Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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JOSEF VON FÜHRICH

Zur hundertsten Wiederkehr sei

Zum hundertstenmale jährt sich in diesen
Tagen das Geburtsfest eines der bedeu-
tendsten Meister der romantisch-religiösen
Malerschule. Damals hatte die barocke Kunst
sich bereits überlebt und einer nüchternen,
der Antike sich nähernden Auffassung Platz ge-
macht. Eine ungesunde Farbengebung und ein
falsches Pathos durchdrang die ganze Periode,
der sogenannte akademische Stil war allent-
halben herrschend, weder Phantasie noch
Natursinn kamen zur Geltung, das allgemeine
Interesse für Kunst wurde immer geringer,
und nur sehr wenige, besonders begabte
und bevorzugte Geister leuchteten aus dem
trüben Dunkel der damaligen Kunstperiode
hervor.

Da erwachte mit dem politischen Um-
schwung und mit dem Wiedererstehen des
Selbstbewusstseins der Völker zu Anfang
des neunzehnten Jahrhunderts plötzlich ein
anderer Geist in Leben und Streben. Die
deutschen Klassiker und Romantiker in der
Litteratur waren die ersten, welche die
schlummernden Geister aufrüttelten und zu
energischem Denken und Schaffen wieder er-
weckten. Ihnen schloss sich die Malerei mit
Begeisterung an, sich vorerst direkt an die
Werke der Dichter anlehnend. Die Kompo-
sitionen zu Goethes „Faust", von Cornelius,
die Bilder Führichs zu Tiecks „Genoveva"

s Geburtstages, 9. Februar 1900

(Nachdruck verboten)

und viele andere sind Zeugnis dafür. Aber
man griff auch weiter zurück nach den Dichtern
des Mittelalters und der Renaissance. Die
Ausschmückung der Villa Massimi in Rom,
in welcher zu den Dichtungen Dantes, Tassos
und Ariosts durch Overbeck, Schnorr, Koch,
Veit und Führich eine Reihe bildlicher Dar-
stellungen geschaffen wurde, spricht dafür.

Dieses Eingehen in die Ideenwelt früherer
Jahrhunderte, verbunden mitderneu erwachten
kirchlichen Bewegung, drängte religiös ange-
legte Naturen zu ernsterer Kunstanschauung
und freudig energischer Produktion. Die kühle
Pose und der ungesunde äusserliche Farben-
effekt der vergangenen Periode wurde ver-
worfen, man suchte vor allem Charakter. Ein-
gehen in den darzustellenden Gegenstand und
Vertiefung in die geistige Bedeutung desselben
kam wieder zur Geltung. Charakterisierung
und kompositionelle Ausbildung bildeten die
Aufgabe, welche man sich stellte.

Das war die Zeit, in welcher Führich her-
vorwuchs und in welcher er eine so bedeu-
tende Stellung einnehmen sollte. Die äusseren
Lebensverhältnisse des Künstlers waren die
denkbar einfachsten.

Als Sohn eines bescheidenen Landmalers in
Kratzau geboren, einem kleinen Städtchen an
der böhmisch-sächsischen Grenze, suchte er
schon als Knabe der in ihm schlummernden

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