Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Krieg und Kunst

— Ausstellungen

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Die Kommission für die Gemäldegalerie hat ihr Mitglied,
den Grafen Harrach, durch den Tod verloren; in die für
die Sammlung von Bildwerken und Abgüssen christlichen
Zeitalters ist Wirkl. Geh. Rat Dr. v. Bode neu als Vorsitzen-
der hinzugekommen. Aus der Kommission für das Münz-
kabinett sind die Professoren v. Schmoller und Weil aus-
geschieden und an ihre Stelle Direktor v. Gwinner und
Obermünzwardein Mittmann getreten. In die Kommission
für die Sammlung der ägyptischen Altertümer ist Professor
Dr. Schäfer, in die für indisch-asiatische Sammlungen an
Stelle des ausgeschiedenen Professors Dr. Ehrenreich Pro-
fessor Dr. Mann und in die für die ostasiatische Abteilung
Professor Dr. Tafel gekommen. Die Kommission für die
amerikanischen Sammlungen hat in Geh. Kommerzienrat
Hardt, Dr. Traeger und Professor Dr. Vierkandt drei neue
Mitglieder erhalten, nachdem die Professoren Dr. Ehrenreich
und Dr. Hellmann aus ihr ausgetreten sind.

Professor Dr. Albert von Le Coq, bisher wissen-
schaftlicher Hilfsarbeiter am Berliner Museum für Völker-
kunde, ist jetzt zum Direktorialassistenten ernannt worden.
Ihm danken die Museen die einzigartigen Kunstdenkmäler
jener interessanten alten Kultur aus Turkestan, die heute
eine Hauptsehenswürdigkeit des Völkerkunde-Museums
bilden.

KRIEG UND KUNST
Zum Wiederaufbau in Ostpreußen. Der Vorstand
des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine
hat an den Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen eine
Eingabe gerichtet, die sich auf die künftige Stellung der
nach Ostpreußen zu berufenden Bauberater und Bauunter-
nehmer bezieht. Die Eingabe betont im wesentlichen: Es
muß danach gestrebt werden, daß den in Ostpreußen be-
reits ansässigen wirklichen Architekten ihre Stellung ge-
sichert und gebessert wird, daß ferner nach Bedarf noch
weiter besonders tüchtige Architekten nach Ostpreußen
gezogen werden, die auch bereit sind, wenn der Bedarf es
erfordert und die wirtschaftliche Lage es ihnen gestattet,
nach den Wiederherstellungsarbeiten dort zu bleiben.

AUSSTELLUNGEN
Der Berliner Kunstsalon Eduard Schulte veran-
staltet zur rechten Zeit eine Gedächtnisausstellung des
Münchener Malers Faber du Faur, der einer der wenigen
ist, die in Deutschland Schlachten zu malen verstanden.
Faber vereinigte militärische Erfahrung mit einer geschmack-
vollen künstlerischen Handschrift. So war er dazu berufen,
auf einem Sondergebiete der Kunst Wertvolles zu schaffen,
obwohl er nicht zu den Großen seiner Zeit zählte. Es
war ihm selten vergönnt, seine Konzeption restlos in Form
umzusetzen. Oft fehlt es an der letzten Klarheit. Faber
du Faurs Kunst ist nur zu verstehen aus dem Milieu der
Münchener Ateliers um 1870, aus deren dämmerhafter
Atmosphäre erst in Leibi das volle Licht und die ganze
Prägnanz meisterhafter Formengebung hervorwuchs. Es
ist interessant, das große Wörthpanorama, das Faber ge-
schaffen hat, mit Werners Sedanpanorama zu vergleichen,
das hier vor einigen Monaten ausgestellt war. Bei Werner
nüchternste Sachlichkeit ohne die geringste Sorge um die
künstlerische Haltung. Bei Faber als erster Eindruck der
noble Ton, der an Daubigny und Fromentin gemahnt, das
weiche Grün der Landschaft, aus dem das dunkle Blau der
Uniformen entwickelt ist, und zu dem das Rot der Fran-
zosen den komplementären Klang ergibt. Kompositioneil
wie formal ist dieser Panoramaentwurf das reifste und
fertigste der hier gezeigten Werke. In den anderen ist
mehr farbiges Blendwerk, weniger sichere Beherrschung.

