Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Vermischtes

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Boccaccios Oenealogia deorum, mehr noch seine kleinen
Schriften »de claris mulieribus« und »de viris illustribus«
umständlich ausbreitete. Diese Großen, zu denen auch
Petrarca gehörte, wurden unterstützt von den Fabelbüchern
und Novellen des Ducento und Trecento, in denen das
Sagengold vergangener Jahrhunderte sorgfältig aufbewahrt
und zum Teil neu ausgemünzt war. Durch Kompendien wie
den Qesta Romanorum ging dann der Weg rückwärts zu den
alten Autoren selbst. Leidenschaftlich sind die Bemühungen
um Homer im Quattrocento, die Aeneis wird fleißig ge-
lesen; Ovid, Livius, Plutarch, Hygin, Gellius, Valerius Maxi-
mus, Florus, Stabius sind nicht nur in Auszügen gekannt
worden. Nur wenn man diese Klassiker aufschlägt, findet
man die wörtliche Deutung der deskriptiven Truhenbilder.
— Der griechische Mythus setzt bei der homerischen Welt
ein, und zwar bei dem Parisurteil (unendlich häufig), um
dann llias und namentlich Odyssee breit vorzuführen. Es
folgt der Kultus der Zwölfgötter und der Heroen und eine
umfassende Illustration der ovidischen Märchen von Phaeton,
Myrska, Deukalion, Narcias, Pyramus und Thisbe, Orpheus,
Leda, Jo, Daphne, Prostris. Die Schicksale des Aeneas
leiten dann zur römischen Stammessage über; Aeneas' Aben-
teuer in Karthago und Latium werden sehr umständlich
geschildert. Daran schließt sich die altrömische Vätersage
mit den Heroen beiderlei Geschlechts: Mucius Scaevola,
Coriolan, H. Coelex, M. Curtius mit Lucrezia, Virginia,
Aloelia usw. Die historische Zeit reicht hier von Scipio
bis Traian, während sie bei der griechischen Welt bis zu
Antiochus und Strabonice herunterführt. — Der Vortragende
zeigte in etwa 80 Lichtbildern viel unveröffentlichtes Material.
Die Orlop-Stiftung hat es ihm ermöglicht, viele Neuauf-
nahmen machen zu lassen. Angesichts dieses großen Be-
standes mythologischer Bilder, die alle ihren besondern
spezifischen Sinn haben und zarte Anspielungen auf Hoch-
zeitsgedanken enthalten, fühlt man, wie tief diese antike
Märchenwelt in der Seele und Liebe der Renaissance geruht
hat. Die Verwendung dieser Stoffe an Truhen hatte nur
Sinn, wenn die Besitzer und die Gäste des jungen Haus-
standes den symbolischen Sinn dieser Geschichten ohne
weiteres verstanden, etwa wie Boccaccios Griseldis-Novelle
und Naskagio-Erzählung. Man empfand diese mytho-
logischen Geschichten durchaus als Ahnensage und nahm
sich das Recht, sie in den Dialekt der Gegenwart umzu-
formen; das war nicht Naivität, sondern Stolz. Eine tiefe
Verbundenheit von Renaissance und Antike offenbart
sich; die Tage Homers werden wieder Gegenwart, und
Caesar zieht wieder auf der Triumphstraße in Rom ein. —
Über die Meister der frühen Bilder sprach der Vortragende
nur gelegentlich. Die bekannten großen Meister sind viel
stärker an diesen Bildern beteiligt, als man annehmen
möchte. Daneben freilich gibt es Cassone-Bottegen. Den
wichtigsten Fund verdanken wir A. Warburg, der im Floren-
tiner Archiv ein Bottegabuch des Marco del Bono und
Apollonio di Giovanni aus den Jahren 1446—1463 fand,
das in Schubrings Buch publiziert werden wird. Über
170 Aufträge für Truhen oder Truhenpaare sind hier notiert;
dabei wird jedesmal sowohl die Braut wie der Bräutigam
namhaft gemacht. Der Fund ist um so wertvoller, als
gerade die Zeit vor Pesellino bisher die meiste Unsicher-
heit enthielt; Pesellino setzt aber erst mit Nr. 264 des
Katalogs ein. Ein systematisches heraldisches Studium in
Florenz wird notwendig sein, um viele Wappen zu deuten;
es gelang immerhin, schon eine stattliche Zahl der er-
haltenen Truhen mit dem urkundlich oder literarisch über-
mittelten Auftrag in Verbindung zu bringen. Zeitlich um-
faßt Schubrings Buch die Jahre 1350—1530; nur in den
plastischen Truhen, von denen Typenreihen gegeben werden,
ist die Grenze bis ca. 1570 gezogen. — Herr Geh. Rat

von Falke gratulierte dem Vortragenden am Schluß, daß
es ihm gelungen sei, diese durch internationale Beziehungen
bedingte Arbeit noch gerade vor dem Kriegsausbruch voll-
endet zu haben.

