Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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zu Berlin

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liehe Umgebung hat, wie wir dies stets auf Geb-
hardts biblischen Bildern finden, einen nordischen
Charakter. Auch sind die Gestalten des Volkes,
wie wir dies bei dem Künstler zu sehen ge-
wohnt sind, in der Tracht des sechzehnten Jahr-
hunderts dargestellt. Wer Gebhardt's eigenartige
Kunstsprache, seinen Stil kennt, den befremdet
dies nicht mehr. Die Darstellung der leidenschaftlich
bewegten Volksmenge, die an dem schreckensvollen
Anfall des besessenen Knaben teilnimmt, ist für
ein Kirchenbild freilich ungewöhnlich. Gebhardt's
starkes künstlerisches Temperament bricht hier
gänzlich mit der Konvention. Seine ausserordent-
liche Gestaltungskraft offenbart der Meister in diesem
Bilde wieder in vorzüglicher Weise. Wirkt die obere
Gruppe des verklärten Heilandes mit den Propheten
und Jüngern bedeutend, höchst eindrucksvoll durch
die Tiefe und Innigkeit der religiösen Empfindung,
so fesselt das bewegte Bild auf der Erde, das Wunder
der Heilung des besessenen Knaben mächtig durch
die dramatische Lebendigkeit der Darstellung und
die treffliche Individualisierung jeder einzelnen
Figur. Auch in der Koloristik ist Jas Bild hoch-
interessant. Seine volle Wirkung ist, wie gesagt,
erst nach der gänzlichen Vollendung zu beurteilen.
Mit weisem Raumgefühl ist der Gegenstand in die
gegebenen Flächen komponiert. Die Schwierigkeiten
der architektonischen Verhältnisse und Hindernisse
sind glücklich überwunden und E. von Gebhardt
zeigt hier, wie in seinen Bildern im Kollegiumsaale
des Klosters Loccum, dass er auch ein Monumental-
maler ersten Ranges ist. Für Düsseldorf werden seine
Bilder in der Friedenskirche ein besonderer Anzieh-
ungspunkt sein. Das nicht grosse, aber in seinen
schönen Verhältnissen schlicht und vornehm wirkende
Gotteshaus geht ebenfalls seiner Vollendungentgegen.

-or. BERN. Das'schweizerische Kunstinteresse
muss sich in diesem Jahre mangels einer nationalen
auf die kleineren lokalen Ausstellungen, sowie auf
den sogenannten Turnus des Schweizerischen'Kunst-
vereins beschränken. Letzterer hat während des
Sommers die Städte Basel, Winterthur, Aarau, Kon-
stanz und Glarus berührt und ist Ende August in
St. Gallen beschlossen worden. In Konstanz, welches
sich in freundnachbarlicher Weise dem schweize-
rischen Turnus hie und da anschliesst, wies der-
selbe auf: Hundertachtzig Oelgemälde, worunter
eine schöne Anzahl mit hervorragendem, künst-
lerischen Qualitäten, sowie nicht ganz dreissig
Aquarelle, Pastelle und Radierungen. Unter den
Ausstellern befanden sich die besten Schweizer-
künstler, aber auch auswärtige, vor allem deutsche
fanden sich darunter. Zürich hatte seine periodischen
Ausstellungen im Künstlerhaus und zwar während
dem Juli und August die fünfte Serie des Jahres 1899.
Sie bestund aus fünfundzwanzig Werken Professor
ZOgel's, sechs Bildern von Raffael Schuster-
Woldan und einigen dreissig Arbeiten verschie-
dener Schweizer und auswärtiger Künstler. Auch
Luzern hat während der Sommersaison eine an-
sehnlich beschickte Permanente Ausstellung. Eine
weitere solche, wenn auch nur von lokaler Bedeu-
tung, arrangierte die Sektion Bern der Gesellschaft
schweizerischer Maler und Bildhauer in Thun; hat
aber mit den darin befindlichen Arbeiten von Fer-
dinand Hodler und Cuno Amiet mehr die Kritik
als die Kauflust des in Kunstsachen noch etwas
konservativen Berner Publikums herausgefordert.
Der bereits in einem Hefte des vorigen Jahrganges
erwähnte „Hodlerstreit" hat bekanntlich durch die
Verfügung des Bundesrates ein Ende gefunden und
der Künstler wird nun seinen endgültigen Entwurf

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