Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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den künstlerischen Bestrebungen und Be-
wegungen unserer Zeit, so wird er berechtigt
sein, sein Urteil vollgültig in die Wagschale
zu werfen. Bei dem heutigen Mangel an
Urteilskraft in künstlerischer Beziehung im
grossen Publikum ist es in den meisten Fällen
das denkbar schlechteste Zeichen für einen
Künstler, wenn er den zweifelhaften Ruhm
geniesst, ein vom grossen Publikum durchaus
„verstandener" Künstler zu sein. Es sind
dies meist Künstler, die sich entweder im
Alleralltäglichsten bewegen, oder durch die
perversesten Gedanken den abgestumpften
Nerven des Publikums neuen Reiz verleihen.
Der ernste, denkende, feinsinnige Künstler
wird in den seltensten Fällen vom grossen
Publikum verstanden.

Die wenigen Laien, die seine Werke mit
feinem Verständnis nach vorsichtigem Prüfen
zu beurteilen vermögen, die es sich Mühe
und Zeit kosten lassen, dem Künstler in das
Reich seiner Geistes- und Gedankenwelt zu
folgen, wird er gern anerkennen und berück-
sichtigen, ihr Urteil in jeder Weise dem der
Berufsgenossen gleichstellen, ja es für die
notwendige Ergänzung desselben ansehen.

PERSONAL- UND

ATELIER-NACHRICHTEN

tz. DÜSSELDORF. Der Bildhauer Gustav Rutz
hat ein hervorragendes neues monumentales Bild-
werk geschaffen: einen Siegesbrunnen für die Stadt
Vohwinkel. Das Komitee zur Errichtung eines Denk-
mals in jener Stadt, die den grösseren Nachbar-
städten Elberfeld und Barmen in der Bethätigung
patriotischer Gesinnung nicht nachstehen will, hat
sich für einen monumentalen Brunnen mit der
Kolossalfigur einer Germania entschieden. Die Auf-
gabe hat Gustav Rutz, dessen Kaiserbrunnen in
Uerdingen und in Rheydt unlängst enthüllt wurden,
wiederum in vorzüglicher Weise gelöst. Der Brunnen
erhebt sich auf einem 25 m breiten Plateau. Die
Architektur beginnt mit einer auf beiden Seiten halb-
kreisförmigen Rustica, die das Wasserbecken bildet.
Aus diesem erhebt sich das Postament, das aus derb
gehaltenen Quadern gebildet wird. Auf dem Posta-
ment erhebt sich die monumental bedeutend wir-
kende Figur der Germania. Rutz hat sich diese
in der Gestalt von einer Walküre gedacht, derb in
den Zügen, mit starkem Profil, kraftvoll und doch
milde im Ausdruck. Sie ist ausgerüstet mit Panzer
und geflügeltem Helm, umgürtet mit dem Schwerte,
um die Hüften ein Bärenfell. Ein lang herab-
wallender Hermelinmantel umwallt die stolze könig-
liche Gestalt in einfach grossem Faltenwurf, seine
Aussenseite ist reich mit Adlern und Ornamenten
im keltischen Stile dekoriert. Mit der Linken hält sie
das Bildnis weiland Kaisers Wilhelm I. in Medaillon-
form umfasst, mit der Rechten hebt sie die auf Lor-

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