Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

Page: 493
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1915/0256
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
493

Ausstellungen

494

an der sich das Künstlerhaus, die Sezession, der Hagenbund
und die sogenannte Kunstschaugruppe, jedes selbständig,
beteiligten, und die in erster Linie, wie schon der Name
des Verbandes sagt, den Zweck verfolgt, die wirtschaftlichen
Verhältnisse der bildenden Künstler zu heben. Leider
kann man sich hier des Verdachtes absolut nicht erwehren,
als ob von den meisten Künstlern diese Ausstellung für
ein Mittel angesehen würde, um ihre weniger gelungenen
Leistungen, die sogenannten Atelierhüter, an den Mann
zu bringen. Man kann keineswegs die Behauptung auf-
stellen, daß sich diesmal die Mitglieder der jüngeren
Vereine irgendwie über das künstlerische Niveau der Ge-
nossenschaft bildender Künstler, die doch zumeist über
technische Gewandtheit und Geschmack verfügen, erheben.
Der große Raum, den die Mitglieder des Künstlerhauses
füllen, ist in seiner Art jedenfalls der ausgeglichenste. Zu
erwähnen ist die sehr gut gesehene Allee in Veere von
Tina Blau und ein sehr flüssig gemalter weiblicher Rücken-
akt von Karl Sterrer. Die Windmühle dieses Künstlers
hingegen zeigt die stark überschrittenen Grenzen seines
Könnens. Sehr geschmackvoll wählt Darnaut die Motive
seiner Landschaften. In der Manier stecken geblieben
sind die Stilleben von Charlemont, die wenig mehr von
der Güte früherer Werke zeugen. — Wenig Erfreuliches
leistet vor allem die Sezession. Auf Otto Friedrichs Studie
aus Wien sind immerhin die Figuren in der raschen Be-
wegung gut gezeichnet, auf Schmutzers großer Radierung
Kaiser Wilhelm IL, die aus der Reproduktion in den gra-
phischen Künsten bekannt ist, enttäuscht der Kopf. Das
beste Werk nicht nur im Raum des Hagenbunds, sondern
in der ganzen Ausstellung ist die geschlossene, in jeder
Silhouettenansicht vorteilhafte Eichenholzfigur eines Ephe-
ben von Barwig. Von Tierbronzen des Künstlers haben
wir bereits Besseres gesehen als die ausgestellten: ein
Silberlöwe und eine Löwin. Auch die beiden holzge-
schnitzten Harlekins Barwigs reichen an die spätgotischen
Vorbilder, die den Künstler zweifellos inspirierten, — ich
denke z. B. an die Mazurkatänzer im Münchner Rathaus —
nicht heran. Oskar Laske arbeitet weiter in seinem ins Mo-
derne übersetzten Breughel-Stil, erinnert aber weniger an den
großen Niederländer als an Künstler wie Welti, der ihm frei-
lich an Anmut der Farbgebung und Sicherheit der Zeichnung
überlegen ist. Auffallend mäßig ist der Raum der Jungen.
Kolo Moser hat ihn freilich wenig günstig ausgestaltet und
nicht nur keine dekorativ gefällige Anordnung der Bilder
erzielt, sondern auch einiges wirklich Gute, wie Faistauers
Stilleben und die farbigen Tierholzschnitte von Jungnickel
durch zu tiefes Hängen — etwa in Kniehöhe des Be-
schauers — um die Wirkung gebracht. Die beiden Land-
schaften von Klimt gehören keineswegs zu den besten
Schöpfungen des Meisters, die Bilder von Löffler, Moser
und Moll sind unter dem Durchschnitt. In der Eingangs-
halle ist noch einer gelungenen Brunnenfigur von Adolf
Pohl, eines in Bronze gegossenen weiblichen Aktes mit
einer Schlange, Erwähnung zu tun. l. v. b.

Hamburg. Infolge Niederlegung seines letzten Heims
war der Hamburger Kunstverein zu einer Unterbrechung
seiner Ausstellertätigkeit genötigt worden. Jetzt, nach
reichlich Jahresfrist, hat der Senat diesem Zustande vor-
läufig damit ein Ende gemacht, daß er dem Verein im
Flügel eines aufgelassenen Schulgebäudes einige Räume
zur Verfügung stellte. Um der Wiederaufnahme seiner
geschäftlichen Tätigkeit einigen festlichen Anstrich zu ver-
leihen, haben Freunde des Vereins für die in diesen Tagen
eröffnete Einführungsausstellung ihre künstlerischen Schätze
hergeliehen, insgesamt gegen 90 Gemälde und eine größere
Anzahl Handzeichnungen. Die eingehaltene Beschränkung
auf führende deutsche Künstler aus der zweiten Hälfte

des vorigen Jahrhunderts — von Marees und Feuerbach
bis zu Liebermann, Corinth und Sievogt — mag Zufall
sein. Doch man findet sich gerne in den Gedanken, darin
einen Ausdruck verstärkten Selbstgefühls erblicken zu dürfen,
das es verlangte, zu zeigen, wie auch die deutsche neuere
Kunst gar wohl imstande ist, die Kosten einer Eliteaus-
stellung zu decken, ohne bei der fremdländischen Kunst
Anleihen machen zu müssen.

