Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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das Kunstverständnis zu finden ist, die Pforte,
durch die wir den Boden der Kunst wirklich
betreten können, statt von aussen her über
den Gartenzaun zu lugen. Die Pforte ist der
Zeichenunterricht, das Mittel künstlerischen
Verständnisses die Selbstausführung, die
Stütze einer volkstümlichen Kunst der durch
beide grossgezogene künstlerische Dilettan-
tismus.

EMIL POTTNER ZU HAUSE

Ausstellung 1900 der Münchener Secession

VOM „BLITZ DES PINSELS"

Kunstplauderei von Ernst Kreowski (Stuttgart)

Nicht selten, wenn in der „Gesellschaft"
von Kunst oder künstlerischen Thaten
die Rede geht, hört man die antiquierte Frage,
dass ein Dichter oder Komponist ja nur die
Feder, ein Maler den Pinsel zur Hand zu
nehmen brauchte, um dies oder jenes Kunst-
werk nur so „aus dem Aermel" zu schütteln,
mit andern Worten, dass bei der Hervor-
bringung von Mühe nicht die Rede sein
könne. Die so urteilen, übersehen aber ganz,
dass es neben der alles beseelenden ange-
borenen Begabung doch auch in jeder Kunst
etwas handwerksmässig „Lernbares", nämlich

die äusserliche formale Technik giebt, die,
wer auf den Namen Künstler ernstlich An-
spruch erhebt, absolut beherrschen muss, um
das in seiner Seele vorhandene Bild des be-
absichtigten Kunstwerkes zu Tage zu fördern.
Das Wort Kunst kommt von Können. Nun
hat zwar ein bedeutender Maler gesagt: wenn
man's kann, ist's keine Kunst mehr. Ganz
richtig; aber bis man's kann, das ist hier die
Frage, die entscheidet. Die Technik macht
den Mann erst zum Künstler, durch sie
wächst er gleichsam von innen heraus.
Weil nun aber die malerische oder plastisch
bildnerische Technik an die Gliedmassen,
vornehmlich an die Hände gebunden ist,
deshalb ist auch der Satz des Malers Conti
in Lessings „Emilia Galotti", dass Raffael
selbst auch dann, wenn er unglücklicher-
weise ohne Hände geboren worden wäre,
das grösste malerische Genie gewesen
wäre, nicht richtig — obwohl es nun gerade
unserer Zeit vorbehalten bleiben sollte,
auch einige Maler ohne Arme und Hände
hervorzubringen. Einer ist der geschickte
Porträt- und Landschaftsmaler Adam
Siepen zu Düsseldorf, von dessen — Fuss
die „Gartenlaube" 1896 einige Bilder
brachte. Dortselbst schildert der Künstler
sein Rüstzeug folgendermassen: „Ich sitze
vor der Staffelei, wie sie jeder Maler
benutzt, auf niedrigem Tische und schwinge
ohne Latte oder Malstock elegant das
Malbein, während die Palette auf kleinem
Gestelle bequem ,zum Fusse' liegt". -
Von fremdländischen Fusskünstlern nenne
ich Charles Felu, den am 5. Februar d. J.
Verstorbenen*), ferner den Südfranzosen
Jean de Herau und die in Genf wohn-
hafte Zeichnerin Aimee Rapin. Trotzdem
ist ein Maler ohne Hände doch nur
schwer denkbar. Wenigstens eine Hand
muss er doch haben, wobei es dann nicht
mehr darauf ankommt, dass es unter allen
Umständen die rechte sein müsse. Mont-
morillon und Miranda, dieser, weil ohne
Rechte geboren, Mazolla, weil des rechten
Armes durch eine ungeschickte Operation
beraubt und Rugendas, weil seine rechte Hand
eine Zeit lang steif geworden war, führten
den Pinsel flink und sicher mit der Linken.
Nur zwei Beispiele sind mir bekannt, dass
auch einmal Maler — ohne Pinsel hantierten :
der eine, der vorgab, dass er nur mit dem

*) Die heurige Jahres-Ausstellung im Münchener
Glaspalast enthält ein von dem Holländer Richard
Reimanns gemaltes Porträt dieses Künstlers, ihn in
seinem Atelier zeigend, das unsere Leser in einem
der nächsten Hefte abgebildet finden werden. D. Red.

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