Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Sammlungen — Vereine — Forschungen — Vermischtes — Literatur

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Sein bekanntes Werk ist der Mendebrunnen auf dem
Augustusplatz in Leipzig. Von ihm stammt ferner der
ornamentale Schmuck der Fassaden des Leipziger Grassi-
Museums, des Kunstmuseums und Konservatoriums in
Leipzig und zahlreicher anderer Gebäude in dieser Stadt
und in München. Seit 1890 trägt Ungerer den Professortitel.

SAMMLUNGEN

Die diesjährige Tagung des Verwaltungsausschusses
des Germanischen Museums fand am 1. und 2. Juni
statt. Neben anderen Mitgliedern waren Generaldirektor
Exz. v. Bode, Exz. Graf Posadowsky-Wehner, Exz. Dr.
Richter, Exz. Dr. v. Rheinbaben, Generaldirektor Dr. Friedr.
Dörnhöffer und der Geh. Oberregierungsrat im Reichsamt
des Innern Dr. Gallenkamp erschienen. Auf der Tages-
ordnung stand: Verwaltungsbericht des Direktoriums so-
wie Rechnungsablage für 1914, Beratung des Etats für 1916
und Beratung betreffend die teilweise Ausführung des Er-
weiterungsbaues. Zu dem letzten Punkt wurde der Be-
schluß gefaßt, den südlichen Flügel und die Eingangshalle
des Neubaues auszuführen, eine Maßnahme, die die Feuer-
sicherheit und die bessere Beleuchtung der Bildergalerie
wünschenswert erscheinen läßt. Der groß angelegte Er-
weiterungsbau des Museums soll auf dem Gelände der
Beckhuhen-Fabrik am Hallplatz errichtet werden.

Der jetzt in Friedenau bei Berlin lebende Bildhauer
Wilhelm Lehmbruck hat einen lebensgroßen Torso in
Stein vollendet, der vom Danziger Stadtmuseum ange-
kauft worden ist. Lehmbruck stammt aus Duisburg, dessen
Stadtmuseum eine lebensgroße Marmorfigur »Junges Weib«
von ihm besitzt, und hat längere Zeit in Paris gelebt, bis
ihn die politische Lage veranlaßte, nach Deutschland zurück-
zukehren. Werke von ihm findet man in den Museen zu
Elberfeld,Magdeburg, Köln, Frankfurt,Chemnitz und anderen
Städten.

VEREINE

Der Zusammenschluß der Privatarchitekten
Deutschlands ist durch den beschlossenen Eintritt der
Vereinigung Berliner Architekten in den Bund Deutscher
Architekten wesentlich gefördert worden. Die Vereinigung
hat sich mit der Ortsgruppe Groß-Berlin des B. D. A. unter
der Bezeichnung »Vereinigung Berliner Architekten, Orts-
gruppe Groß-Berlin des B. D. A.« zusammengeschlossen.
Die Wahlen für den neuen Vorstand hatten folgendes Er-
gebnis: Erster Vorsitzender Geheimer Baurat Wolffenstein,
stellvertretender Vorsitzender und zugleich Schriftführer
Architekt Karl Ed. Bangert, stellvertretender Schriftführer
und zugleich Kassenwart Architekt Karl Mohr, Obmann
des Arbeitsausschusses Baurat Graf. Zu Beisitzern wurden
die Architekten Arnold Hartmann, Albert Hof mann und
Richard Seel gewählt.

FORSCHUNGEN

Eine Zeichnung von Frans Hals. Das Museum
der bildenden Künste in Budapest besitzt ein aus der
Sammlung Moritz Kann in Paris stammendes Gemälde
eines vornehmen Mannes in jüngeren Jahren (Gal.-Kat.
Nr. 510a), das im Versteigerungskatalog der genannten
Sammlung (Paris, George Petit, 9. Juni 1911) unter Nr. 27
erwähnt und daselbst abgebildet ist. Das Bild war auf
der »Exposition des grands et petits maitres hollandais
au XVII. siecle« (Paris 1911, Nr. 61) zu sehen und ist in
der Publikation von Armand Dayot über diese Ausstellung
in Lichtdruck wiedergegeben; auch in W. v. Bodes Frans
Hals, Sein Leben und Werke, Berlin 1914 (Bd. I, Taf. 86,
Nr. 147). Auf der rechten Seite des Bildes steht die Jahres-

