Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Eine Demütigung J. O. Schadows

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macht das Monument wieder einem Berliner Ofen
ähnlich, welches man doch bei dem hier dazu ge-
machten Entwurf sorgfältig zu vermeiden suchte. Eine
Urne wäre schon vorzuziehen, jedoch solches ist eine
zu gewöhnliche Idee.«

Man spürt aus diesen verbissenen Worten den
Ärger des kleinen Geistes, der gegen einen größeren
ankämpft, aber schließlich nicht Stand halten kann.
Der Wind in Königsberg war umgeschlagen, die vor-
nehmen Elemente der Kaufmannschaft hatten einge-
sehen, daß man so, wie bisher, nicht gegen einen
Schadow auftreten könne. Man ließ die Drohung ge-
richtlichen Vorgehens fallen. Und am 23. September
schrieb Wolff an Deetz, daß ihnen in Königsberg der
Streit zwischen Müller und Schadow sehr unangenehm
sei. »Keiner von beiden will jetzt Unrecht haben.
Wir sind nicht geneigt, die Sache durch ein recht-
liches Urteil zu entscheiden. Ich bin daher beauftragt,
Sie zu bitten, einen Sachverständigen und Herrn
Schiffert zuzuziehen. Finden sie, daß das Monument
zweckmäßig gearbeitet ist, so sei es nach der Scha-
dowschen Idee anzunehmen und im Frühjahr hier-
her zu senden, da es jetzt doch zu spät wird. Die
Urne wird der Vase vorgezogen.«

Daraufhin hat der hilfsbereite Deetz das Erforder-
liche veranlaßt und nachstehendes Schreiben Schadows
erhalten.

„Euer Hochwolgeboren erhalten anbei die verlangte
Zeichnung, zwar nur in Umriß — dies wird aber auch
hinreichend sein. Wenn die Urne in schönen Carrara-Mar-
mor ausgeführt werden soll, würde sie 275 Thaler kosten.
Sie und die Herren, welche mit Ihnen kommen wollen,
können sich überzeugen, das die Ausführung mit dieser
Zeichnung gleichförmig ist.

Morgen, als Sonnabend, bin ich bis 11 Uhr zu Hause,
Sontag gar nicht — aber am Montage würde ich Sie gerne
sehen.

Berlin 22. October 1824. Ihr ergebener

G. Schadow."

Am 1. November teilte Deetz dem Geheimrat
Wolff mit, daß er seinen Wunsch ausgeführt und das
Denkmal zusammen mit Stadtrat Schiffert und Bau-
inspektor Berger (Schwager Schinkels) besichtigt habe.
»Da die Herren dasselbe nicht nur zweckmäßig,
sondern auch nach der beikommenden Zeichnung des
Herrn Schadow [vgl. Abb.] in Rücksicht der kleinen
Figuren recht schön ausgeführt gefunden haben, so
ist nur noch die Art der Inschrift zu bestimmen, im
Übrigen ist das Denkmal fertig. Schadow und Berger
sind für das Einhauen der Buchstaben in Stein,
während Sie früher vergoldete Metall-Buchstaben for-
derten. Letztere würden Kosten verursachen und der
Beschädigung erfahrungsgemäß leichter ausgesetzt sein.
Für die Urne fordert Schadow, wie Sie aus "seinem
beiliegenden Schreiben ersehen, 275 Taler. Die Zeich-
nung der Urne findet ebenfalls den Beifall der Herren
Berger und Schiffert und wird von ihnen der früheren
Idee der bronzenen Fackeln vorgezogen, welche auch
noch teurer werden würden.«

Müller mußte einsehen, daß er endgültig das Spiel
verloren hatte. Er konnte es sich aber nicht versagen,

seinem Groll dadurch Ausdruck zu geben, daß er
die Angelegenheit tunlichst auf die lange Bank
schob. Die Schadowsche Zeichnung, die man ihm
zur Kenntnisnahme übergeben hatte, behielt er mo-
natelang bei sich. Erst am 10. März 1825 konnte
Wolff nach Berlin melden, daß Müller die Zeichnung
zurückgegeben habe; die Urne werde angenommen,
die Bronzefackeln lasse man fallen, die Buchstaben
sollen eingehauen werden, das Denkmal möge nun-
mehr schleunigst abgesandt werden. Das war der
Sieg Schadows auf der ganzen Linie.

Am 30. Juni 1825 berichtete Deetz an Wolff, daß
das Denkmal über Stettin, also auf Wasserweg abge-
sandt sei. »Die Vase ist nach der übersandten Zeich-
nung, wie mir scheint, sehr gut und besonders sauber
poliert ausgefallen.« Nach Schadows beigefügter Be-
rechnung habe dieser 500 Thaler bereits erhalten, er
bekäme nun noch 360 Thaler aus dem Vertrag, 250
Thaler für die Urne und 14 Thaler 14 Groschen für
die Kiste. Das Geld wurde anstandslos bezahlt.
Außerdem erhielt die Königl. Eisengießerei in Berlin
80 Thaler 17 Groschen für das Gitter, über dessen
Beförderung uns das letzte in dieser Angelegenheit
erhaltene Schreiben Schadows Auskunft gibt:

„Das Gitter nach Königsberg wurde auf mein Ansuchen
in der K. [königlichen] Eisengießerei aufbewahrt, wo es
sich noch befindet. Man lies mir sagen: ich solle die
Adresse schicken, dann wollten sie es hinbesorgen; diese
habe ich ihnen gestern gleich herausgeschickt, und so hoffe
ich, soll es noch zu rechter Zeit nachkommen. Ich hatte
es vergessen und in der Gießerei hatte man es auch ver-
gessen, weil es längst bezahlt ist.

Da nun einige Male Marmor-Arbeit von hier nach
Königsberg hingekommen, so werden sich dort wol Leute
finden, die das Versetzen verstehen, welches freilich bei
fertiger Arbeit mit Vorsicht geschehen muß.

Sollte der weiße Marmor dabei schmutzig werden, so
kann man solchen mit lauen Seifenwasser und Schwamm
abwaschen, die Seife dann mit klaren Wasser nachgewaschen.

Berlin den 15. (18?)Juli 1825. G. Schadow Director."

Die Enthüllung des Denkmals erfolgte am 12. Ok-
tober Vormittag. Es befindet sich bis heute im Garten
des Zimmermannschen Stifts in Königsberg, König-
straße 37. Im Jahre 1880 ist es laut Inschrift er-
neuert. 1895 wurden die Reliefs neu vergoldet, wo-
durch das Urteil über die künstlerische Qualität etwas
erschwert ist und nur mit Vorbehalt abgegeben werden
kann.

Auf einem breiten Unterbau erhebt sich ein sich
nach oben verjüngender, viereckiger, glatter Marmor-
block, der oben an seinen vier Seiten mit der Ge-
denk-Inschrift und den ein wenig eingelassenen Relief-
figuren der drei christlichen Tugenden versehen ist
und durch eine Urne gekrönt wird. Schadow hat
an den Reliefs mit besonderer Liebe gearbeitet. Er
erzählt in seinen schon oben erwähnten Lebens-Er-
innerungen: »Drei Basreliefs, welche außer der In-
schrift die vier Seiten des Piedestals füllen sollten, gaben
mir einige Beschäftigung, mir dadurch angenehm, weil
sie poetisch waren, nemlich: die plastische Darstellung
der drei christlichen Tugenden, Glaube, Liebe, Hoff-
nung.« Es sind sehr liebenswürdige, anmutige Gestalten,
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