Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1922

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DIE. FORM/MONATSSCHRIFT FÜR GESTALTENDE ARBEIT

Stil?

von Peter Behrens

Der schaffende Künstler, jener, der in dem Sinne produktiv ist, daß er Neues hervorbringt, fragt nicht
nach dem Stil seiner Zeit. Er fördert, was ihm gefällt und läßt anderes unvollendet. Er vernichtet ja
nur allzuviel Begonnenes. Auch er kann jedoch zuweilen seiner Bildung nicht entweichen und folgt dann
seinen überlegenden Gedanken, ob auch die Art, der Geschmackscharakter seines Werks die richtigen seien.
Aber letzten Endes sind ihm Folgerungen solcher intellektuellen Erwägungen nicht bestimmend. Ob es
gut aussieht, was er machte, nur darauf kommt's ihm an, trotz Richtung oder Zeitgeist.

Dies ist der produktive Stand künstlerischer Empfindung. Der Recipierende fragt nach dem Warum
und den Zusammenhängen. So fragt der künstlerisch erzogene Mensch, weil er seine Bildung durch die
Geschichte hat und weiß, daß eine jede Zeit ihren Stil hatte, bis auf unsere. Daß wir keinen haben,
schon seit Dezennien, scheint außer Zweifel. Ist es so und nicht vielleicht doch denkbar, daß eine spätere
Zeit Gemeinsames in aller Verschiedenheit der künstlerischen und für uns unkünstlerischen Formen
finden wird? Fangen doch Museen bereits an, Möbel und Gerät aus der Zeit Napoleons III. zu sammeln.
Ein Stil ist eben nicht für seine eigene Zeit erkennbar, sondern kann erst in zeitlich weiterem Abstand
wahrgenommen werden.

Darum eben ist es müßig, den Stil seiner eigenen Zeit definieren zu wollen und ästhetische Beweis-
führungen für oder gegen das Neue und Ungewohnte im Kunstleben zu erheben. Die rein ästhetische
Einstellung bleibt eine überflüssige Angelegenheit schon darum, weil das Kunstwollen der Zeit allemal
seinen Weg geht, jene aber immer hinterher kommt.

Das was uns aber angehen darf, unsere Überlegung herausfordern muß, ist unser allgemein mensch-
liches und persönliches Verhältnis zu den gesamten Erscheinungen unseres Lebens, zur Struktur der Zeit.
Es ist nicht denkbar, daß wir uns ganz abseits der Begebenheiten unserer Tage stellten und uns in roman-
tischer Anwandlung abschlössen von allem um uns her. Also werden wir teilnehmen am Geschehen und,
je nach unserem Temperament, den geistigen Kampf härter führen oder in Resignation. Solche Ein-
stellung ist keine ästhetische, sie ist von ethischer Art.

Welchen Einfluß der Weltkrieg und seine Folgen für die kommende Zeit haben wird, kann niemand
übersehen. Unser vorläufiger Eindruck ist der Zusammenbruch einer gewesenen hohen wirtschaftlichen
Zivilisation, der nicht allein uns, sondern alle Länder des alten Erdteils getroffen hat. Die Höhe dieser
Zivilisation fand ihren sinnfälligen Ausdruck in der beispiellos weit entwickelten Technik. Es schien, als
ob alles Interesse in der Bahn mathematisch gerichteten Denkens aufgenommen worden sei. So stellte
sich auch unsere Umwelt dar. Wir bewunderten die großen, weit überspannten eisernen Hallen und
mutig geschwungenen Brücken, und selbst dem zwingenden Eindruck der Maschinen, den sie durch ihre
oft kühne und folgerichtige Konstruktion auf uns ausübten, konnten wir uns nicht entziehen, obwohl
wir uns sagten, daß solcher Erfolg auf unsere Sinne ein zufälliger, ein pseudoästhetischer sei, weil keine
Konzeption durch künstlerischen Willen vorwaltete.

In der Tat vermochte die Technik bisher auch nichts anderes, als eine Höhe materiellen Lebens zu
schaffen, denn die Einheit von materiellen und geistigen, d. h. kulturellen Werten konnte nicht zum Form-
ausdruck werden. Man dachte auch nicht daran, denn aufsteigend mit seinen großen Erfolgen wandte sich
der Ingenieur immer mehr von allem ab, das seinem eigenen Gebiet nicht eng verbunden war.

So zeigt unsere Zeit überall die Merkmale der Zerrissenheit. Unsere Blicke fallen, wohin wir uns wen-

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