Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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AUSSTELLUNGSHALLE DER JAPANISCHEN SECESSIONISTEN IN TOKYO

DIE

Kämpfe im Kunstleben, die
schon seit Jahrzehnten in
deneuropäischen Kunstzentren
mehr oder weniger heftig toben,
haben sich in neuerer Zeit auch

VC'appen der auf das ferne Inselreich er-
„Hakuba-Kwai- streckt und treten dort, da die
(Japan. Secession) Kontraste der verschiedenen
Richtungen und Schulen viel
schroffere und unvermitteltere sind als bei
uns, noch viel greller zu Tage.

Die Modernen wollen mehr als bloss ge-
fällig und angenehm wirken, sie wollen er-
schüttern, den Menschen in seinem Glück und
Leid darstellen, ihn als Selbstzweck, nicht bloss
als etwas Nebensächliches erfassen. Sie wollen
nicht nur Stimmungen, die die Natur in ihnen
hervorrief, wiedergeben, sondern seelische
Vorgänge in allen Abstufungen schildern, wie
es ihre westlichen Kollegen thun.

Die stilisierte Kunst der Japaner hat, sofern
es sich um die Secessionisten handelt, vor
dem Realismus kapituliert; an den Brüsten
der Natur hangend, arbeiten die japanischen
Modernen, beseelt vom Geiste Millets, in
Dzushi, dem japanischen Barbizon, einem
reizenden Fischerneste nahe der Bucht von
Kamakura.

Der allzu beschränkte Raum an dieser Stelle
gestattet mir nur in kürzester Fassung die
Hauptereignisse, die sich in letzter Zeit im
modernen Kunstleben Japans abspielten, an-

N« IN JAPAN

(Nachdruck verboten)

zuführen; wer sich für die Vorgänge mehr
interessiert, den verweise ich auf meine
„Wandlungen im Kunstleben Japans".*)

Offiziell näherte man sich in Japan der euro-
päischen Kunst zum erstenmale vor etwa ein-
undzwanzig Jahren; damals wurde in Tokyo
eine Schule gegründet „Kohu Bijutsu Gakko",
d. h. „Schule für schöne Künste, die dem De-
partement für öffentliche Arbeiten untersteht".

Man berief zu diesem Zweck zwei Italiener,
einen Maler Namens Fontanegi und einen
Bildhauer, Ragusa.

Aber das Unternehmen erfreute sich nur
einer kurzen Lebensdauer, es wurde von
einer der zahlreichen politischen Umwäl-
zungen, die im jungen Japan nicht seltener
als die Erdbeben vorkamen, nach circa drei-
jährigem Bestände weggefegt.

Hiermit war von Staats wegen die europäi-
sche Kunst für lange Zeit kaltgestellt; erst von
Paris heimkehrende und dort ausgebildete
Künstler suchten ihr in den letzten fünf

*) ^Wandlungen im Kunstleben Japans;
von Adolf Fischer. B. Behrs Verlag (E. Bock),
Berlin. (Die Thatsache des beginnenden Einflusses
europäischer Kultur auf die Kunst des ostasiatischen
Inselreiches erscheint uns bedeutsam genug, um
für die hier gegebenen Ausführungen ein Interesse
bei unseren Lesern voraussetzen zu können, ob-
gleich mehrfach Kenner altjapanischer Kunst ihre
Stimmen gegen die Einführung europäischer Art
in die zeitgenössische japanische Kunst erhoben
haben. D. Redaktion.)

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