Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Dänische Franziskanerklöster, namentlich das Schleswiger

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ziehung ein Teil der Klausur genug Platz bot, darin
die Wohnungen von 26 Pfründnern einzurichten,
während der Herzog sich selbst große Teile, nament-
lich das Lange Haus und den »Chor«, wie auch
den Garten mit dem Fischteiche, ausdrücklich vor-
behielt, und die Nebengebäude an Bürger oder Be-
amte ausgetan waren. Der Klosterbau umfaßte zwei
geschlossene Klosterhöfe im Norden und Süden des
sich quer hindurch erstreckenden, nach Osten hin
noch hinausragenden Kirchenbaues; die Anlage ent-
spricht in gewissen Zügen auffallend der Anlage des
Schleswiger Klosters; nur muß man sie sich reicher
und größer, als würdiges Werk der blühenden, spät-
gotischen Baukunst Frieslands, vorstellen.

Wilh. Lorenzen behandelt in seinem speziellen
Teile dreißig Klöster; zwischen diesen allerdings auch
die drei Nonnenklöster (St. Clara). Die Reinheit des
Gesamtbildes wird durch ihre Hereinziehung mehr-
fach behelligt. Eine besondere Schwierigkeit für die
Gewinnung fester Ergebnisse über die Baukunst des
grauen Ordens aber liegt in der Tatsache, daß wirk-
lich der Orden sich keineswegs immer seine Gebäude,
und namentlich seine Kirchen, selbst zu errichten
brauchte. Ein entsprechendes Beispiel aus der Stadt
Schleswig ist längst bekannt geworden; da ist um
1200 für ein Benediktiner-Nonnenkloster eine alte
Stadtkirche eingeräumt worden; ein ähnliches dürfte
sich in der Katharinenkirche zu Ripen, die der Domi-
nikanerorden erhalten hat, darbieten. Unter den von
Lorenzen behandelten Klöstern bieten sich auffallend
viele entsprechende Fälle, in denen es Sache des
Ordens war, sich in vorhandenen Gebäuden einzu-
richten oder unvollendete für sich zu verwenden.
Besonders wichtig ist in der Hinsicht die Franzis-
kanerkirche zu Ystadt in Schonen, betreffs deren aus
den Ermittelungen Lorenzens klar hervorgeht, daß sie
nicht als Klosterkirche gebaut ist. Es liegt auf der
Hand, wie sehr durch solche Umstände das Ergeb-
nis der Untersuchungen beeinflußt werden muß. Wenn
man sie nicht beachtet und nicht in die Rechnung
hineinzieht, so kann sich kein klares Bild ergeben,
und gewinnt es den Anschein, daß die Franziskaner
doch keine Eigenart in ihrer Baukunst gehabt hätten.
Dann können sie auch keinen Zug der Gotik ins
Land gebracht haben. Lorenzen hält das für ein Er-
gebnis seiner Darlegungen. Er wird aber in diesen,
bei seinen Erwägungen und Schlüssen, überall auch
noch beeinflußt durch eine Annahme, die ihm den
Weg zur Erkenntnis von vornherein verlegt: es hätte
überhaupt in den dänischen Landen das ganze
13. Jahrhundert hindurch der romanische und der
Übergangsstil geherrscht. Er kann demnach nicht um-
hin, gerade dem wichtigsten der von ihm behandelten
Klöster, dem zu Schleswig, seine baugeschichtliche
Bedeutung abzusprechen. Er hat dieses Klostet in treff-
licher Weise eingehend und gründlich behandelt und
viel neues Licht darauf geworfen — aber er datiert
es durchaus, eben des gotischen, mit romanischen Er-
innerungen sich mischenden Stils wegen, »um 1300«.
Das ist eine reine Hypothese. Die Überlieferung, daß
es 1234 angefangen, 1240 vollendet ist, kann freilich,

wie eben jede Überlieferung, für irrig angesehen
werden; aber sie für falsch zu erklären oder still-
schweigend zur Seite zu stellen oder, was dasselbe
ist, zu behaupten, sie möge nicht auf das Schleswiger
Graue Kloster, das wir kennen und das damit ge-
meint war, zu beziehen sein, sondern auf irgend
einen Bau von irgend einer anderen Beschaffenheit,
wäre man nur auf Grund sicherer Widerlegung be
rechtigt.

Aber abgesehen von solchen Erwägungen, so be-
zeugt uns der Bau selber das Eindringen ganz neuer
frühgotischer Formen und eigenartiger, sonst im Lande
nirgend nachweisbarer Züge (z. B. schachbrettartig
gebrochener Rollenfriese an zwei Türumrahmungen)
in eine Bauart hinein, in der der Übergangsstil durch-
aus herrschend gewesen. Sehl beachtenswert ist auch
der Umstand, daß die noch erhaltenen Malereien im
Kapitelsaale das Gleiche ergeben. Es liegt auf der
Hand, daß diese erst bei oder nach der Vollendung
des Klosterbaus ausgeführt sein können. Wenn wir
demnach die Zahl 1240 als gegeben hinnehmen, ge-
winnen wir einen höchst beachtenswerten Grund- und
Eckstein für den Aufbau der dänischen Kunstge-
schichte. Wir bemerken, daß die aus der Fremde
hereindringenden Minoriten fiemde und eigentümliche
Formen mitbringen, anstößig natürlich zunächst für
die herrschende Richtung der kirchlichen Baukunst.
Aber überraschend schnell fanden sie doch Anhänger
und Anwender; und so erhebt sich, kein Menschen-
alter jünger, ganz nahe dem Grauen Kloster, der
große weiträumige, durchaus im Geiste der Gotik ge-
schaffene Chorbau des Domes, an die Stelle des
älteren romanischen gesetzt.

Ich habe geglaubt, diese Bemerkungen, die freilich
nur Andeutungen sein können, bei der Besprechung
des so verdienstlichen Werkes Lorenzens nicht unter-
drücken zu sollen; wer sie beachtet, wird aus der
Arbeit noch etwas mehr und anderen Nutzen ziehen
können, als sonst der Fall wäre. Und noch entbehrt
und bedarf die ältere dänische Kunstgeschichte der
nachromanischen Zeit vieler Arbeit. Uns Deutschen
aber erwächst die Pflicht, das Schleswiger Kloster,
dessen Wichtigkeit erst jetzt ins volle Licht tritt, viel
sorgsamer zu bewachen als der Fall ist. Es ist durch-
aus der Willkür ausgesetzt und preisgegeben, die in
der Benutzung zum Hospital und für mancherlei
Wirtschaftszwecke wurzelt; der Kapitelsaal mit seinen
merkwürdigen Malereien ist Holz- und Geflügelstall!

Vom Husumer Kloster hat sich Herr Lorenzen
eine Vorstellung gebildet und den Lesern vorgetragen,
die unmöglich richtig sein kann. Es soll danach ein
einziger langer, wegen vermutlicher Beschränktheit
des Baugrundes in wunderbarer Enge zusammenge-
faßter Bau gewesen sein, unter einem Dache alles
enthaltend (selbst das »Refektorium« und den »Remter«,
die ausdrücklich unterschieden und benannt werden).
Ein ähnlicher Zug bescheidener Verkleinerung be-
herrscht die Vorstellung vom Kloster zu Köge auf
Seeland, 1484 aus königlichen Mitteln vom Könige
selbst gestiftet und mit den Gebäuden des Königs-
hofes beschenkt. Da 1592, also lange nach der
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