Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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«5=isg> DENKMALER — VERMISCHTE NACHRICHTEN -

= BERLIN. Am 26. September sind zwei weitere
Bildwerke in der Sieges-Allee enthüllt worden: die
von Jos. Uphues geschaffene Denkmal-Gruppe für
Friedrich den Grossen und die cauer'sche Gruppe
Kaiser Karls IV. Dem erstgenannten Künstler ist
vom Kaiser der Auftrag geworden, seine Statue
des in jugendlichem Alter dargestellten Königs
noch einmal für den Park von Sanssouci auszu-
führen. Des weiteren ist Uphues mit der Model-
lierung eines Standbildes des Grafen von Moltke
betraut worden, das der Kaiser dem Feldherrn vor
dem Generalstabsgebäude am Königsplatz zu er-
richten gedenkt. f84!

= KASSEL. Das vom hiesigen Bildhauer Hans
Everding geschaffene Standbild des Landgrafen
Philipps des Grossmütigen, das seinen Platz vor
der Martinskirche gefunden hat, ist am 12. September
enthüllt worden. I85]

= MÜNCHEN. Ein Pettenkofer-Wandbrunnen
in rotbrauner Marmor-Architektur das Bronzerelief
des gelehrten Forschers, von Professor Adolf
Hildebrand modelliert, zeigend, ist am 17. Sep-
tember der öffentlichen Benützung übergeben worden.

= MÜNCHEN-GLADBBCH. Das von Bürgern
der Stadt gestiftete und von Professor Fritz
Schaper in Berlin modellierte Bismarck-Denkmal
ist am 20. September enthüllt worden. [83]

F. Pt. MÜNCHEN. Auf die jetzt für den 23. Ok-
tober angesetzte Versteigerung der Galerie Schubart
sei nochmals hingewiesen. Referent wüsste nicht,
dass irgend eine andere moderne deutsche Samm-
lung so viele unzweifelhaft echte Meisterwerke
ersten Ranges zählte, als diese jetzt dem Schicksal
fast aller Privat-Galerien verfallende, d. h. unter
den Hammer gelangende. Schubart war eben selber
ein Kenner, nicht bloss Liebhaber - und verstund
sich ausserdem auf eine weise Beschränkung. Sowohl
in Bezug auf die Auswahl der Bilder, die mit wenigen
Ausnahmen der niederländisch-deutschen Schule an-
gehören, als auch auf deren Grösse, die nie durch ihr
Uebermass beschwerlich wird. Zugleich mit der
köstlichen Bildersammlung kommt auch eine Anzahl
alter Glasgemälde, Porzellangeschirre, wunderbar
geschnitzter Möbel der köstlichsten Art, dann alter
Kupferstiche etc. zur Versteigerung, die in ihrer Art
oft kaum weniger interessant sind als die Oelbilder,
jedenfalls die grösste Aufmerksamkeit verdienen, so
dass man schliesslich nur bedauert, dass das alles,
was mit so viel Liebe und feinem Verständnis hier
zusammengebracht ward, nun in alle Welt zerstreut
werden soll! Hoffen wir, dass unsere Staatssamm-
lungen wenigstens das beste festzuhalten wissen
werden, da eigentlich nur in ihnen Kunstwerke
ersten Ranges ihren Zweck voll erfüllen können.

tz. DÜSSELDORF. Der Kunstverein für die
Rheinlande und Westfalen fördert wiederum in
hochherziger Weise ein Werk der Monumental-
malerei. Derselbe eröffnet einen Wettbewerb um
die Herstellung eines Wandgemäldes für die Aula
des Gymnasiums zu Mörs in der Rheinprovinz, zu
welchem er die in Düsseldorf ansässigen Künstler
einladet. Als Gegenstand für die Darstellung ist
Lasset die Kindlein zu mir kommen- gewählt
worden. Der erste Preis soll in der Uebertragung
des Auftrages bestehen, für den ein Honorar von
7000 M. ausgesetzt ist. Ausserdem ist als zweiter
Preis eine Prämie von 600 M. bestimmt. Die Ent-
würfe sollen bis zum 15. Januar 1900 beim Kunst-
verein eingeliefert und das Bild innerhalb eines
Zeitraumes von längstens zwei Jahren nach Ertei-
lung des Auftrags vollendet sein. 1161*
= MÜNCHEN. Die Thronrede des am 28. Sep-
tember eröffneten bayerischen Landtages verheisst

für das Budget der kommenden Finanzperiode eine
Forderung zur Errichtung eines Museums von Gips-
abgüssen aus der christlichen Zeit im Gebäude
des alten Nationalmuseums. I8']

