Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Vereine

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Visitenkarte abgegeben. Daß viele der Mitglieder der
Sezession, die in ihren Bildern meist nicht so sehr be-
friedigen, in Skizzen und Studien, die die Galerie von
ihnen besitzt, viel erfreulicher wirken, ist ja keine Über-
raschung, aber man dankt es namentlich in diesen Fällen
der Ankaufskommission erst recht, daß sie sich gerade
diese Studien gesichert hat.

Am Schluß des erwähnten Berichtes der Galerie-
kommission heißt es: »Trotz der bitter ernsten Kriegs-
zeiten, die auch die Sezession in schwere Mitleidenschaft
ziehen, denken wir ruhig an unserer Aufgabe, weiterzu-
arbeiten und hoffen, daß es uns gelingen werde, in noch-
mals zehn Jahren die Galerie mehr und mehr zu einem
wichtigen Dokument zeitgenössischer Münchner Kunst
auszubauen.« Diese Absichten sind gewiß allen Lobes
wert, allein es scheint, daß diese Weiterentwicklung der
Sezessionsgalerie, ja das Weiterbestehen dieser Galerie
überhaupt durch verschiedene Schwierigkeiten sehr ernst-
haft behindert und bedroht wird. Erstens ist, wie schon
der Bericht selbst andeutet, die Sezession durch den Krieg
in schwere Mitleidenschaft gezogen. Es wird die Sezession
die nächsten Jahre nicht nur nicht imstande sein, einen
Zuschuß zum Ankaufsfonds zu zahlen, das wäre das we-
nigste, sondern es dürfte umgekehrt der Sezession eine
finanzielle Hilfe durch eine Übernahme dieser Galerie von
Seiten des Staates oder der Stadt München doppelt will-
kommen sein. Denn zweitens ist die Unterhaltung der
Galerie für den Verein nicht nur in diesen Zeiten eine
ziemliche Last, sondern es wird sich überhaupt in nicht
allzuferner Zeit die Frage erheben, wo die Sezession ihre
Galerie unterbringen will. Sind doch die Tage der Se-
zession in dem großen Staatlichen Kunstausstellungstempel
am Königsplatz gezählt: wie bekannt, wird die Sezession
die ihr jahrelang vom Staat zur Verfügung gestellten
Räume an das Antiquarium und die Vasensammlung ab-
geben müssen, die so über kurz oder lang aus den Ge-
bäuden der Alten bzw. Neuen Pinakothek in die Nachbar-
schaft der Glyptothek übersiedeln werden. Wo die Se-
zession zukünftig ihr Heim aufschlagen wird, ist noch
ganz unbestimmt. Soviel ist aber sicher, daß in dem
künftigen Ausstellungsgebäude der »Sezession« wohl kaum
Platz für die jetzt schon ziemlich umfangreiche Sezessions-
galerie geschaffen werden kann. Vielleicht spielte über-
haupt seinerzeit bei der Gründung der Sezession die Er-
wägung eine wichtige Rolle, daß in dem großen Hause
am Königsplatz im Obergeschoß noch Räume zur Ver-
fügung standen, die gerade für eine derartige ständige
Galerie verwendet werden konnten. Gewiß würde die
Sezession bei ihrem Exodus aus ihrem jetzigen Heim
Mittel und Wege finden, die Galerie in irgend einer Weise
unterzubringen. Aber wie schon bemerkt, es scheint doch
gerade jetzt der Vereinigung willkommen zu sein, wenn
der Staat oder die Stadt München diese Galerie über-
nähme. Eine andere Art von Verkauf ist natürlich unter den
gegebenen Umständen gänzlich ausgeschlossen. Ebenso
wird sich die Sezession auch schwerlich dazu verstehen,
nur die Rosinen aus der Sammlung herausnehmen zu
lassen. Bleibt die Frage, für wen die Galerie mehr ge-
eignet, mehr erwerbenswert ist, für den bayrischen Staat
oder für die Stadt München. Diese Frage ist nicht ganz
leicht zu beantworten. Das jedoch steht fest, daß bei
einer Erwerbung der Sezessionsgalerie durch den Staat
mit einer einzigen Ausnahme, d. i. das bereits genannte
Werk Corinths, keine wirklichen Lücken in den Beständen
der Neuen Pinakothek ausgefüllt würden, wohl aber die
staatlichen Sammlungen, Pinakothek sowohl wie Graphische
Sammlung, recht angenehme Ergänzungen erhielten. Vor
allem würde die schon von Stadler begonnene Studien-

