Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Justus Brinckmann f

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eines kranken Hamburger Jünglings, nach Süden, bis
gegen Ägypten hin unternommen hatte. Nach seiner
Rückkehr vertauschte er die bis zum Antritt der Reise
betriebenen naturwissenschaftlichen mit mathematischen
Studien, die ihm in Lausanne den Baccalaureus ein-
trugen. In Hamburg beschäftigte sich Brinckmann
in der Folge wieder mit vorgeschichtlichen Studien,
zu denen ihm die Berührung mit der Antike Sinn
und Lust geschärft hatte. Wieder folgten Reisen, und
wieder kehrte Brinckmann nach seiner Rückkehr im
unschlüssigen Umhertasten zu seiner ersten Liebe, der
Natur, zurück. Er immatrikulierte sich im Jahre 1865 in
Leipzig, wählte die Naturwissenschaften als Hauptfach
und wandte sich im Nebenfach staatsrechtlichen und
volkswirtschaftlichen Fragen zu. Im Herbst desselben
Jahres übersiedelte er nach Wien, wo Eitelberger eben
sein schulbildendes österreichisches Museum für Kunst
und Industrie ins Leben gerufen hatte. Anregung und
Lockung als Ergebnis des Verkehrs mit dem großen
Wiener Gelehrten waren also in Hülle da, aber immer
noch ließ die Entschließung auf sich warten. Was
Eitelberger in ihm angeregt, das schrieb sich Brinck-
mann in einem Aufruf von der Seele herunter, in dem
er seiner Vaterstadt eine Nachschaffung des Wiener
Museums auf das Angelegentlichste empfahl. Doch
dann wandte er sich wieder neuen Göttern zu: dem
Rechtsstudium (in dem er auch den Doktorgrad er-
warb) und dem Journalismus, dem er (in der Eigen-
schaft eines Kriegsberichterstatters) einen Aufenthalt in
dem belagerten Paris zu danken hatte. Erst nach dieser
Episode lenkte sein Lebensschiff in jene Bahnen ein,
die es seither nicht wieder hat verlassen sollen. Zu-
nächst geschah dies im Jahre 1873 in der Eigenschaft
eines Kommissärs auf der Wiener Weltausstellung.
Die hier gewonnenen Erfahrungen verdichteten sich
nach seiner Rückkehr in solchem Maße, daß er von
jetzt ab mit allem Nachdruck auf die Verwirklichung
des Museumsprojekts lossteuern konnte.

Als Schriftführer der Museumskommission setzte
Brinckmann mit grundlegenden Kunstankäufen ein.
Schon 1874 konnte eine kunstgewerbliche Anfangs-
sammlung zunächst in gemieteten Räumen ausgestellt
werden. Doch erst im Jahre 1877 konnte der Einzug
in jenes Gebäude erfolgen, in dem das Museum seit-
her, zuerst als Teilinsasse zusammen mit der Kunst-
gewerbeschule und dem Technikum, und seit Über-
siedelung dieser beiden Schulen in eigene Wohnstätten,
als alleiniger Eigner verblieben ist.

Über das Wachsen und Werden des Museums,
dem Brinckmann bis in die kleinste Raum- und Vitrinen-
ordnung den Stempel des eigen Persönlichen auf-
gedrückt hat, über dessen Bedeutung und — was
zur gerechten Würdigung des Erreichten unerläßlich
ist zu wissen — über die Mühen und Demütigungen,
die der geniale Mann im unentwegten Verfolgen
seines Zieles hat auf sich nehmen müssen, äußerte
sich Alfred Lichtwark in einer, zur Vierteljahrhundert-
feier des Museums erschienenen Festschrift mit einer
Offenheit, die nicht frei war von einiger, auf selbst
gemachte Erfahrungen hinweisenden Bitterkeit in den
folgenden Sätzen: »Die Eigenart des hamburgischen

Museums liegt nicht in der Aufhäufung von Seltenheiten
und Kostbarkeiten, denn es wurde mit sehr geringem
Aufwand von Mitteln geschaffen. Zwei kostbare Möbel
aus den Gemächern Louis' XV. würden heute soviel
kosten, wie das ganze Museum heute zu Buche steht.
Daß es dagegen Besitztümer enthält, die von künftigen
Zeitaltern nicht weniger hoch geschätzt werden dürften,
verdankt es außer der Potenz seines Gründers einigen
glücklichen Umständen, die nicht allen Museumsleitern
zugute gekommen sind . . . Wer aber von Amerika
und England kommt oder auch nur aus dem heutigen
Berlin, wo die Stifter aus einem Gefühl, daß Reich-
tum verpflichtet, den Direktoren der Museen unge-
heure Mittel zur Verfügung stellen und gar nicht
warten, bis sie gebeten werden, sondern von selber
kommen, wird allerdings nicht ohne Erstaunen ver-
nehmen, daß ein Mann von der europäischen Autorität
Brinckmanns und ein Wähler höchsten Ranges an
freiwilligen Gaben warmer Hand in fünfundzwanzig
Jahren nur ungefähr 200000 Mark und an Vermächt-
nissen nur rund 80000 Mark für sein Museum zur
Verfügung bekommen hat. Und die Beschaffung
jener vergleichsweise so geringen Summe von durch-
schnittlich 8000 Mark im Jahre hat ihn obendrein
unverhältnismäßig viel Arbeit gekostet, denn sie ist
durchweg in mäßigen und selbst kleinen Beträgen
eingegangen, und viele Beiträge haben ihm einen Be-
such, einen Brief ■— einzelne auch viele Besuche und
Briefe — gekostet. Die Zahl der Briefe, die er zu
diesem Zwecke im Laufe der Jahre geschrieben hat,
läßt sich gar nicht abschätzen. . . .«

Freilich, woher er angesichts der enormen Ar-
beitsleistung, die der Ausbau der vielen Spezialfächer
erforderte, die er mit seiner besonderen Liebe um-
faßte — eigentlich gehörte, mit Einschluß des Japa-
nismus, dem er in Deutschland den Boden bereitet,
diese »besondere Liebe« allem begrifflich Schönen in
Leben und Kunst — auch noch die Zeit gefunden,
Berufungen zum Eintritt in die verschiedensten Preis-
richterkollegien, zur Überprüfung und Durchsicht von
Sammlungen in aller Herren Länder, und zu einer
ausgedehnten fachliterarischen Tätigkeit gefunden,-ist
seiner Umgebung stets ein Rätsel geblieben. Nicht
nur, daß seine, für die vorgesetzte Behörde verfaßten
Jahresberichte sich zu Nachschlagewerken von blei-
bendem kunstgeschichtlichen Wert auswuchsen, ein-
zelne seiner Bücher (wie z. B. über die Kunst in Japan,
der zuliebe er eigens japanisch erlernte, und mehr
noch sein »Führer durch das Museum«) besitzen
eine enzyklopädische Bedeutung. Brinckmann war drei-
mal verheiratet. Aus diesen Ehen sind elf Kinder
hervorgegangen, von denen die Mehrheit die Liebe
und auch das feine Gefühl ihres Vaters für das Schöne
in der Kunst als Erbteil mitbekommen haben. Ein Sohn
des verewigten Großmeisters der modernen Museums-
wissenschaft steht als Direktor an der Spitze des Kestner-
Museums in Hannover. Die Zahl derer, die lernend zu
seinen Füßen gesessen, und die er, sei es als Förderer,
sei es als Schaffende und Lehrende, der Kunst und dem
Kunstgewerbe gewonnen, ist nicht zu übersehen.
Dockenhuden. H. E. WALLSEE.
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