= WIEN. Die Vereinigung bildender Künstler
Oesterreichs (Secession)- veröffentlicht die offizielle
Widmungsurkunde der Theodor von Hörmann'schen
Kaiser Franz Josef I. Jubiläums-Stiftung,- welche
die Witwe des Malers, Frau Laura von Hörmann,
im Sinne des Verewigten errichtet hat. Die jähr-
lichen Zinsen eines Kapitals von 20000 fl., das zu-
meist den Erlös aus der im Februar abgehaltenen
Versteigerung des Hörmannschen Nachlasses dar-
stellt, sollen jeweils zum Ankauf eines Bildes ver-
wendet werden, dessen Wahl der Entscheidung eines
Kuratoriums unterliegt; das Bild muss im Sinne
Hörmanns ernst individuell, fern von Nachem-
pfindung und Nachahmung und von rein künstleri-
schem Interesse sein. Die angekauften Bilder sind
nach Ermessen des Kuratoriums entweder einer
bereits bestehenden oder einer zu gründenden
öffentlichen Galerie zuzuwenden. Als die ersten
Kuratoren sind die Mitglieder der Wiener Secession
Josef Engelhart, Rudolf Bacher, Carl Moll, Professor
Felician Freiherr von Myrbach und Ernst Stöhr 'er-
nannt. P'I

= Ueber Das Malen veröffentlichte Giovanni
Segantini kurz vor seinem Tode in der Wiener
Rundschau - Apergus, denen wir Nachstehendes ent-
nehmen: Die Kunst muss dem Geiste des Einge-
weihten neue Empfindungen offenbaren; die Kunst,
die den Beobachter gleichgiltig lässt, hat keine Da-
seinsberechtigung. Die Suggestibilität eines Kunst-
werkes steht im Verhältnis zur Kraft, mit der es
vom Künstler im Momente der Konzeption em-
pfunden wurde, und diese im Verhältnis zur Fein-
heit, ich möchte sagen: Reinheit seiner Sinne. Dank
ihrer prägen sich die leichtesten und flüchtigsten
Eindrücke seinem Gehirne intensiver und sicherer
ein und bewegen, befruchten so den überlegenen
Geist, der sie zu einem Ganzen zusammenfügt: hier
findet nun die Arbeit statt, die das künstlerische
Ideal in lebendige Form umsetzt. Um diese ideale
Vision während der Ausführung des Kunstwerkes
zu erhalten, muss der Künstler all seine Kräfte ins
Treffen führen, damit die ursprüngliche Energie
fortbestehe; alles muss eine Vibration seiner Nerven
sein, dahin gerichtet, das Feuer zu nähren, das Bild
durch stete Heraufbeschwörung lebendig zu erhalten,
damit der Gedanke nicht zerfliesse oder abschweife,
der Gedanke, der auf der Leinwand Form und Leben
annehmen und das Kunstwerk schaffen soll, das
geistig individuell und körperlich wahr sein wird;
nicht von jener äusserlichen, oberflächlichen oder
konventionellen Wahrheit, die das Gepräge der ge-
wöhnlichen Kunst ist, sondern von jener, die, alle
Schranken der Linien- und Farbenoberflächlichkeit
überschreitend, der Form Leben und der Farbe Licht
zu verleihen weiss. Wir sehen also: Hier ist die
Natur! Sie tritt in die Seele ein und hat an dem
Gedanken teil. Der Pinsel gleitet über die Leinwand
und gehorcht; er zeigt das Beben der Finger, in
welchen sich alle Nervenschwingungen sammeln;
es entstehen die Dinge, Tiere, Personen und nehmen
bis in die kleinsten Teile Form, Leben, Licht an.
Das heilige Feuer der Kunst lebt im Künstler und
erhält ihn in einer Geistesspannung, jener Bewegung,
die er seinem Werke mitteilt. Durch diese Bewegung
verschwindet die mechanische, ermüdende Arbeit
des Künstlers, und das vollkommene, aus einem
Stück gegossene, lebendige, reich empfundene Kunst-
werk ersteht: Es ist die Incarnation des Geistes in
der Materie, es ist Schöpfung. ["2]

Redaktionsschluss: 7. Oktober 1899. Ausgabe: 19. Okiober 1899.

Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwartz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. in München, Nymphenburgerstr. 86. — Bruckmann'sche Buch- und Kunstdruckerei in .München.
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