Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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2ig Die französischen Kunstdenkmäler innerhalb unseres Operationsgebietes

und die Benutzung des nördlichen Turmes als Signal-
station für Lichtsignale, wie am Tag offenbar auch
als Telephonstation, unsere Artillerie gezwungen, nach-
dem sie den strengen Befehlen unserer obersten
Heeresleitung entsprechend lange sich vor der Be-
schießung der Kathedrale selbst gescheut hatte, den
ehrwürdigen Bau widerstrebenden Herzens unter Feuer
zu nehmen. Nach den übereinstimmenden franzö-
sischen Berichten war in der Nacht des 13. Sep-
tember sogar ein Scheinwerfer auf dem einen Turm
aufgestellt. Durch die Mitteilungen unserer obersten
Heeresleitung ist es außer allem Zweifel, daß eine
starke Artilleriegruppe unmittelbar nordöstlich vor der
Kathedrale, wahrscheinlich unter dem Schutz der
dichten Bäume auf dem breiten Boulevard de la Paix,
in der Richtung auf Nogent-l'Abbesse aufgestellt war,
von dessen Höhe aus am 18. September die Be-
schießung des Zentrums der Stadt stattfand. Die
Kathedrale mußte direkt als Kugelfang für jedes etwas
zu hoch über diese Stellung hinausfliegende deutsche
Geschoß wirken. Und ebenso ist eine zweite Gruppe
schwerer Artillerie in der Südvorstadt unmittelbar vor
der ehrwürdigen Abteikirche St. Remi aufgestellt wor-
den, wieder in der gleichen Absicht und mit der
gleichen Wirkung. Auf den Bau der Kathedrale
sind überhaupt nur zwei Volltreffer unserer schweren
Artillerie gerichtet worden, der eine schon am 18. Sep-
tember, ein Schuß aus einer 15 cm-Haubitze, der
andere aus einem 21 cm-Mörser. Ich habe mittels
des Scherenfernrohrs vom Fort Berru aus, einer Ent-
fernung von ca. 6 km, und noch günstiger von dem
Abhang vor dem Fort Brimont, aus dem Gehölz vor
dem von uns genommenen, aber von den Franzosen
unausgesetzt unter Feuer gehaltenen, trostlos zer-
schossenen Schlößchen Brimont, aus der Entfernung
von 5,5 km, an einem völlig klaren Dezembervor-
mittag die Kathedrale beobachten können. Das Zeißsche
Scherenfernrohr läßt bei denkbar größter Schärfe und
plastisch-stereoskopischer Wirkung zumal für den,
der den Bau kennt und ganz genau weiß, was er zu
suchen hat, selbst aus ziemlicher Entfernung noch
die Details erkennen — am besten natürlich bei
einem Vergleich mit älteren Aufnahmen. Die ganze
Substanz des Bauwerkes steht danach noch bei der
Reimser Kathedrale. Wohl fehlt das Dach, das bei
der ersten Beschießung am Nachmittag des 19. No-
vember in Brand aufgegangen ist, aber die Turmfront
steht noch mit den beiden mächtigen stumpfen West-
türmen, die beiden Querschiffgiebel stehen, die feine
durchbrochene Galerie, die das Hochschiff abschließt,
ist erhalten, und in dem Strebesystem der Nordseite,
die vor allem unserer Artillerie zugängig war, ist
keine Lücke zu entdecken. An der Spitze des Nord-
turmes ist die eine innere Ecke durch eine Granate
weggeholt, es scheint aber hier nur die Bekrönung
des einen Strebepfeilers abgeschlagen zu sein. Das
sind die an der äußeren Silhouette erkennbaren
Schäden. Die übrigen großen Kirchenbauten stehen
noch, vor allem St. Remi mit seiner von den bei-
den kleinen romanischen Türmen flankierten West-
front; durch den Chorabschluß der Kirche ist eine

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Granate eingeschlagen und hat hier das Gewölbe
zerstört.

Das sind freilich nur die Beobachtungen in dem
äußeren Rahmen der Bauwerke. Über den Zustand
des Inneren der Kathedrale und vor allem über die
Beschädigungen der kostbaren Skulpturen, mit denen
das Nordportal und besonders die Westfront übersät
ist, läßt sich aus unseren Stellungen nichts feststellen.
Die Abbildungen, die die französische »Illustration«,
der »Miroir«, der amerikanische »Outlook« gebracht
haben, zeigen zumal an dem nördlichen Seitenportal
der Westfront schwere Beschädigungen, eine Reihe
von Figuren hat die Köpfe verloren, bei anderen hat
sich die ganze Vorderseite losgelöst. Die Skulpturen
des Wimpergs haben sehr gelitten, der große Kruzi-
fixus ist herabgestürzt. Die Zerstörungen sind aber
nicht durch die Granaten selbst oder etwa durch die
Rückwirkung von dem Abprallen der großen Ge-
schosse auf dem Platz vor der Kathedrale hervorge-
bracht, sondern durch den Brand, der das große und
nur allzu solide Baugerüst ergriffen hat, das für die
noch immer im Gang befindliche Restauration des
Nordwestturms diesen Teil der Fassade verkleidete.
Die Flammen, die die ganze Front lang emporschlugen
und die leider auch das Innere mit der hölzernen
Ausstattung an Kanzel und Beichtstühlen ergriffen,
haben den Kalkstein der Skulpturen völlig ausglühen
müssen, die herabstürzenden Balken haben dann un-
mittelbar vor dem linken Seitenportal einen Flammen-
herd gebildet, unter dem zumal die großen Figuren
in den Gewänden leiden mußten.

In Soissons habe ich aus der vordersten Stellung
unserer Schützengräben aus der Entfernung von nur
2400 m aus günstigster Position von oben herab
während des Granatfeuers die Denkmäler der Stadt
genau beobachten können. Die Kathedrale stand am
7. Dezember noch wenig verletzt da. Sie hatte im
ganzen nur vier Haupttreffer aufzuweisen. An dem
zweiten Strebepfeiler an der Nordseite des Chores
war ein Stück unterhalb der Fiale herausgeschlagen.
Am Langhaus westlich vom Querschiff ist eine Gra-
nate durch das Dach und scheinbar durch das Ge-
wölbe eingedrungen und hat den Zwickel zwischen
zwei der Fenster des Obergadens zerrissen. Der un-
vollendete Nordturm war in seinem späteren Aufsatz
durch ein Geschoß getroffen, das aber die Architektur
des eigentlichen Baues nicht weiter berührte, und
der eine vollendete Südturm ist durch eine Granate
in der Höhe des Obergeschosses getroffen. Von der
Front von St. Jean-des-Vignes, die allein noch von
der alten Abtei übrig geblieben ist, in der Thomas
Becket neun Jahr lebte, die den Turm der Kathedrale
noch um 9 m an Höhe übertrifft, weisen die Türme
noch Spuren der Beschießung von 1870 auf. An
dem Südturm ist die eine Spitze abgeschossen. In
beiden Fällen aber, in Reims wie in Soissons, war
die Beschießung leider noch nicht beendet, und wenn
die Franzosen fortfahren, fast allnächtlich den Turm
der Kathedrale von Soissons für Lichtsignale zu be-
nutzen, so wird unsere Artillerie keine Möglichkeit
haben, als diese die Sicherheit und das Leben unserer
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