Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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AUS MEINEM LEBEN

Von A. Fitger
(Fortsetzung von Seite 90)

(Nachdruck verboten)

In geistig angeregten Städten, denen es aber Für besonders segensreich halte ich den
doch an dem Mittelpunkte eines Hofes, kaufmännischen Verein, der sich bemüht, das
einer Hochschule, einer Garnison oder dergl. geistige Zentrum so vieler, von der Heimat
fehlt, blüht das Vereinsleben natürlich be- entfernter Jünglinge zu sein, ihnen Gelegen-
sonders stark, und auch Bremen hat eine heit zu wissenschaftlicher Fortbildung und
nicht unbeträchtliche Anzahl aufzuweisen. Da geselliger, über den blossen stupiden Skat
giebt es ausser Kunstverein und Singakademie hinausgehender Unterhaltung zu gewähren,
noch die Gesellschaft Museum, deren pracht- ihnen die Teilnahme an vortrefflichen Kon-
volle Naturaliensammlung, Bibliothek und zerten zu ermöglichen und durch die Ver-
Lesezimmer wichtige Faktoren in dem geistigen anstaltung von populärwissenschaftlichen Vor-
Leben unserer Stadt bilden. Da giebt es trägen auf Geradewohl ihren Horizont zu
einen Instrumentalverein, der mit seinem erweitern nach dem Grundsatz: Wer Vieles
Dilettanten-Orchester ganz hübsche Konzerte bringt, wird Manchem etwas bringen. Zu
veranstaltet, einen Bürgerparkverein, einen wiederholten Malen ist mir die Ehre zu teil
Verein „Vorwärts!" der sich die populär- geworden, vom Katheder dieses Vereins zu
wissenschaftliche Fortbildung seiner Mitglieder einem grossen Kreise von Zuhörern über
angelegen sein lässt. Da giebt es ferner die künstlerische Angelegenheiten zu sprechen,
Gesellschaft „Haus Seefahrt", die sich der und da ein gewisser genossenschaftlicher
Verpflegung der Hinterbliebenen von Seeleuten Connex solcher Vereine untereinander statt-
widmet und alljährlich ihr berühmtes Gast- zufinden pflegt, habe ich auch gelegentlich an
mahl giebt, dessen massives Menu seit drei- anderen Orten, in Frankfurt, in Leipzig, in
hundert Jahren unverändert geblieben ist. Prag, in Hamburg u. s. w. meine Weisheit
Die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiff- ausgekramt; allein das Schwatzen über Kunst
brüchiger", diese unendlich segensreiche Kor- wurde mir doch bald unleidlich und nur in
poration, hat hier ihren Zentralpunkt. Da ganz seltenen Ausnahmefällen habe ich mich
giebt es noch zahllose, der Wohlthätigkeit noch wieder zu einer Besteigung des Katheders
und dem Vergnügen gewidmete Vereine, verleiten lassen. Ein einziger Fall erwies
Vereine zur Pflege alter Männer, verwahr- sich als wirklich fruchtbar: Um die Mitte
loster Kinder, Idioten u. s. w. Meine Ader der siebziger Jahre gelang es auf meine An-
für Vereinsleben ist gering, oft zahle ich regung einer Anzahl Kunstfreunde von der
meinen Jahresbeitrag ohne irgend welche per- Generalverwaltung der kgl. Museen in Berlin
sönliche Fühlung. Gelegentlich habe ich wohl die berühmten Kartons von Cornelius, die
auch — wie man zu sagen pflegt - ein Haar heute zu den Schätzen der Nationalgalerie
darin gefunden und bin wieder ausgetreten; gehören, zu einer öffentlichen Ausstellung
doch ich halte es unter meiner Würde, diese in Bremen zu erhalten ; das war ein Ereig-
Vorkommnisse hier näher zu berühren. nis, das nicht nur die Stadt Bremen, sondern

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