sammlung durch den Ankauf der Sezessionsgalerie ganz
bedeutend gefördert werden. Vielleicht aber besitzt die
Galerie für die Stadt München einen noch höheren Wert
als für den Staat. Denn hier wäre eine treffliche Ge-
legenheit, für die unbedingt ins Leben zu rufende städ-
tische Galerie einen vorzüglichen, kräftigen Grundstock zu
schaffen. (Warum bisher eine Münchner städtische Galerie
noch nicht zustande gekommen ist, bedeutet ein Kapitel
für sich, das bei einer anderen Gelegenheit erörtert werden
soll.) Für heute sei nur das betont, daß diese städtische
Galerie schon zur Entlastung der staatlichen Sammlungen
unbedingt notwendig ist. (Münchner Künstler zweiten und
dritten Ranges, die bis jetzt immer, vor allem auf den
Ausstellungen, vom Staat gekauft, in der Pinakothek ver-
treten sein »mußten« und dort natürlich eine recht schlechte
Figur machen, sind in einer Stadt Münchner Galerie aus
den verschiedensten Gründen ganz an ihrem Platz und
müssen dort wirklich vertreten sein.) Dann aber böte eine
Erwerbung der Sezessionsgalerie durch die Stadt der
Sezession selbst den Vorteil, daß diese Sammlung viel
leichter geschlossen aufgestellt eher zusammenbleiben
könnte, als dies auch beim besten Willen in einer Staats-
sammlung möglich ist. Der heutige Wert der Galerie
wird von Seiten der Sezession aus »nach sorgfältiger und
mäßiger Schätzung« mit rund 220000 Mark angesetzt. Diese
Schätzung scheint mir reichlich hoch gegriffen zu sein. Jeden-
falls darf man aber annehmen, daß dieser Schätzungswert
bei einem Verkauf an Stadt oder Staat keine ernsthafte
Rolle spielen würde, sondern daß die Sezession sicher
mit einem erheblich niederen Kaufpreis zufrieden wäre.

A. L. M.

Die Sammlung Hertz in Rom. In diesen Tagen
sind der Nationalgalerie alter Kunst im Palazzo Corsini
die Bilder aus dem Nachlaß von Fräulein Hertz übergeben
worden und sie sollen nächstens ausgestellt werden. Damit
bleibt in der ewigen Stadt ein lebendiges Denkmal an
Henriette Hertz, deren schönes Haus in der stillen Via
Gregoriana durch so lange Jahre ein Sammelpunkt ge-
wesen ist für alle, die in Rom an Kunst und Musik sich
erfreuten, und das auch jetzt noch in der kunstgeschichtlichen
Bibliothek den Forschern seine gastlichen Räume öffnet.
Das ausgezeichnetste Stück der Sammlung ist Filippo Lippis
Verkündigung, ein Bild aus der Frühzeit des Meisters,
dessen ganze frische Farbenfreude uns daraus entgegen-
leuchtet. Michele Giambonos ernstes Madonnenbild, Giulio
Romanos Jungfrau und eine frühmittelalterliche Tafel aus
Cavallinis Schule slehen dem toskanischen Meisterwerk
würdig zur Seite. Daneben sind nicht zu vergessen: Solarios
Lautenspielerin, Carianis Liebespaar und Schiavones köst-
liche Täfelchen.

VEREINE

Florenz. Kunsthistorisches Institut. Am 17. April
veranstaltete Dr. Kurt Zoege von Manteuffel, der bereits
in der Sitzung vom 20. Februar von Prof. Dr. Warburg
im Auftrage des Vorstandes in sein Amt als Stellvertreter
des zurzeit im Heeresdienst stehenden Direktors von der
Gabelentz eingeführt worden war, eine zweite, wiederum
sehr gut verlaufene wissenschaftliche Zusammenkunft; wir
lassen den Bericht folgen:

Italienische Sitzung vom 17. April 1915. — Professor
Hülsen machte einige Mitteilungen über den »rätselhaften
Künstler« Morto da Feltre, dessen Biographie sich in
Vasaris Viten findet. Er ist bisher meist mit Pietro Luzzi
aus Feltre, genannt Zarotto, dessen Haupttätigkeit in das
Ende des zweiten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts fällt,
identifiziert worden. Dabei ergaben sich allerdings einige
Widersprüche. Nun läßt sich auf Grund neuen Materials
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