durch
Zersetzung von Bleistücken entstanden war (Bleiweiß).
Des weiteren wurden in einem Bionzekästchen einge-
schlossen etwa 20 Bronzetiegel von 5X5 cm Höhe und
3 cm Durchmesser zutage gefördert, die mit Farben ver-
schiedener Art, wie Dunkelrot, Zinnober, Ocker, Schwarz
und Mischungen von dunkler Farbe gefüllt waren. In
nächster Nähe des Kästchens mit den erwähnten Farben
fand sich ein eisernes Etui mit Pinseln. Die Holzteile
dieser Pinsel waren sozusagen petrifiziert; man konnte aber
bei genauem Betrachten noch die Stellen unterscheiden, wo
die Pinselhaare befestigt gewesen waren. Von andern zum
Handwerkszeug des Malers gehörigen Objekten sind zu
erwähnen: einige Instrumente in der Art des Stilus, ein
langgestieltes Löffelchen aus Bronze, eine Platte aus grauem
Marmor und zwei eigenartig geformte Zirkel aus stark
oxydiertem Metall.

Es gibt nun noch einen ähnlichen Fund aus dem Alter-
tume im Norden: In St. Medard-des-Pres (Südfrankreich)
wurde i. J. 1847 ein römisches Malergab aufgedeckt, wo-
bei außer zahlreichen in Flaschen und Näpfchen befind-
lichen Farbenresten das wohl einzige auf uns gekommene
Instrumentarium eines enkaustischen Malers gefunden wurde.
Durch die von dem Pariser Chemiker Chevreul alsbald
vorgenommene Analyse der Farbenreste und einiger in
Tongefäßen befindlichen Materien wurde die Gegenwart
von Wachs und Mischungen von Wachs mit Harzen als
Bindemittel der Farben konstatiert. Die große Bedeutung
dieses Fundes für die Frage der antiken Enkaustik läßt sich
daran ermessen, daß es durch ihn, in Verbindung mit den
in Oberägypten zutage geförderten enkaustischen Mumien-
bildnissen, erst möglich war, eine richtige, d. h. der Wahr-
heit nahekommende Rekonstruktion dieser Malweise zu
schaffen, während man vorher, auf wenige und schwer

verständliche Schriftstellen antiker Autoren gestützt, nur
auf Vermutungen angewiesen war.

Durch den Farbenfund von Herne-St. Hubert ist die
Frage nach dem Bindemittel, mit dem die spätrömischen
Maler gemalt haben dürften, wieder lebhaft angeregt wor-
den, und der glückliche Finder, Francois Huybrigts, hat
auch bald darauf chemische Analysen an der Universität
zu Lüttich machen lassen, über die der Aufsatz der
»Münchner kunsttechn. Blätter« sich des längeren ausläßt.

Als vor einem Jahre der bekannte Weimarer Fachmann
auf dem Gebiete der Farbenforschung Prof. Dr. E. Raehl-
mann Mitteilung machte, daß er beabsichtigte, über die
Farbstoffe der Malerei in den verschiedenen Kunstperioden
mikroskopische und mikrochemische Untersuchung anzu-
stellen, machte Berger ihn auf den Fund von Herne-
St. Hubert aufmerksam, und durch seine Vermittlung wur-
den ihm von Huybrigts die benötigten Farbenproben des
Fundes zur Verfügung gestellt. In der inzwischen bei
E. A. Seemann erschienenen Publikation (Ȇber die Farb-
stoffe der Malerei in den verschiedenen Kunstperioden
nach mikroskopischen Untersuchungen«) hat Raehlmann
einige Farben des Fundes beschrieben. So ist der Fund
von Herne-St. Hubert noch für die Wissenschaft nutzbar
gemacht worden, bevor er für immer verloren gegangen ist.

AUSSTELLUNGEN
Ausstellung deutscher Waren unter fremder
Flagge. Die wichtige Angelegenheit ist seit unserem
letzten Bericht darüber weiter geklärt worden. Der Vor-
sitzende der Sächsischen Landesstelle für Kunstgewerbe
Direktor Groß hat sich inzwischen mit den zuständigen
Reichsbehörden, auch mit verschiedenen Fabrikantenver-
einigungen in Verbindung gesetzt; auch die Ständige
Deutsche Ausstellungskommission hat sich mit der ge-
planten Ausstellung befaßt. Es kann festgestellt werden,
daß die Ausstellung allgemeinen Anklang gefunden hat.
Die Ansicht, daß die deutsche Ausfuhr dadurch leiden
könnte, ist ganz vereinzelt geblieben. Allgemein ist die
Meinung durchgedrungen, daß die deutschen Erzeugnisse
endlich überall als solche bezeichnet und anerkannt werden
müssen. Außerdem soll die Ausstellung zeigen, daß die
deutsche Industrie durchweg in der Lage ist, den deutschen
Bedarf zu decken, daß ihre Erzeugnisse ausländischen, die
etwa hier und da bevorzugt wurden, ebenbürtig sind; sollte
sich aber bei einigen wenigen herausstellen, daß die aus-
ländischen besser sind, so wird das die deutschen Fabri-
kanten anspornen, den Vorsprung einzuholen. Endlich hat
sich die Ansicht geltend gemacht, daß die Ausstellung erst
nach dem Friedensschlüsse stattfinden sollte: die vielen
Fabrikanten, die im Felde stehen, würden benachteiligt
sein, wollte man die Ausstellung während des Krieges in
ihrer Abwesenseit veranstalten, so daß sie die Ausstellung
gar nicht oder nur mangelhaft beschicken könnten. Sicher
ist auch, daß die Ausstellung am umfassendsten wirken
wird, wenn sie als Wanderausstellung veranstaltet wird.
Einstweilen werden nach Möglichkeit alle nötigen Unter-
lagen beschafft, die für das Gelingen des wichtigen vater-
ländischen Unternehmens nötig erscheinen.

SAMMLUNGEN
Der kürzlich verstorbene Düsseldorfer Maler H. E.
Pohle vermachte den städtischen Kunstsammlungen in
Düsseldorf ein Gemälde »Überschwemmung am Rhein«
von seinem Vater, dem gleichnamigen Landschaftsmaler,
mehrere Studien desselben Künstlers und eine große Unter-
malung »Piazza del Popolo in Rom« von Oswald Achenbach.

Inhalt: Eine Demütigung J. O. Schadows. Von Hermann Ehrenberg. — Wilhelm Altheim f. — Personalien. — Ausschreibung eines Wettbewerbes
vom Rat der Stadt Leipzig zur Erlangung von Entwürfen für Ausstellungsmedaillen; Wettbewerb unter österreichischen Künstlern für
ein Denkmal des Bürgermeisters Dr. lohann Nepomuk Prix in Wien. — Die Vernichtung des Farbenfundes von Herne-St. Hubert in Belgien. —
Ausstellung deutscher Waren unter fremder Flagge. — H. E. Pohle vermacht den städtischen Kunstsammlungen in Düsseldorf ein Gemälde.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E.A.Seemann in Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., Leipzig
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