Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Vermischtes

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Moritz Stiibei, Der Landschaftsmaler Johann Alexander
Thiele und seine sächsischen Prospekte. (Leipzig und
Berlin 1914.)

Für die jetzt neu einsetzende Forschung über die
deutsche Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts ist dieses
kluge und überaus gründliche Werk über den sächsischen
Landschaftsmaler Thiele ein guter und nützlicher Beitrag.
Nützlich und dankenswert auch insofern, als Moritz Stübel
in den Kapiteln über Thieles Tätigkeit in Dresden brauch-
bares Material zur Kunstgeschichte der sächsischen Residenz
liefert. Die ausführliche, auf eingehende Archivforschungen
gestützte Schilderung der Lebensumstände des Künstlers
und die Reproduktionen von zahlreichen bisher schwer zu-
gänglichen Prospekten vermögen nicht, das Bild, das man
sich bisher auf Grund spärlicherer Proben von der künst-
lerischen Persönlichkeit Joh. Alex. Thiele gemacht hatte,
wesentlich zu verändern. Er bleibt im Rahmen der deutschen
Kunst des 18. Jahrhunderts interessant als ein Maler, der
allzu starken niederländischen und französischen Einflüssen
aus dem Wege geht und der, frei von klassizistischen
Theorien, die unaufdringliche Romantik der sächsischen
Lande mit eigenen Augen sieht und auf persönliche Weise
gestaltet. An den Werken der großen Meister der Land-
schaftsmalerei gemessen erscheinen freilich auch jetzt noch
seine Prospekte, nachdem sie durch diese Publikation in
so vortrefflicher Weise ans Licht gebracht worden sind,
nur als bescheidene künstlerische Werke eines Malers von
geringem Rang. e. pi.

Die deutscne Malerei im 19. Jahrhundert. Von Dr.

Richard Hamann, 0. Professor der Kunstgeschichte an
der Universität in Marburg. Mit 257 Abbildungen. Druck
und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1914.
Hamanns Buch ist eine höchst verdienstliche Arbeit.
Ein so handliches, sachliches, zutrauenweckendes Werk
über einen Stoff, der so allgemein interessiert, ist eine
Kulturtat: Gerade weil es knapp, dem Stil nach eher trocken
und maßvoll gehalten ist. Jedermann trägt Gewinn davon,
der Forscher, der Kunstfreund, der Laie. Das Bett, in dem
der nunmehr geschichtliche Strom der Erzählung sich be-
wegt, ist rauh und hart: um so mehr packt die ruhige
Wucht, Geradheit und Fülle der Flut. Die Abbildungen
sind wohl etwas miniaturenhaft, doch befriedigend gedruckt
und, was die Hauptsache ist, gut gewählt. — Aber Hamann
hat außer dem allgemein, durch das ganze Buch hin, auf-
fallenden Geschick der Verknüpfung auch einige besondere
Verdienste, indem er an mehreren wichtigen Orten das
richtige Ja und Nein ausspricht. Die Berliner Lokalmalerei
(Menzel abgerechnet!) der vierziger Jahre ist in der letzten
Zeit überschätzt worden; Krüger namentlich und seines-
gleichen. Da weiß Hamann klüglich einzuschränken. An-
regend ist, was er über lange unbekannt gebliebene Künstler
wie Niederee mitteilt. Weitaus das persönlichste doch
schlagende Kapitel ist wohl das, wo er die Malerei der
»Gründerjahre« schildert. Böcklins Geltung zieht den
größten Vorteil daraus. Die Gedankenreihe, die Hamann
an diesen Namen reiht, ist so recht die Gegenseite zu dem
Bilde, das Meier-Gräfe von dem Meister gegeben hat.
Triftig sind auch die Bemerkungen, in denen abwechselnd
Böcklin, Marees und Feuerbach betrachtet werden. Hamann
gehört zu denen, die eine kraftvolle Tat oder gar Taten-
reihe höher schätzen als die hochfliegendsten Programme.
Die letzten Teile des Buches sind etwas zwiespältig. In

der Tat läßt sich die wogende Gegenwart nicht leicht ge-
schichtlich-ruhevoll betrachten. Da tut ein anderes Tempe-
rament not. Es herrscht ein leidliches Durcheinander. Ein
Muster davon ist die Behandlung des Neuidealismus, be-
sonders die Seiten 335—340, 340 namentlich, wo mir übrigens
so ziemlich der einzige richtige Fehler in diesem muster-
haften Buche begegnet ist. Es sollte erstens von Welti,
nicht von Weltli, und zweitens an dieser Stelle gar nicht
von ihm die Rede sein.

VERMISCHTES
* Die sächsische Landesstelle für Kunstgewerbe
zu Dresden wird ihre diesjährige Jahresversammlung Ende
Oktober in Dresden abhalten. Bei der Kölner Werkbund-
ausstellung sind von dem verfügbaren Gelde der Landes-
stelle trotz Krieg und vorzeitigem Schluß rund 2000 Mark
übrig geblieben. Die Ausstellungsschränke, die die Landes-
stelle im Auftrage des Ministeriums des Innern hat an-
fertigen lassen, bleiben zur Verfügung der Landesstelle für
künftige Ausstellungen. Einstweilen sollen sie den könig-
lichen Kunstgewerbeschulen zu Dresden, Leipzig und Plauen
oder anderen staatlich unterstützten gewerblichen Schulen
des Landes auf Widerruf geliehen werden. Bei jeder
etwaigen Verleihung der Schränke an Private soll darauf
gehalten werden, daß eine zahlungsfähige Person die Ge-
währ für unbeschädigte Rückgabe übernimmt. Ferner hat
der Vorstand beschlossen, eine Sammlung Photographien
von Erzeugnissen des sächsischen Kunstgewerbes anzu-
legen, um sie zur Empfehlung für das sächsische Kunst-
gewerbe zu verwenden. Sie sollen auch zu einem Bericht
über das Sächsische Haus der Kölner Werkbundausstellung
zur Verfügung gestellt werden. Zu einer Beratung des Deut-
schen Werkbundausschusses für Modenindustrie wurden
die Direktoren Prof. Groß und Graul abgeordnet. Ferner
wird eine Ausstellung in Sachsen hergestellter Gegenstände,
die bisher der Öffentlichkeit unter fremder Flagge dar-
geboten wurden, vorbereitet. Die Landesstelle wird in
Verbindung mit der Dresdner Handelskammer die Vor-
arbeiten hierzu leiten. Professor Graul wird dabei die Lan-
desstelle vertreten.

In dem 8. städtebaulichen Vortragzyklus, der vom

2.—15. November im Seminar für Städtebau an der Tech-
nischen Hochschule zu Berlin stattfinden sollte, ist infolge
des Krieges der Termin für die Vorträge einstweilen auf-
gehoben worden. Der seminaristische Sonderkursus vom
2.—20. November sowie der Einführungsvortrag am 2. No-
vember finden statt.

Das

Oktoberheft

der

Zeitschrift für bildende Kunst

50. Jahrgang

ist soeben erschienen.

Inhalt: Kleine Studienergebnisse. Von Max |. Friedländer. — Die Madonna Daun. Von Oskar Fiscliel. — Die deutsche Malerei von 1650-1800
auf der Ausstellung im Darmstädter Schloß. Von Carl Koch. — Hans Erlweint; August Macke f; Woldemar Graf Reichenbach f; Oskar
DSU ti Kurt Nessel t; Ernst Hausmann t- — Personalien. — Literatur. — Vermischtes

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E. A. Seemann in Leipzig, Hospitalstraße 11 a
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o.m.b.H., Leipzig
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