Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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DIE VIERTE SEELE

Von Carl

In einem Gemache des klassischen Wunder-
baues, welcher die von den Altertums-
forschern schon längst ersehnte Lösung des
Rätsels bot, wie einst im alten Athen das
Haus des Perikles ausgesehen habe, ruhte
an einem Nachmittage auf einer mit einem
Pantherfelle bedeckten Kline des grossen
Künstlers schöne Gemahlin, tief versunken
in die Lektüre eines interessanten Buches.
Auf ihrem edlen Antlitze lag der Ausdruck
antiker Grösse, und klassische Ruhe atmete
ihre in schönem Linienflusse hingegossene
Gestalt, die von einer krokosfarbenen, mit
schwarzem Mäander umsäumten Peplos um-
hüllt war. Auf einem Tischchen neben der
Kline stand der buschige Athenahelm, auch
ein Kunstwerk in seiner Art, auf dessen Kamme
eine kleine Eule mit geschlossenen Augen unbe-
weglich dasass, mit der einen Kralle ein ihr
von der Herrin gereichtes Stückchen Zucker
umklammernd. Der Vormittag hatte derschönen
Frau Aerger gebracht. Ein kostbarer Kantharos
war von der allzu eifrigen Schaffnerin zer-
schlagen worden, aber beim Mittagsmahle war
es der schönen Frau gelungen, vom Herrn
Gemahl einen grösseren Betrag für die im stil-
vollen Haushaltungsbuche mit EIC TA AEON-
TA (Für notwendige Ausgaben) bezeichnete
Rubrik zu erlangen, und in voller Daseins-
freude und Befriedigung konnte sie sich jetzt
der Lektüre ihres Buches hingeben.

Und es war ein interessantes Buch, das sie
in prächtigem, mit antiken Emblemen ver-
ziertem Einbände in ihren schönen Händen
hielt.

Die Geschichte der Renaissance behandelte
es. Zwar war das Werk schon vor einem
Menschenalter geschrieben, aber Schönheit der
Darstellung und Tiefe der Forschung sicherten
ihm bleibenden Wert.

Am geistigen Auge der schönen Frau zogen
sie vorüber, die grossen Meister, alles ver-
wöhnte Lieblingskinder des Genius, denen er
in toller Gebelaune schier unerschöpfliche
Gaben und Talente verliehen hatte, welche sie
mit einzig dastehender Natur- und Geisteskraft
in unvergänglichen Schöpfungen bethätigten.

An der Seite der Meister wandeln hoch-
geistige, schöne Frauen, die jene zu unsterb-
lichen Werken, wahrhaft klassischen Verkörpe-
rungen der Schönheit begeistern, und die von
den Künstlern und Dichtern ausstrahlende
Sonne leiht auch ihnen den Glanz der Unsterb-

rich gleye

(Nachdruck verboten)

lichkeit. Mit bewunderndem Neide blickte der
Verfasser des Buches von seiner Zeit, der
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in stiller
Wehmut um die verlorene Schöne klagend,
zurück auf jene Epoche, wo es der Urkraft
dieser gottbegnadeten Menschen gelungen war,
die Antike von neuem zu beleben und sich
selbst in ihr zu finden.

Aber eins hatten diese Glücklichen noch
vor der Antike voraus: die gigantische Uni-
versalität, denn nur dieser Zeit war es vor-
behalten, einen Leon Battista Alberti, einen
Lionardo da Vinci, einen Michelangelo zu
zeitigen. Und mit ganz besonderer Liebe war
gerade das Bild des Michelangelo gezeichnet,
den man den Mann mit den vier Seelen nannte,
weil er die Kuppel der Peterskirche gewölbt,
das Jüngste Gericht gemalt, den Moses ge-
schaffen und Sonette gedichtet hatte, die eines
Petrarca würdig waren, und Dantesches Feuer
atmeten. Hier hielt die schöne Frau inne, Hess
das Buch in den Schoss sinken und wurde
nachdenklich. Hatte der Verfasser wirklich
recht? War jene universale Schaffenskraft
dem neunzehnten Jahrhundert völlig versagt
geblieben? Doch nur, so weit eben die Zeit
des Verfassers in Betracht kam. Aber war es
dem neunzehnten Jahrhundert nicht beschieden,
noch kurz bevor es in das Meer der Ewigkeit
hinabsank, eine Verkörperung der Universalität
jener Zeit von neuem zu schauen, zu schauen
in der Person ihres genialen Gatten? Hatte
denn nicht ausser seinen Gemälden und den
plastischen Bildwerken seine allschöpferische
Phantasie gar den Wunderbau erstehen lassen,
dessen schönster Schmuck sie selbst war?
Allerdings, eins hatte Lionardo da Vinci, hatte
Michelangelo vor ihrem Gemahle voraus, ge-
dichtet hatte er noch nicht, wenigstens so weit
es ihr bekannt war; die vierte Seele des Michel-
angelo fehlte ihm noch. Aber wer hätte es denn
noch vor einem Lustrum geahnt, dass seine
Schaffenskraft sich auch in architektonischen
Gebilden äussern würde? War es denn wirk-
lich unmöglich, dass er noch dichtete?

Hatte doch ein moderner Dichter, der als
einer der ersten deutschen Lyriker galt, sein
erstes Gedicht gemacht, als er fast das Schwaben-
alter erreicht hatte. Und warum sollte denn
ihr, so dachte die schöne Frau, das nicht ge-
lingen, was den Frauen der Renaissance ge-
glückt war, ihren Gemahl zu dichterischen
Thaten zu begeistern.

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