Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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«8-S^> PERSONAL- UND ATELIFR-NACHRICHTEN -Cö£^~

kostete, oder die Pedanterie des Franzosen
Jean Baptiste Santerre, welcher an einer ein-
zigen Frauenhand wochenlang zu pinseln
pflegte, als Ausnahme für die Bestätigung der
betriebenen „Blitzmalerei" anzusehen.
(Der Schluss folgt im nächsten Hefte)

MAX VON BLITTERSDORF BILDNIS

PERSONAL- UND

ATELIER-NACHRICHTEN

= WIEN. Als Eröffnungsbild dieses Heftes bieten
wir unseren Lesern das vielbesprochene KLiMT'sche
Deckengemälde für die Aula der Wiener Universität,
das, jetzt in Paris ausgestellt, als einziges öster-
reichisches Bild dort eine der zwanzig an Maler
verteilte Ehrenmedaillen erhalten hat. In einwands-
freier Weise ist damit von Künstlern aller Länder
bezeugt worden, dass die Klimt'sche Schöpfung, wie
auch man sich mit seiner Sympathie zu ihr stellen mag,
den Anspruch erheben darf, als ein hervorragendes
Kunstwerk ernst genommen zu werden. Ueber den
gedanklichen Inhalt des Bildes sei nach den Angaben
des Wiener Kataloges bemerkt, dass das grell be-

leuchtete untere Haupt >das Wissen-, das dämmerige
in der oberen Partie sichtbare idas Welträtsel - sym-
bolisiert. Die an beiden vorbeischwebenden nackten
Gestalten verkörpern^wie es des weiteren in einer Be-
sprechung des Bildesron Franz Servaes heisst 'das
Menschengeschlecht- in seinem Entstehen, frucht-
baren Sein und Vergehen. Denn das Menschen-
geschlecht war von jeher zugleich Gegenstand und
Träger aller philosophischen Forschung. Das Bild
zeigt, wie die Menschheit, als ein Teil des Weltalls
betrachtet, nichts ist als eine dumpfe, willenlose
Masse, die, im Dienste der ewigen Forterzeugung,
im Glück und Unglück dahingetrieben wird, traum-
haft, von den ersten Regungen des Seins bis zum
kraftlosen Niederfahren in die Gruft. Dazwischen
liegen ein kurzer Rausch liebender Vereinigung
und ein schmerzliches Auseinandergleiten. Die Liebe
ist eine Enttäuschung gewesen, als Glück sowohl wie
als Erkenntnis. Das Schicksal aber ist immer gleich.
Abseits vom kalten, klaren Wissen, abseits auch
vom ewig verschleierten Welträtsel, müht sich das
Menschengeschlecht im Ringen nach Glück und
nach Erkenntnis und bleibt doch stets nur ein Werk-
zeug in den Händen der Natur, die es zu ihrem
ewig unveränderlichen Zweck, der Forterzeugung
verwendet. I567!

M. S. BRESLAU. Die auch an dieser Stelle
zuweilen mehr im Scherz aufgeworfene Frage, ob
Breslau Chance habe, eine Kunststadt zu werden,
wird von unseren Jüngsten dahin beantwortet, dass
die Odermetropole eine Kunststadt bereits ist, denn
sie, die hoffnungsgrünen Künstler, Schriftsteller und
Journalisten der Zukunft, weilen ja und schaffen
allhier. Zum Beweise dessen hatten sie ein Or-
gänchen gegründet, 5 Die Glocke«, die nach einigem
ziemlich misslautenden Gebimmel bald versank.
Kürzlich aber erstand sie aufs neue in der »Eule-,
womit nicht der bekannte nächtliche Spatzentöter,
sondern der Vogel der hehren Pallas Athene gemeint
ist, wie ein von Wislicenus ohne allzugrosse
ornithologische Treue gezeichnetes Titelbild andeutet.
Es hat einiges Aufsehen gemacht, dass die erste
Nummer dieser : Schlesischen Wochenschrift für
Kunst und Leben«, wie sie sich vielversprechend
nennt, einen scharfen kritischen Artikel von Prof.
Dr. Richard Muther über das hiesige Museum der
bildenden Künste brachte. Die unbestreitbar richtigen
Grundsätze für die Leitung von Provinzialmuseen,
welche im Anschluss an Bode, Lichtwark u. a.
darin dem Publikum mitgeteilt wurden, waren leider
mit einer Reihe thatsächlich unrichtiger, entstellender
und selbst direkt gehässiger Auslassungen verknüpft,
welche der im übrigen sicherlich wohlgemeinten
Kritik des verdienten Kunstforschers einen Teil
ihrer Wirkung rauben mussten. — Von Breslauer
Ausstellungen in diesem Frühjahr ist die Vorführung
seiner neuen Werke, die Prof. Max Wislicenus
in eigenartig gestimmtem Arrangement bei Lichten-
berg veranstaltete, vor allem zu erwähnen. Sie
brachte als neues Moment in der Entwicklung des
Künstlers eine entschiedeneWendung zur heimischen
Oderlandschaft, die er in einer Anzahl von Skizzen
mit grosser malerischer Feinheit behandelte. Wir
wollen hoffen, dass er damit fortfährt und auf diesem
Wege noch mehr als bisher der Unsrige wird.
Daneben traten einige Landschaften aus den Ostsee-
provinzen, namentlich ein sehr schönes - Flussthal in
Esthland , durch poetische Kraft der Stimmung be-
deutsam hervor. Kritischer mochte man sich den grös-
seren Kompositionen und den Porträts gegenüber
verhalten; dochwirkte unter den ersteren das >Meeres-
wunder — ein nacktes Weib, das dem Rauschen im
Innern einer Muschel lauscht — seltsam ergreifend.

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