Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Die Ausstellung alter Meister aus Leipziger Privatbesitz

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feinen Behandlung der Figuren — abgesehen von
dem noch erkennbaren Monogramm ■— als Hendrik
Averkamp katalogisiert wurde. Eine vorzügliche, voll
bezeichnete »Marine« des Reinier Zeeman (Nr. 145,
Dr. C.W. Naumann), bei der der Himmel den Haupt-
stimmungsfaktor der Komposition bildet, und eine
bisher dem Beerstraaten zugeschriebene »Eislandschaft«
(Nr. 5 Frau M. Limburger von Hoffmann^die ich auf
Grund von Ähnlichkeit mit signierten Zeichnungen
dem Gerrit Battem gebe, auf den auch eine undeut-
liche Signatur weist.

Nebenjder »Landschaft* ist das Gebiet der Still-
lebenmalerei in den verschiedenen Stufen der Ent-
wicklung vorzüglich vertreten. Die frühe bunte,
zeichnerisch bis ins kleinste Delail gehende Art aus
dem Anfang des 17. Jahrhunderts weist die dem B.
van der Ast zugeschriebene »Blumenvase« (Nr. 2, Herr
Georg Wilhelm Schulz) auf. Der darauf folgenden
Periode des braungrauen Tons gehören das — eben
durch die feine Tonigkeit sich auszeichnende — voll
bezeichnete »Stilleben« des Cl. Heda (Nr. 58, Herr
Konsul Erich Schulz) und des ganz seltenen Delfter
Meisters Gillis de Bergh (Nr. 10, Herr Julius Zöllner),
ein dem Pieter Claesz nahestehender »Frühstücks-
tisch« (Nr. 62, Kammerherr von Frege-Weltzien) und
ferner das »Interieur mit Fischstilleben« des Pieter
Putter (Nr. 106, Herr Dr. Arthur Nikisch) an. Das
letztgenannte Bild ist besonders interessant durch
seine Beziehungen zu dem berühmten Schwager und
angeblichen Schüler Putters, zu Abraham van Beyeren,
in dessen Oeuvre die Verbindung von Fischstilleben
und Interieur mit einem Ausblick auf die See einen
bestimmten Bildtyp ausmacht. Van Beyeren selbst ist
durch eine seiner prächtigsten »Frühstückstafeln« (Nr.
11, Frau Geheimrat Thieme) vertreten. Es gehört in
seinem farbigen Reichtum — man beachte z. B., wie
das Rot des Hummers zwischen den neutraleren Tönen
der übrigen Objekte harmonisch herausleuchtet, —
zu den besten holländischen Schöpfungen auf diesem
Gebiete. Nur wenig später dürfte das effektvolle,
vorzüglich gezeichnete, voll signierte »Fruchtstück«
(Nr. 89, Frau M. Limburger von Hoffmann) des sel-
tenen Martinus Nellius entstanden sein, dessen auf-
fallend feines Grünblau an Delfter Meister, insbesondere
an Vermeer erinnert. Das Tierstilleben ist vorzüglich
durch die »Toten Vögel« (Nr. 137, Herr Edgar
Herfurth) des Jan Vonck vertreten, der sich hier, wie
gewöhnlich, durch einen für seine Zeit breiten Auf-
trag und durch effektvolle Gegenüberstellung von
neutralen grauen Tönen und leuchtender Lokalfarbe
auszeichnet. In dem »Geschlachteten Schwein« des
Caspar Netscher (Nr. 90, Familie Rudolf Brockhaus)
glaube ich eines der fünf Stilleben des Meisters ge-
funden zu haben, die in dem kritischen Verzeichnis
Hofstede de Groots unter 475 c bis 477 beschrieben
sind, aber als verschollen galten. Unser voll bezeich-
netes und 1662 datiertes Bild ist sicher identisch mit
dem Bild Nr. 477 bei Hofstede de Groot, das 1779
mit der bekannten Sammlung Iwan Pauw und zuletzt
mit der Sammlung L. Bouman 1802 verkauft wurde.
Wichtig ist das Bild dadurch, daß es zu den äußerst

