Zeitschrift für christliche Kunst — 5.1892

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1892. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 9.

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zerstört und von König Zwentibold von Loth-
ringen um 890 wieder hergestellt. In späterer
Zeit haben die Kaiser, namentlich Otto L, Otto IL
und Heinrich IL, sowieKonrad IL und Konrad III.
mehrfach in Nymwegen verweilt.11) Liegt nicht
die Möglichkeit vor, dafs einer dieser Herrscher,
wenn auch nicht gerade der letztgenannte, die
Kapelle erbaut habe? Lassen doch die Einzel-
formen meines Erachtens eher eine Stellung ins
X. oder XL Jahrh. zu als eine solche in das
VIII. bis IX. Jahrh., und wie man die Aachener
Kirche noch Jahrhunderte nach ihrer Entstehung
z. B. im XL Jahrh. in Ottmarsheim, also bei
einer Klosterkirche nachgeahmt hat, so würde
eine gleich späte Nachbildung bei der Ka-
pelle einer kaiserlichen Pfalz um so weniger
befremden. Die wichtige Frage nach der Ent-
stehungszeit des Nymwegener Baues ist also noch
durchaus nicht genügend beantwortet. Zur Lö-
sung derselben dürfte auch eine genaue mit Ver-
gleichen verbundene technische Untersuchung,
des Materials, Steinverbandes und Mörtels bei-
tragen. Der letztere zeigt in den ältesten Theilen
eine Beimengung von Ziegelmehl nur an ein-
zelnen Stellen, welche bei genauer Untersuchung
sich vielleicht als spätere Zuthat ergeben werden.
Wenn es richtig ist, dafs die Baumeister der
Karolingerzeit, wie heute allgemein behauptet
wird, dem Mörtel ihrer Bauten immer Ziegelmehl
beigemengt haben, so dürfte also eine Unter-
suchung des Mörtels schon hinsichtlich der Zeit-
bestimmung von Wichtigkeit sein. Wenn auch
zugestanden werden mufs, dafs aus der Unter-
suchung des Materials nicht immer sichere Schlüsse
gezogen werden dürfen; im Verein mit lokal- und
kunstgeschichtlichen Argumenten können sie aber
von grofsem Werthe sein. Also auch aus diesem
Grunde ist durch Schonung des gegenwärtigen
Bauzustandes die Möglichkeit einer zukünftigen
sorgfältigen Durchforschung zu bewerkstelligen,
und zwar durch Schonung des gesammten Bau-
zustandes mit allen Veränderungen, welche das
Gebäude im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat.

") Falls die Regesten bei Oltmans und Hermann
zuverlässig sind. Bei einer gründlichen und umfassen-
den Behandlung des Bauwerkes milfsten auch diese
Geschichtsdaten, da sie fast ausnahmslos Chronisten
des vorigen Jahrhunderts entnommen sind, einer sorg-
fältigen kritischen Prüfung unterzogen werden. Ist ja
gerade in letzter Zeit mit Recht auf die Vernachlässi-
gung hingewiesen, welche die Erforschung der kunst-
geschichtlichen Quellen bisher vielfach erfahren hat.

Denn auch Hinzufügungen und technische Um-
änderungen können indirekt zur Alters- und
Werthbestimmung älterer Theile wesentlich bei-
tragen. Und selbst wenn schon eine sorgfältige
und umfassendeUntersuchung stattgefunden haben
sollte, so würde doch eine Erneuerung zu be-
klagen sein, da auch der Zukunft die Möglich-
keit der eigenen Erforschung, mindestens aber
derKontrolle früherer Forschung gewahrt bleiben
mufs. Denn auch der kenntnifsreichste und sorg-
fältigste Forscher ist Irrthümern unterworfen.
Wird bei einem Gebäude vom Charakter der
Nymwegener Kapelle, d. h. eines kunstgeschicht-
lich werthvollen, aber nicht mehr benutzten Ge-
bäudes ein Theil baufällig, so dürfte derselbe
durchaus nicht abgetragen werden, so lange sein
Bestand noch durch andere Mittel, als Stützen,
Streben, Verankerungen u. dergl. gesichertwerden
könnte, auch wenn diese Hilfskonstruktionen ein
schlechtes Aussehen gewähren sollten. Falls
aber durchaus einzelne Theile abgebrochen bezw.
erneuert werden müssen, so ist dieWahl theilvveise
anderen Materials z. B. gefärbten Mörtels anzu-
rathen, damit die neuen Theile auch in der Zu-
kunft, d. h. wenn sie schon verwittert sind, von
den alten mit Leichtigkeit unterschieden werden
können. Bei der Nymwegener Kapelle sind z. B.
einzelne der ältesten Gewölbe in sehr schlechtem
baulichen Zustand. Doch haben nach Mittheilung
des Stadtbaumeisters Herrn Weve seit langer
Zeit keine Senkungen mehr stattgefunden, so
dafs auch hier kein Grund zu einer Erneuerung
vorhanden ist, zumal die Gewölbe leicht gestützt
werden könnten.

Die mafsgebenden Personen, die Herren
Abeleven, Dr. j. Bylefeld und Baumeister Weve
haben sich daher entschlossen, von Erneuerungen
gänzlich Abstand zu nehmen und das Bauwerk
mit allen Veränderungen, welche es im Laufe
der Zeit erlitten hat, der Zukunft zu erhalten.
Es gebührt ihnen hierfür jedenfalls die Aner-
kennung aller Kunstfreunde. Der Dank würde
aber noch gröfser sein, wenn die genannten
Herren die Kapelle und die anderen Ueberreste
der Pfalz nach gründlicher Untersuchung und
sorgfältigen Aufnahmen seitens des Herrn Weve
demnächst in würdiger Weise veröffentlichen
würden, wie solches bereits bei den dortigen,
aus der gothischen und der Renaissanceperiode
stammenden Profanbauten geschehen ist.

Esse

G. Humann.
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