Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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PETER STACHIEWICZ

Das Werk dieses Meisters steht zwischen
zwei Entwicklungsepochen polnischer
Kunst. Die ältere ist längst vorüber. Matejko
und Grottger waren ihre grossen Vertreter
und sie beherrschten jene Zeit, da der pol-
nische Maler auch Prophet und Agitator sein
wollte, Hüter vergangener Ehren, Kämpfer
um ein verlorenes Vaterland, wo Pinsel und
Griffel ihm nur als Schwert und Lanze galten.
Die jüngere ist von heute. Mehoffer und
Wyspianski, Wyczolkowski und Szymanowski
sind die Führer. Sie haben sich gleichsam
an die Emigration gewöhnt, ererbten Wünschen
entsagt und in der Fremde, in den Ateliers
von Paris und München, gelernt. Eine inter-
nationale, weltmännische Note ist ihnen eigen,
die Kenntnis des Manet, Whistler und der
Schotten, und in ihrem nervös verfeinerten
Empfinden unterscheiden sie sich von Matejko,
wie Polens junge Dichter von Mickiewicz,
Kasimir Tetmajer etwa, der sich so seltsam
mit d'Annunzio, Dehmel und Hofmannsthal
berührt. Früher fanatische Vaterlandsbegeiste-
rung, oft auf Kosten der Kunst, jetzt skeptisches
Träumen moderner, entwurzelter Menschen,
die nur künstlerische Interessen haben.

Zwischen diesen beiden Strömungen steht
Stachiewicz, gleich weit jedoch von patrioti-
scher Tendenzmalerei und raffinierter Artisten-
kunst entfernt. In jedem Blutstropfen ist
er Pole. Aber er liebt die Heimat nicht in
der leidenschaftlichen Art des Matejko, dem
sie eine strenge Göttin gewesen, auch nicht
manchen Landschaftern gleich, die in ihr nur
die seltenen Reize einer verwirrenden Ge-
liebten suchen. Ihm ist sie die grosse, gütige
Mutter, der man in schlichter Innigkeit die
fruchtbaren Hände küsst. Aus dieser Dank-

barkeit ist er zum Künstler geworden. Seine
Bilder haben Erdgeruch und die schmerzlich
verträumte Stimmung jener Volkslieder, die
man in Sommernächten auf polnischen Dörfern
hört. Die Bauern seines Landes malt er
nicht in der bitteren Mühseligkeit ihrer Ar-
beit, sondern wie sie, alten Bräuchen folgend,
Wunderkerzen auf dem Acker zünden oder
bunt bekränzt das Erntefest feiern. In dem
Cyklus aus den Salzbergwerken von Wieliczka
sind jene Scenen bevorzugt, wenn die Berg-
leute ruhen dürfen oder sonntagstill Gottes-
dienst halten. Wird einer verschüttet, dann
naht ihm der Heiland und legt seine heilige
Hand auf das wunde Haupt. Niemals das
ganze Weh des Unglücks, die brutale Wucht
des Schicksals, immer etwas Mildes, Tröstendes,
die demütige Schönheit der slavischen Volks-
seele. Sein reifstes Werk sind bisher die
„Marienlegenden", jene rührend schlichten
Bilder grau in weiss, die Maria preisen, die
Frühlingsgöttin und Maienkönigin. Er hat
die schwärmerischen Sagen gesammelt, die
das Volk in treuherziger Kindlichkeit von
der jungfräulichen Mutter dichtete und ihre
bräutliche Anmut meisterlich zart gestaltet.
Wie Lilien sind sie, in einem frommen
Märchenthal erblüht. Doch bei Stachiewicz
wurden sie zu einem lichten Hymnus auf
den Zauber adeliger Weiblichkeit.

Die hier gegebenen Zeichnungen sollen nur
ein weiteres Publikum auf den polnischen
Meister aufmerksam machen. Nicht mehr
wollen meine Begleitworte.

Hugo Haberfeld (Breslau)

AN MAX KLINGER

Aqua Fortis

Was ist Radieren? — Leises, fliicht'ges Schweifen
Auf dem Metall — in Abenddämmerstund'
Melodisch zartes in die Saiten greifen,
Ein zärtliches Geheimnis, uns vom Mund
Alliebender Natur vertraut, beim Schauen
Nach Himmelsivolken, nach dem stillen Teich,
Wo Schwäne ziehen; nach dem Meer, dem blauen;
Des Adlers Klau', der Taube Flaum zugleich;
' Homer in einer Nuss, die zehn Gebote
Auf eines Hellers Fläche; Wunsch und Traum,
Gefasst in zierlich ciselierte Note;
Ein schnell ergriffnes Bild aus Aetherraum.
Auf goldigem Metalle isfs ein Malen
Mit einer Wespe Stachel und dem Staub
Von Falterflügeln unter Sonnenstrahlen,
Auf einer Nadel-Spitze flüchfger Raub,
Von dem, was in des Künstlers Seelenwelt,
Aus Wirklichkeit und Träumen Form erhält.

Karl Vosmaar, Haag f
Deutsch von Lina Schneider.

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