Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Vereine

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und Schleiermacher. Volkstümlicher gedacht sind die
großen Köpfe von Scharnhorst und Blücher, die Brücke
und Klinsmann lithographiert haben. Eine schöne Portrat-
zeichnung des Freiherrn von Stein rührt von Julius Schnorr
von Carolsfeld her. Merkwürdig schlecht ist es um die
Bildnisse der großen Meister deutscher Dicht- und Ton-
kunst bestellt. Goethe und Beethoven stellen Steindrucke
nach den sehr meisterlichen Porträts von Stieler dar rur
Schiller muß eine zweifelhafte Aufnahme von weitscn
genügen. Auch Ludwig Grimms Radierung nach Hemncn
Heine hat nur bedingten Wert. Dagegen existiert von
Emst Moritz Arndt eine ausgezeichnete Porträtlithographie
von Glänzner. Weit besser schneiden die bildenden Kunstler
ab. An Krügers Selbstporträt reihen sich seine eigenhän-
digen Lithographien, die Schinkel und Rauch wiedergeben.
Die charakteristische Erscheinung des alten Schadow
hielt Nen in einem Steindruck fest. Aus der Reihe von
Ritters Darstellungen Düsseldorfer Künstler in ihren
Ateliers stehen hier Hasenclever, Schirmer und w'lhelm
von Schadow. In die neuere Zeit führen Stauffers Selbst-
Porträt und sein Menzel. Und endlich folgt eine kleine
Reihe lebender Künstler, die ihr eigenes Bildnis radiert
haben, Liebermann, Slevogt, Klinger, Kalckreuth und Kate
Kollwitz. Liebermann hat eine ganze Reihe von P°r.tra<s
berühmter Zeitgenossen geschaffen. Bode und Brink-
mann, Friedrich Naumann und Gerhart Hauptmann, end-
lich Fontane sind hier ausgestellt. Für die ältere Generation
'st Stauffer der einzige, der sich um die Darstellung der
Größen seiner Zeit bemühte. Die Dichter Gottfried Keiler,
Konrad Ferdinand Meyer und Gustav Freytag reihen sich
den schon genannten an. Merkwürdig, daß Menzels Kunst
sich dieser Aufgabe versagte. Seine Holzschnittfolge der
Generale Friedrichs des Großen steht hier als einzige Aus-
nahme nicht zeitgenössischer Porträts. Die Helden von
»870 fanden keinen Meister, der würdig gewesen wäre,
sie zu verewigen. Die Ausstellung gibt in Ermangelung
oesserer Aufnahmen die großen Lithographien nach Camp-
nausen die Bismarck und Moltke, den Kronprinzen und
nnHZ ( Cdrich Carl darstellen. Auch an guten Musiker-
Portrats ist nicht efaen überfluß Eine große Radierung
des anglisierten Bayern Hubert Herkomer zeigt Richard
Wagner wächsern und maskenhaft, während Frau Cosima
eine der bekannten Steinzeichnungen Otto Greiners wieder-
gibt. Fast gar zu zierlich stehen daneben die feinen Litho-
graphien Kriehubers, der in Wien eine unendlich frucht-
bare Tätigkeit entfaltete. Liszt und Meyerbeer unter den
Musikern, Hebbel unter den Dichtern, sind Arbeiten seiner
"and. Ein Jugendbildnis des Kaisers Franz Joseph rührt
von ihm her und ein Porträt des Volkshelden Radetzky.
Am besten aber eignet sich seine Kunst zur Wiedergabe
anmutiger Frauenschönheit. Die Bildnisse der Schau-
Hleuunnnen Lueca und Wolter und der Gattin Friedrich
"ebbels zeugen hier für diese Seite seines liebenswürdigen
1 alentes. _ Die Ausstellung trägt der Stimmung der Zeit
Kechnung, insofern sie dem Andenken der nationalen Ver-
gangenheit dient. Möchte sie auch anregend wirken, in-
dem sie zeigt, wie sehr die großen Männer in ihrem Bilde
fortleben, wie wichtig es ist, daß bedeutende Künstler mit
der Aufgabe betraut werden, zu Lebzeiten der Helden
Bildnisse zu schaffen, die ihr Andenken kommenden Ge-
schlechtern bewahren.

