Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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LEHRJAHRE DER PLASTIK

Von Dr. Georg Habich

(Nachdruck verboten)

T"\er in kunstgelehrten Kreisen längst aufgestellten Aufgaben der Zeit wohl oder übel gerecht zu

und neuerdings auch von ausübenden Künstlern werden hatten,
ausgesprochenen Forderung einer Reorganisation Wenn auch doch die nächsten Nachfolger Michel-
unserer Bildhauerschulen auf Akademien und anderen angelos, Bernini und die um ihn, allerdings mehr in
Kunstinstituten ist jetzt auch der Wiener Bildhauer rezeptmässiger Nachahmung ihres grossen Vorbildes,
und Akademieprofessor Eduard Hellmer mit einer als im Geisf und in der Wahrheit, seinem Beispiel
lebendig und anregend folgten, die Figur direkt
geschriebenen Bro- in Stein zu hauen, so
chüre*) entschieden ^(ffffifjffi^ trat doch bald an Stelle
beigetreten. ; ' -y/c^^R! des Gesteins der Gips,
Dass etwas faul sei f/H1 und was dem plasti-
im Staate des Bild- JS&i' — jßil?~bi$ sehen Gebilde den Halt
hauervölkchens, wird '< S/[ - - gab, war nicht mehr
von den ausübenden zk£§ - '■'■■^Jft die steingedachte Ar-
Künstlern selbst fast ^iS-'aV^- 'fi^äÄ Z&Fy chitektonik seines Auf-
allerseits empfunden. %t*&& il- ■i'JJP'* baus, die innere Pro-
Sieht man ab von der T^jR «•'£*• .a^.ysi<Ä deration, es war über-
akademisch gezüchte- .,. ^\ '•^^9^sr-^Sv haupt nur mehr ein
ten Denkmalsplastik. -ijjfejA jflEälKr äusserlicher Halt da:
die nach wie vor mit ,!,^Hk 'ijWirJHkätßj das Eisengerüst für die
den Mitteln des abge- JN^Rfv ^3*»^HSBBmP Figur, das Drahtnetz
wirtschafteten Klassi- - v\. -"^^-äj^äfi für die Draperie. Was
zismus kärglich weiter y/' \ ' ~??fö' f % f**^K in der strengen Kunst
wirtschaftet, und richtet /} I \ &t:'• ' l ■ |n der Antike vielleicht bei
den Blick auf die Ent- / - / ) \- i 'jf \ \ '' ephemeren Triumphal-
wickelung der deut- . v 1 t..! t . w, ',' oder Funeral - Bauten
sehen Bildhauerkunst, / ,, f : | V'-— . > v f\ nur ausnahmsweise
so weit sie sich leben- / • l " if \ | y ' T '', - .»> . .< V Verwendung fand, die
dig und fortzeugungs- |'. W f .'*, / ■'. ■ * |\ Modellarbeit in Stuck-
fähig erwiesen, so trägt '•' 1 { 1 ! \ '.'>- ' > ./' ' /• jfcJJl und Gipsmasse, wobei
dieselbe, heisse sie nun \ r ~" . i- 1 i \ N % •' f /> ^ ^t- '/ m flüssigen Gips ge-
Gedon oder Wag- ^ . *L * \' - . -v Wi tauchte Tücher die Dra-
moller,Tilgneroder \ %. '• "V"-^.:.., ^NsÄ^^ JFJ' perie, Holz und Lein-
Begas, bei aller Ver- \ :\ 1 wand den architekto-
schiedenheit des Indi- ' /\, \ 9 ~ nischen Rahmen lie-
viduellen, durchgeh- ^ VV>J«^ _ -\ H^^^ii-.' fern, das wurde in der
ends den deutlichen ""^V, ^ ■C'^sL-»-^^^ •*' ^'s?"ffi«y lediglich auf Schein
Zug der Descendenz ^"^"^^^^^Sfe^i^^- *** und Wirkung arbeiten-
von der dekorativen "' den Kunst des späteren
Plastik des Barocco. Barock zur stehenden
Die äussere Bravour ^ 5üSCsä&' Regel. Und als letzte
der Mache, in der ' °^v.-.-.. N^^Zpggl Ausläufer dieser Rich-
Formbehandlung, eine \v - ,y . tung betrachten wir die

auf stoffliche Illusion \ ___->V T' berühmten Münchener

ausgehende Tendenz __JSS^1^ Festdekorationen und

zum Malerischen fer- jean-antoine houdon bOste Voltaires dieFacadenplastikeines

ner der unarchitekto- . ,v, ,. ... _ „ . _ ... . , „ Gedon, wie auch fast

, . „. , Pariser W eltausstellung * „Coilection rredenc-le-Grand , . 7 , , ., ,

nische Aufbau, der durchwegs den bild-
einer stilvollen Ver- hauerischen Schmuck
bindung mit der Architektur gern aus dem Weg des Schlosses von Herrenchiemsee; schliesslich ist
geht und sich lieber eigene Dekorationshintergründe denn auch das Kaiser Wilhelm-Denkmal in Berlin,
schafft, wenn nicht überhaupt eine naturalistische sowohl was die Auffassung als was die Ausführung
Aufstellung der Figuren in Felsenterrain u. dgl. be- anlangt, wie wohl in Stein und Erz, nichts wesentlich
liebt wird, das ist, wie uns scheint, ein gemein- anderes als ein Dekorationsaufbau,
sames Erbe vom Barock her. >Bildhauereif ist Was indes die endliche Reaktion, vor der wir
nicht der richtige Name hierfür. Eigentlich ist es gegenwärtig stehen, hervorrief, waren nicht sowohl
»Stukkaturplastik-, eine That, der die Frage nach die eben genannten Erscheinungen, als vielmehr die
Material und Materialwirkung nebensächlich war Abirrung dieses dekorativen Stils auf das natura-
und blieb, und der die Abkunft von der dekorativen listische Gebiet des Panoptikums. Es bedarf darüber
Antragarbeit in Gips oder stueco lustro auf die keines Wortes: noch stehen ja die Erzeugnisse
Stirne geschrieben ist. Waren es doch in der Blüte- jener Richtung, die mit wirklichem Bart- und Haupt-
zeit des Barock, namentlich in der kirchlichen Kunst, haar, echtem ledernem Riemenzeug bei Pferden,
die welschen Stukkateurs, die auch den plastischen richtigen Sporen bei Reitern und verkabeln Brillen-

_ gestellen bei Porträts von kurzsichtigen Leuten

•»Eduard Hellmer. Lehrjahre in der Plastik, i. Teil. arbeiteten, noch in schreckhafter Erinnerung. Der

(Wien, A. Schroll & Co., 50 Pfg.) unkünstlerische Eindruck blieb auch bei den, was

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