Eine weitere statthafte Annahme spricht auch dafür,
daß nicht wenige dieser Werke den direkten Weg vom
Künstler oder Händler zu ihrem Erwerber genommen
haben. Man sucht in älteren Ausstellungskatalogen ver-
gebens nach ihnen, gewiß nicht, weil sie von den Preis-
richtern eine Zurückweisung erfahren haben. Und in der
Tat könnten die Bildnisköpfe von W. Leibi (es sind ihrer
sechs), Lenbachs Generalfeldmarschall Moltke (Kniebild
ohne Perücke), Spitzwegs heimeliges »Ständchen«, Hans
Thomas Blumenstilleben und Schwarzwaldlandschaften,
W. Trübners Schloß Hemsbach und Kloster Neuburg, Uhdes
»Flucht nach Ägypten«, Menzels und Klingers köstliche
Handzeichnungen — um nur einiges zu nennen — das
Begehren auch der sonst mit Arbeiten von den genannten
Künstlern bestversorgten Museen erwecken. Daß dies auch
von der Mehrheit der Max Liebermannschen Tafeln zu
gelten hat — es sind von einer einzigen Besitzerin nicht
weniger als acht beigesteuert —, erwähne ich nur um eines,
erst in diesem Jahre fertig gestellten Werkes willen, zum
Schlüsse. Dieses Gemälde, eine mittelgroße Tafel, gewährt
von der Höhe des Monte Pincio aus einen ganz köstlichen
Überblick über das im heißen Sonnenglast verschwimmende
Dächermeer von Rom. Im räumlichen Aufbau und in der
Behandlung des flutenden Luftmeeres ist es eines der [an-
ziehendsten Werke seines Schöpfers. Daß es nebenbei (und
hierin reichlich unterstützt durch die Anwesenheit von Wer-
ken anderer Künstler, denen Rom gleichfalls eine wich-
tigste Nährquelle ihrer Kunst gewesen ist), die Erinnerung
machtvoll zu dem hinleitet, was die ewige Stadt durch Jahr-
hunderte deutschem Wissen und deutscher Kunst gewesen ist,
bedarf keiner besonderen Versicherung. So berührt dieses
Gemälde wie ein letztes Grüßen des deutschen Genius.

Für erinnerungsstarke Besucher sind auch zwei Bild-
nisse eines und desselben Mannes von besonderem Inter-
esse. Schöpfer des einen ist Thoma, des zweiten W. Leibi,
der Dargestellte selbst ist der seinerzeit viel genannte
»Rembrandtdeutsche« Dr. Julius Langbehn. Malerisch ohne
alle Berührung, ergänzen diese beiden Bildnisse sich da-
durch, daß sie wie Erwartung und Erfüllung gegeneinander-
stehen. Das in der Zeit erheblich zurückliegende von
Thoma gemalte Bildnis will symbolisch genommen sein.
Hier erscheint Langbehn als kräftiger junger Mann mit
rötlichem Haar und Krausbart und vertrauend blickenden
Augen, in Brustformat und völlig unbekleidet. Die er-
hobene Rechte hält ein Ei, wie man versucht ist zu glauben,
jenes Ei, aus dem später das mit so vielem Gegacker in
die Welt gesetzte Buch »Rembrandt als Erzieher« heraus-
gekrochen ist. Das Leibische Bildnis zeigt den Dargestellten
bedeutend gereifter, die Augen blicken gesenkt, das Haar
hat stark nachgedunkelt, von dem Vollbart ist nur ein
schmaler Haarstreif auf der Oberlippe zurückgeblieben.
In dem Zug leiser Resignation, der die sinnlichen Lippen
umspielt, scheint einiges von jenen Empfindungen nach-
zuklingen, die die wenig erfreulichen Endschicksale des
Buches dem Verfasser gebracht haben mögen.

Dem Kunstverein kann das Wohlgelungene dieser Ein-
führungsausstellung in sein neues Heim ein freundliches,
Erfolg verheißendes Omen sein. Die Besitzer der aus-
gestellten Kunstwerke aber dürfen sich für die kurze Zeit
der Trennung von ihren Schätzen, in die sie sich gefügt,
loading ...