Der Oberbürgermeister von Düsseldorf teilte mit,
daß es unmöglich sein werde, die geplante Ausstellung
»Düsseldorf 1915« durchzuführen. Auch den Gedanken
der Verschiebung der Ausstellung auf die Jahre 1916 oder
1917 habe man aufgeben müssen, weil sich nicht über-
sehen lasse, wann der Friede geschlossen werde. Die

Finanzkommission hat in Übereinstimmung mit der Aus-
stellungsleitung beschlossen, von der Durchführung der
Ausstellung ganz abzusehen, die Ausstellungsbauten ab-
zubrechen und den Hofgarten und den Kaiser-Wilhelm-Park,
die als Ausstellungsgelände vorgesehen waren, wieder in
den alten Zustand zu bringen.

VEREINE

© In der Oktobersitzung der Berliner Kunstgeschicht-
lichen Gesellschaft sprach Herr Direktor Friedländer
über Hieronymus Bosch. Er gab einleitend eine ausführ-
liche Charakteristik des merkwürdigen Meisters, in der
Hauptsache auf Grund seiner Darstellung der Epiphanie,
die in drei verschiedenen Fassungen erhalten ist. Die
eine gelangte aus der Sammlung Fr. Lippmann in das
Metropolitan-Museum zu New York, die andere tauchte in
diesem Frühjahr in einer Versteigerung aus dem Besitze
des Earl of Ellenborough auf und befindet sich zurzeit
im Münchener Kunsthandel. Die dritte ist das bekannte
Triptychon des Prado. Fast nichts ist über die Lebensum-
stände des Meisters überliefert. Allein das Todesjahr
1516 ist bekannt. Ein Porträt, das ihn in hohem Alter
darstellt, läßt darauf schließen, daß er kaum nach der
Jahrhundertmitte geboren sein dürfte. Von 1484 bis 1512
wird er in Urkunden in Hertogenbosch genannt. Seine
Geburtsstadt ist Aachen. Erstaunlich ist die geistige Fort-
geschrittenheit des Meisters, während Formensprache und
Malweise die charakteristischen Kennzeichen des 15. Jahr-
hunderts tragen. Wichtig ist es, bei der Kritik des Werkes
diesem Umstände Rechnung zu tragen. Bosch selbst
schreibt eine spitze und knappe Handschrift von altertüm-
lichem Duktus, wohingegen die zahlreichen Arbeiten seiner
Nachahmer stets breit und weichlich in der Behandlung
sind. Die künstlerische Entwicklung des Meisters ist noch
unerforscht. Neben Dollmayrs aufschlußreichem Aufsatz
ist der Beitrag Walter Cohens in Thieme-Beckers Lexikon
die wichtigste Veröffentlichung über Hieronymus Bosch.
Die Bilderliste, die der Vortragende aufstellt, weicht nur
in einzelnen Punkten von der dort gegebenen ab. Als echte
Werke sind zu betrachten: die Verspottung Christi im
Escorial, die Kreuztragung in Gent, Christus vor Pilatus
in Princeton, zwei kleine Altarflügel zu einer Anbetung
der Könige im Münchener Kunsthandel, die Kreuzigung im
Escorial, das Ecce homo bei Kaufmann in Berlin und bei
Johnson in Philadelphia, eine Kreuzigung im Brüsseler
Kunsthandel, das Triptychon mit der Versuchung des hl.
Antonius in Lissabon und die beiden durch Brand schwer
beschädigten Triptychen in Wien mit Hieronymus, An-
tonius, Ägidius und mit dem Martyrium der hl Julia, der
Hieronymus in Gent, der Antonius im Prado und in Ber-
lin, ebendort der Johannes auf Patmos, der Verlorene Sohn
bei Figdor, die Steinoperation im Prado, der Heuwagen,
der Garten der Lüste und die sieben Todsünden im Es-
corial und die Flügel zum Jüngsten Gericht in Venedig. —
Im Anschluß hieran verlas Herr Burchard ein Gedicht des
Spaniers Juan de Ensina, das 1496 in Salamanca erschienen
ist mit dem Titel Disparata, aus dem hervorgeht, daß die
Zusammenstellungen verschiedenartiger Dinge ohne jede
moralisierende Tendenz, wie sie aus der Volksliteratur wohl
bekannt war, auch in der Kunstdichtung der Zeit ihren
Platz hatte. Die Verwandtschaft mit der Vorstellungswelt
des Bosch, wie sie zumal aus den Stichen nach seinen
verlorenen Werken sich ergibt, ist schlagend. Auch zeit-
lich trifft die Parallele genau. Die Beziehung zu Spanien
läßt sich, wie Herr Friedländer betonte, vielleicht insofern
noch weiter verfolgen, als möglicherweise Bestellungen

dortiger Auftraggeber solchen Bildern zugrunde lagen. _

Herr Cohn-Wiener legte die Photographie eines Grabsteines
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