VERMISCHTES

Max Klinger hat soeben eine Radierungsplatte größten
Formates, das Diplom der Weltausstellung für Buch-
gewerbe und Graphik Leipzig 1914, vollendet. Solche
Ausstellungsurkunden, die den mit Preisen versehenen Aus-
stellern und den Mitarbeitern erteilt werden, pflegen meist
einen fatalen konventionellen Beigeschmack zu haben; um
so überraschender und erfreulicher ist es, daß Klinger einen
glücklichen Einfall gehabt hat, durch den er die Tragödie
dieser Ausstellung künstlerisch verewigt. Mitten auf dem
Hauptplatz der Bugra, unter den wogenden Besuchern,
steigt aus einem sich öffnenden Erdschlund eine grauen-
hafte Kriegsfurie, die unter den anwesenden Vertretern der
verschiedenen Nationen den Geist des Angriffs und der
gesicherten Abwehr entfacht. Im eben noch heiter prome-
nierenden Publikum spiegelt sich lähmendes Entsetzen und
draufgängerische Teilnahme wieder. Eine schöne Italienerin
steht unschlüssig beiseite. — Am Fuß der Urkunde ist
eine Medaille gezeichnet, an deren plastischer Verwirk-
lichung Klinger jetzt noch arbeitet: die vorzüglich erfaßte
klassische Figur mit Füllhorn symbolisiert die Segnungen
der Bugra; vor ihr reckt sich quer über die Medaille ein
nerviger, bewehrter Arm, der sie gleichsam »durchkreuzt«.
— Es ist schön und zeugt von Klingers unverwüstlicher
Schaffenskraft, daß er eine so große Platte in verhältnis-
mäßig kurzer Zeit zwischen seiner immer fortlaufenden
Arbeit an dem Zyklus »Zelt« noch nebenher radiert hat.
Was übrigens jenes »Zelt« anlangt, so hat der Meister die
Zahl der im Sommer auf der Bugra gezeigten Blätter noch
um mehrere weitere erhöht, und es steht zu hoffen, daß
er auch den zweiten Teil dieses Opus noch im Laufe des
Jahres zur Vollendung bringen wird.

Eine Ruhmeshalle in Stettin. Ein Stettiner Bürger,
der ungenannt bleiben will, hat der städtischen Behörde
eine Schenkung von 100000 Mark für die Ausstattung des
Kuppelsaales im Stadtmuseum mit der Bestimmung ge-
macht, daß damit zugleich ein Andenken an das große
Jahr 1914 geschaffen werde und sowohl die Wandgemälde
als auch die etwa im Kuppelsaale aufzustellenden Statuen
sich in irgendeiner Weise auf diese Zeit beziehen, wobei
der Geber diese Beziehung nicht zu eng fassen will. Über
die Art der Ausführung des Planes soll nach den Vor-
schlägen des Museumsdirektors, der jedesmal das Ein-
verständnis des Spenders einholen muß, eine besondere Kom-
mission unter Vorsitz des Oberbürgermeisters beschließen.

Gerhard Munthes Wandbilder in der Haakons-
halle. Die alte berühmte Haakonshalle auf Bergenhus in
Norwegen ist neuerdings von dem bekannten norwegischen
Maler Gerhard Munthe in monumentaler Weise mit Wand-
gemälden ausgeschmückt worden. Der Künstler hat, wie
»Aftenposten« schreibt, das schwierige Problem in rein de-
korativer Art gelöst, und in seinen Gemälden eine Gotik
zum Ausdruck gebracht, die allerdings nicht die Gotik des
Mittelalters ist; es ist im Gegenteil eine Umformung des
gotischen Geistes in rein modernem Sinne, wodurch sowohl
der wirkliche Geist der Haakonshalle wie der des Mittel-
alters neu erscheint in viel stärkerem Grade, als wenn man
eine noch so umgreifende Restaurierung vorgenommen hätte.
In dem Reichtume der Details, in ihrer Gebundenheit in
einen streng dekorativen Stil liegt die Erklärung der großen
Wirkung. Ein ausgezeichnetes Beispiel für das Zusammen-
gehen der Dimensionen der Figuren mit dem Aufbau der
Halle ist das Krönungsbild des Königs Haakon.

Inhalt: Rathäuser und Hallenbauten in Belgien. Von Karl Simon. — Personalien. — Januar-Ausstellung des Kunstmuseums in Essen. — Kunst-
geschichtliche Oesellschaft, Berlin. — Max Klinger hat das Diplom der Weltausstellung für Buchgewerbe und Oraphik Leipzig 1914 voll-
endet; Eine Ruhmeshalle in Stettin; Gerhard Munthes Wandbilder in der Haakonshalle.

Verantwortliche Redaktion: Gustav Kirstein. Verlag von E.A.Seemann in Leipzig, Hospitalstraße IIa
Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., Leipzig
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