seltenen, ganz frühen Werken des Meisters gehört,
die noch nicht durch charakterlose Posen und süß-
liche Eleganz entstellt sind, sondern in denen noch
deutlich der Einfluß eines ter Borch, des Lehrers
Netschers, und ein Studium P. de Hoochs1) und be-
sonders der Natur zu erkennen ist. — Den gleichen
Gegenstand behandelt J. D. Oudenrogge auf Nr. 191
(Frau Martina Limburger von Hoffmann), den wir nur
seiner Seltenheit wegen erwähnen. Das Datum des voll
bezeichneten Bildes ist 1643 oder 1653 (Todesjahr des
Künstlers) zu lesen. — Das späteste holländische Still-
leben der Ausstellung ist das M.W. signierte und
1684 datierte »Fruchtstück« (Nr. 144, Herr A. Schulz-
Schwabe) des Mattheus Wytmans, bemerkenswert
durch seine für diese späte Zeit außergewöhnliche
breite Behandlung und seinen warmen Ton. — An
dieser Stelle sei auch noch auf zwei Werke der
deutschen Schule gewiesen, das von den Holländern
abhängige, in seiner Einfachheit recht reizvolle, M D
signierte »Stilleben von Küchengerät« (Nr. 31) des
um 1670 tätigen Martin Dichtl und das als »Schloß-
küche« (Nr. 111, Herr Kammerherr von Stieglitz) ka-
talogisierte, voll bezeichnete Stilleben des Fr. Roesel
von Rosenhoff, dessen Datum (1691) beweist, daß
von den beiden Künstlern dieses Namens der ältere
der Autor unseres Bildes ist. Rosenhoff war vor
allem Naturforscher, und so kommt es, daß die Be-
deutung seines Werkes mehr auf kulturhistorischem
Gebiet liegt. —

Das holländische Porträt des 17. Jahrhunderts
ist auf der Ausstellung nicht sehr zahlreich, aber durch
einige recht interessante Beispiele vertreten. Künst-
lerisch am höchsten von ihnen steht das »Weibliche
Bildnis« (Nr. 127, Frau Geheimrat Thieme) des ter
Borch. Man weiß nicht, soll man den Reichtum an
malerischen Feinheiten oder den charaktervollen Aus-
druck des kleinen Porträts mehr bewundern. — Äußerst
effektvoll im Kolorit und in der Technik ist das
»Bildnis eines als Hirten gekleideten Mannes« (Nr. 60,
Familie R. Brockhaus), das man schon den verschieden-
sten Meistern, darunter sogar Velasquez2) zugeschrie-
ben hat. Die helle kräftige Färbung und die etwas
aufdringliche Pose des Dargestellten veranlaßten mich,
das Bildnis (von dessen undeutlicher Signatur noch
das Wort »Rachel« zu lesen ist) als »in der Art des
Barth, v. d. Heist« zu kalalogisieren. Ein voll A v
Essestcyn signierter »Jüngling« (Nr. 36) ist infolge
der Seltenheit dieses Meisters von kunsthistorischer
Bedeutung. — Ein Hauptwerk aus der Verfallzeit
holländischer Bildnismalerei ist das »Selbstbildnis«
(Nr. 140) des Ritters Adriaen van der Werff, das in-
folge seiner glatten, kalten Behandlung und seiner
leeren Gesten uns nur durch seine äußerst solide Aus-
führung und amüsante, prunkvolle Aufmachung inter-
essiert.

Eine Spezialität der Ausstellung bildet die kleine,
in ihrer Art aber sehr bedeutende Kollektion von

1) Vergl. P. de Hoochs »Geschlachtetes Schwein« in
Berlin.

2) Als Velasquez gestochen von L. Gruner.
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