Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Mitteilungen aus ausländischen Kunstzeitschriften

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Jahre 1846 wurde der ganze Lettner restauriert und_ die
Figuren erneuert.

Rodin hat, als Zeichen seiner Sympathie für Eng-
land, ihm eine ausgewählte Sammlung von etwa zwanzig
seiner Skulpturen geschenkt, meistens Bronzen. Das »Bur-
lington Magazine« bringt einige Abbildungen und die Be-
schreibungen dieser Kunstwerke, die im South Kensington
Museum öffentlich ausgestellt sind. Der Bericht nennt das
Ganze eines der schönsten Geschenke, die je ein eng-
lisches Museum empfangen hat, spricht aber die Hoffnung
aus, daß man in Zukunft nicht wieder solange warten wird,
bis ein ausländischer Künstler sein Werk anbietet, sondern
zeilig dafür sorgen wird, daß gute Arbeiten von solchen
ausländischen Meistern angekauft werden.

Das Januarheft des »Burlington Magazine « bringt
die Nachricht, daß die Londoner National Gallery ein be-
kanntes Werk William Blakes erworben hat, nämlich die
»Spiritual Form of Nelson, guiding Leviathan«. Ein Auf-
satz von M. A. erläutert die Bedeutung des Bildes, in
dem Leviathan laut dem Buche Hiob 40/6—41/34 die
Kraft des Meeres darstellt, die dem Menschen unterworfen
ist. Nelson ist hier also Leviathan führend als Herrscher
des Meeres symbolisiert, und das Bild ist eigentlich ein
gemaltes »Rule Britannia, rule the waves«. Das Bild ist
die erste Nummer in Blakes bekanntem beschreibenden
Bilderverzeichnis. Das Gegenstück bildet eine ähnlich auf-
gefaßte Darstellung des englischen Staatsmannes Pitt als
Beherrscher des Landes (Führer des Behemoth), das schon
lange Eigentum des englischen Staates ist. Das Nelsonbild
war 1876 ausgestellt im Burlington Fine Arts Club und 1913
in der Täte Gallery. Es ist in Temperafarben gemalt auf
einem weißen, auf Leinwand aufgetragenen Malgrund.
Blake nannte das Freskomalerei. Schon 1906 ist das Bild
von Mr. Littlejohn vom British Museum restauriert worden.

Sir Martin Conway berichtet über einen blauen Kelch
im Kirchenschatz von St. Marco in Venedig. Der Kelch
wurde 1462 der Signoria geschenkt im Namen des Schahs
von Persien und wurde später in Gold und Edelsteine ge-
faßt. Vermutlich stammt der Kelch aus dem 13. Jahr-
hundert.

Campbell Dodgson veröffentlicht zwei alte Illustrationen
des deutschen Sprichwortes: »Der Hoffart sitzt der Bettel
auf der Schleppe«, d. h. »Hochmut kommt vor dem Fall«.
Die erste ist eine Zeichnung des Hans Sebald Beham im
British Museum, die zweite ein Gemälde von Altdorfer im
Kaiser-Friedrich-Museum. Der Verfasser glaubt, daß diese
Kompositionen, beide von 1531, zurückgehen auf irgend
ein um diese Zeit verfaßtes Stück, das dann zugleich die
vielen Übereinstimmungspunkte zwischen dem Bilde und
der Zeichnung erklären würde, die in so verschiedenen
Teilen Deutschlands gleichzeitig entstanden. Beide Dar-
stellungen sind abgebildet.

K. A. C. Creswald schreibt über die Entwicklungsge-
schichte des persischen Kuppelbaues, von den frühesten
Zeiten bis heute, während Bernard Backham einiges über
den Stecher Hancock mitteilt und dessen Beziehungen zu
der Emailfabrik von Janssen in Battersea bei London.
Beide Aufsätze sind illustriert.

Sir Claude Phillips veröffentlicht Notizen über einige
Bildnisse; das Porträt des Grafen von Provence, später
Ludwig XV1IL, von Francois Hubert Drouais (Smlg. Hugh
Morrison in Fonthill) und Rubens' Damenbildnis in der-
selben Sammlung, denen sich die Besprechung eines eben-
daselbst befindlichen Bildnisses der englischen Königin
Elisabeth, von Lucas de Heere, anschließt. Alle drei Ge-
mälde sind abgebildet.