zahl 1634 und das Alter des Dargestellten, welches als 26
und nicht als 20 zu lesen ist, wie dies fälschlich angegeben
wird. Wir sind heute in der Lage, zu unserem Bilde die
Originalzeichnung nachweisen zu können. Diese ist in
der Publikation der »Handzeichnungen alter Meister im
Slädelschen Kunstinstitut« (Frankfurt 1914, Selbstverlag,
Lief. XVII, Nr. 8) reproduziert. Sie ist eine weißgehöhte
Kreidezeichnung auf hellgrau grundiertem Papier und
stammt laut Datum auf der rechten Seite aus dem gleichen
Jahre wie das Gemälde. Ein Vergleich zeigt, daß ur-
sprünglich ein Kniestück beabsichtigt war, denn so er-
scheint der junge Mann auf der Frankfurter Zeichnung,
wogegen er auf dem ausgeführten Gemälde nur bis etwa
unterhalb der Hüften dargestellt ist. Auf der Zeichnung
hat Frans Hals das Hauptgewicht auf das faltenreiche und
bauschige Gewand gelegt und es mit sicherem Strich aus-
geführt, wogegen er den Kopf nur flüchtig skizzierte, so
daß er beinahe etwas verzeichnet erscheint. Die reiche
Drapierung des schwarzen, beziehungsweise grauen male-
rischen Gewandes und der silbergraue, fast weiße rechte
Handschuh und Manschette haben ihn am meisten inter-
essiert, viel weniger aber der nicht gerade sehr anziehende
Kopf. Diese ungleichmäßige Ausführung in der Zeichnung
mag wohl der Grund dafür sein, daß sie in der genannten
Frankfurter Publikation nicht mit Bestimmtheit dem Meister
selbst zugewiesen wird. Die Erkenntnis aber, daß wir in
der Zeichnung eine direkte Studie, einen Entwurf, zu dem
Budapester Bilde besitzen, wird auch weitere Zweifel über
ihren richtigen Urheber ausschließen. a. v. Tirey.

VERMISCHTES

Zur Kunstausstellung Richter in Dresden behan-
delte Dr. Karl Adrian das Thema »Die deutsche Kunst des
Mittelalters, der Renaissance und unserer Zeit« in vier Vor-
trägen. Der deutschen Renaissance, die sonst unberech-
tigterweise der italienischen gegenüber stiefmütterlich be-
handelt zu werden pflegt, wurde ihr volles Recht. Gerade
in dieser Zeit war diese objektiv-kunstwissenschaftliche
Auseinandersetzung zwischen deutschem, italienischem und
französischem Wesen bedeutsam, besonders die Feststellung,
daß im allgemeinen die große Formgewandtheit der Fremden
eine größere Tiefe und größerer Reichtum des Deutschen
gegenübersteht.

Die Leipziger Stadtverwaltung hat zur Vornahme
von Notstandsarbeiten für die bildenden Künste in Leipzig
50000 Mark bewilligt. In Aussicht genommen ist u. a. die
Ausarbeitung von Vorschlägen zur künstlerischen Gestal-
tung des Stadtbildes, insbesondere die Gewinnung von
Fassadenentwürfen für die Straße, die nach dem Völker-
schlachtdenkmal führt.

Bei dem in Nr. 36 der »Kunstchronik« enthaltenen Be-
richt über die Ausstellung des Kölnischen Kunstvereins
handelt es sich um Josef Eberz, den Stuttgarter Künstler,
und nicht Ebers, wie irrtümlich gedruckt worden ist, was
hiermit berichtigt sei.

LITERATUR

Die moderne Graphik, eine Darstellung für deren Freunde
und Sammler von Hans W. Singer. (Verlag von E. A.
Seemann, Leipzig 1914. Quart. 547 Seiten mit mehreren
hundert Abbildungen. 24 M., geb. 28 M.)
Wer Hans W. Singer, den ersten Direktorialassistenten
am Kgl. Kupferstichkabinett zu Dresden, näher kennt, weiß,
daß er ein Kunstbetrachter mit etwas subjektiven Neigungen
ist, daß er aber dabei »Kunstenthusiasmus und Geschmack«
besitzt und daß er die graphische Kunst, die alte wie die
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