Die Frage, wer unter den Heutigen mit so viel male-
rischer Kultur Aufgaben wie diese zu bewältigen vermöchte,
drängt sich unwillkürlich auf. Carl Saltzmanns schematische
Illustrationsbilder von Seeschlachten sind künstlerisch zu
belanglos, um hier eingehender gewürdigt zu werden. Karl
Zieglers Hindenburgporträt ist alles andere als das Bildnis
des großen Feldherrn, das berufen sein soll, seine Züge
der Nachwelt zu bewahren, ein Kopf ohne Charakter,
eine banale Pose und eine Malerei, die ihren Reiz in
der Buntheit der Uniform sucht. — Andere wären da als
Saltzmann und Ziegler, aber es bleibt die Frage, ob sie
sich den Aufgaben, die heute dringend werden, gewachsen
fühlen, und wenn es der Fall ist, ob sie ebenso leicht
Zugang finden wie jene rasch Fertigen, die schon am
Tage der Mobilmachung mit der Denkmälerfabrikation
begannen. q

Frühjahrsausstellung der Neuen Münchener Se-
zession. Im Münchener Kunstverein regnet's Proteste:
Die ehrsamen Mitglieder des Kunstvereins, die gewohnt
sind, sich an Gemälden lieblichen Inhalts, an Bildern von
mehr oder weniger mäßiger Qualität zu erfreuen, sahen
am 21. Februar zu ihrem größten Entsetzen die Wände ihres
Lokals mit Bildern behängt, wie sie sie bisher nur in den
Schaufenstern der Goltzschen Kunsthandlung im Vorüber-
gehen erblickten und mit mehr oder weniger laut geäußerter
Verachtung streiften. Von solchen Werken fühlen sie nun-
mehr ihre Räume entweiht und schaffen ihrem empörten
Herzen nach bewährter Münchener Art Luft. Wohl zur
nicht geringen Befriedigung der Mitglieder der Neuen
Sezession dauern diese Proteste an und verschaffen da-
durch dieser Ausstellung, wenn auch in der Form eines
kleinen Skandals, eine Reklame, wie sie sich die Sezession
nicht besser wünschen könnte.

Fragt man sich nun aber ernstlich, ob denn wirklich
Grund zu diesen Angriffen vorhanden ist, so muß man
dies mit einem glatten Nein beantworten. Die Ausstellung,
und damit sei ein Hauptresultat schon vorausgenommen,
wirkt alles andere als revolutionär oder aufregend. Es ist
eine recht wackere, wenn auch uneinheitliche Frühjahrs-
ausstellung der strebsamen Neuen Münchener Sezession
von mindestens so gutem Durchschnitt wie die früheren
Frühjahrsausstellungen der alten Münchener »Sezession«.
Nur in einem Punkt ist die Erregung des größeren Pu-
blikums verständlich und auch voll berechtigt: Es war ein
grober taktischer Fehler der Ausstellungsleitung, von dem
von Haus aus gewiß nicht untalentierten Paul Klee neben
drei sehr rohen Ölbildern fast ein Dutzend kubistischer
Aquarelle auszustellen und damit diesem Künstler einen
Platz einzuräumen, der ihm in keiner Weise gebührt; drei
solcher »Kleeblättchen« hätten vollkommen genügt. Man
kann sich auch weiterhin fragen, ob es klug war, so viele
Bilder auszustellen. Die Veranstaltung hätte gewiß ge-
wonnen, wenn etliche fünfzig Bilder weggeblieben wären.
Allein, man ist ja bei Frühjahrsausstellungen stets etwas
weitherziger als bei den großen Sommerausstellungen, und
so mag es verständlich sein, daß eine ganze Reihe recht
mäßiger Bilder, die man zum Teil direkt als modernen
Kitsch bezeichnen darf, zur Ausstellung gelangten.

Geht auch ein ganz frischer Zug durch die Ausstellung,
wenn man sie mit anderen vorherigen Münchener Ver-
anstaltungen vergleicht, so ist doch ein wirkliches Weiter-
schreiten bei vielen der Aussteller nicht eigentlich zu ver-
spüren. Zu betonen ist, daß die drei bedeutendsten Mit-
glieder der Neuen Sezession: Weißgerber, Purrmann und
Kokoschka, ganz fehlen, ebenso Pascin und Pechstein. So
wird es Hofer und Melzer leicht gemacht, bedeutender zu
erscheinen, als sie es in Wirklichkeit sind. Was man auch
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