Bowyer Nichols bespricht in einem illustrierten Auf-

satz die Londoner Ausstellungen zur finanziellen Unter-
stützung nationaler Unternehmungen, während Cust und
F. Jos. van den Branden den XXX. Teil der Notizen über
Bilder in den Königl. engl. Sammlungen veröffentlichen.
Diesmal bringen sie den ersten Teil der Bilder von Joost
und Cornelis van Cleve. Van den Branden, der bekannte
Antwerpener Archivar, jetzt als Flüchtling in London, fügte
seine archivalischen Funde, van Cleve betreffend, Custs No-
tizen bei. Die Bildnisse des Malers und seiner Frau, beide
in Schloß Windsor, sind mit abgebildet und weiter eine
dort befindliche, Joos und Cleve zugeschriebene Anbetung
der Hirten. — J. O. Kronig schreibt über Bilder des sel-
tenen Leidener Rembrandtschülers Carel van der Pluym,
f 1672, eines Verwandten Rembrandts. Ein Bild, das Kronig
ihm zuschreibt, ist in dem Aufsatz abgebildet.

Die Nummer enthält eine A. V. bezeichnete Besprechung
von V. Roths Beiträgen zur Kunstgeschichte Siebenbürgens.
Das Buch wird gelobt, die Abbildungen aber gerügt wegen
ihrer schlechten Ausführung. F. G. bespricht die Mono-
graphie, welche George Williams über Laurent Delvaux
(1696—1777) geschrieben hat, herausg. von Oest, Brüssel.

Die Februarnummer des »Burlington Magazine«

bringt als Titelbild das Bildnis eines vornehmen Venezianers
aus dem 18. Jahrhundert, von Alessandro Longhi gemalt,
Herrn Henry Harris in London gehörend, der es 1911
auf der Venezianischen Ausstellung im Burlington Fine
Arts Club zeigte. Es gehört zu den feinsten Bildnissen
der damaligen Malerei. Der Dargestellte war Prokurator
von San Marco und hieß laut Überlieferung Mocenigo.

C. J. Holmes macht den sehr gelungenen Versuch, ein
bis jetzt dem Coello zugeschriebenes Porträt Philipps II.
in der National Portrait Gallery der italienischen Malerin
Sofonisba Anguissola zuzuschreiben. Das Bildnis, sowie
das Bild eines Mönches von Anguissola (Sammlung Cook,
Richmond) sind abgebildet. Gustavo Frizzoni publiziert
einen für ihn ins Englische übersetzten und zusammen-
gezogenen, jedoch (laut Notiz der Redaktion) nicht in seiner
englischen Fassung mit seinem »Imprimatur« versehenen
Aufsatz über Studien des Cesare da Sesto mit Bezug auf
seine Gemälde. Zahlreiche Studien sind abgebildet, und
der Aufsatz gibt an, zu welchen Bildern diese die Vor-
studien sind.

Charles Aitkin schreibt über Kunst und Ästhetik aus
Anlaß eines Buches von Clive Bell, das den Titel »Art«
führt und 1914 bei Chatto u. Windus in London verlegt ist.

Martin S. Briggs schreibt über das Genie Berninis,
ohne Neues darüber zu sagen, offenbar durch das Studium
der »admirabel biographies« französischer, deutscher und
italienischer Autoren angeregt, die er im Anfange seines
Aufsatzes rühmt. Abbildungen bekannter Werke Berninis
sind beigefügt.

J. Tavenor Perry unterzieht die Holztüren der Kirche
S. Maria im Kapitol in Köln einer eingehenden Unter-
suchung, die ihn zu dem Schluß bringt, daß die Türen
dem Anfange des elften Jahrhunderts angehören. Die Frage,
weshalb die Türen nicht in Bronze ausgeführt wurden, be-
antwortet er folgendermaßen: entweder ist ein vollständiges
Holzmodell für die Arbeit hergestellt und der Bronze-
guß niemals ausgeführt, oder man hat von Anfang an
eine Nachahmung in Holz beabsichtigt, die, wenn ver-
goldet, sich nicht von einer vergoldeten Bronzetür unter-
scheiden ließ.

K. A. C. Creswell bringt den Schluß seines Aufsatzes
über die Entwicklung der Kuppel in der persischen Bau-
kunst (mit vielen interessanten Abbildungen).

Besprochen werden; James King Hewisons Buch über
»the Runic Roods of Ruthwell and Bewcastle (Glasgow,
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