Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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Dirks. Von Th. Funk ein feines und delikates
Herrenporträt in vornehmer Auffassung, dis-
krete Porträts von Fred Vezin und Marik
Stein, von Wilhel.m Schreuer ein paar
seiner ganz saftig braun in braun gemalten
oder aus leicht in Farbe gesetzten Skizzen,
ganz flüssig, Scenen in Empire- oder Bieder-
maierkostüm, oft leicht manieriert. Besondere
Beachtung verdienen dann noch die Studien
von Alfred Sohn-Rethel, der z. Z. in Paris
lebt, aber noch an Düsseldorf hängt. Seine
breiten und flotten Skizzen aus dem Pariser
Leben, die er in dem hübschen Buche „Paris"
mit W. Gensel zusammen publiziert hat,
zeigen einen kühnen und realistischen Kri-
tiker der Oberfläche des modernen Lebens.
Hier kommen aber sorgfältige Einzelstudien
hinzu, dass man auch vor dem soliden Können
Respekt haben muss. Eine Rötelzeichnung, Por-
trät von Henri Heran, ein feines, träumerisches
Mädchenköpfchen, das Bildnis seines anmutigen
Schwesterleins, und vor allem ein Blatt mit
allerlei frischen Studien nach einem dicken,
nackten, vergnügten Baby. Hier liegt noch
ein grosses Können im Keime. Alles zu
nennen, was sonst noch an Gutem und Tüch-
tigem vorhanden, dazu fehlt leider der Raum.

MATHÄUS SCHIESTL KIRCHGANG
Aus der Frühjahr-Ausstellung der Münchener Secession

NEW YORKER FRÜHJAHR-AUS-
STELLUNGEN

r\as New Yorker Publikum musste sich, da die
Frühjahr-Ausstellung der »Academy« ausfallen
musste, an der soeben eröffneten der >Artists; ge-
nügen lassen, hätten nicht die »zehn amerikanischen
Maler , welche aus der »Society of Artists' wegen
deren nun auch schon zu kaufmännischen Gebahrens
ausschieden, im Kunstsalon von Durand-Ruel ihre
dritte Jahresausstellung eröffnet. Ein intimer und
einheitlicher Charakter bildet deren Hauptreiz, keines
der Bilder stört durch Mittelmässigkeit, keines fesselt
durch hervorragende Genialität. Ein gemeinsames
Merkmal dieser Secessionisten, durchwegs Anhänger
von Monets Impressionismus, dem sie jedoch eigen-
artige Züge abzugewinnen wissen, ist ein, bei Ameri-
kanern besonders merkwürdiges, Verschmähen alles
Geschäftsmässigen in der Kunst. Um nicht durch ihre
Namen auf den Beschauer zu wirken und so die Auf-
merksamkeit auch nur etwas von den ausgestellten
Bildern abzulenken, vermieden sie es sogar, einen
Katalog für ihre Gemälde herauszugeben, was zwar
von ihrem Standpunkt richtig sein mag, den Be-
suchern und Kritikern aber doch ziemlich unbequem
ist. Alden Weir, der ewig Jugendliche, ist mit fünf
Porträts vertreten, darunter eine Gruppe >Mutter
und Kind auf einem Spazierganges hervorragend
in Ausdruck und Farbe, ein anderes, ein violette
Blumen sammelndes Mädchen, >In der Sonne« be-
titelt, voll natürlicher Grazie. Twachtmann hat
selten bessere Arbeiten ausgestellt, als seine vier
Landschaften in weichen, unbestimmten Farben-
tönen, darunter eine »Schierlingsfichten um einen
Teicha in kühlen grauen und blauen Tinten be-
sonders stimmungsvoll. »Improvisation*, eine am
Piano sitzende Mädchengestalt, umgeben von Blumen
in Glasvasen, sowie die »Ansicht von Glaucester-
von Childe Hassam, diesem hochbegabten, aber
sehr ungleich schaffenden Maler, sind voll heim-
lichem Reiz und Stimmung. Zwei Männerporträts
von Simmons sind kräftig und voll Ausdruck, eines
von De Camp gewinnt durch seine vornehme Ein-
fachheit. Tarbell zeigt fünf von seinen effektvollen
Sonnenlichtstudien; Reid glänzende Farbensympho-
nien, eine, eine Gruppe Mädchen zwischen Ranken
und Herbstlaub, die andere, eine nackte Frauen-
gestalt bei einem Waldbach. Benson hat ausser
einer dekorativen Figur in blau und roten Farben-
tönen zwei Jagdscenen, vor Sonnenaufgang in den
Marschen an der See, in Atmosphäre und Zeichnung
ganz vortrefflich. Die zweiundzwanzigste Jahres-
ausstellung bei den Artists schliesst die Kunst-
saison in New York eigentlich ab. Nach ihnen
kommt als Nachzügler nur noch die »Ausstellung
der amerikanischen Landschafter^. Die diesjährige
ist in jeder Hinsicht die bedeutendste für die Artists.
Durch den Ausfall der Academy-Ausstellung wurde
sie eigentlich die einzige, die Rechenschaft über das
Wirken unserer Maler im abgelaufenen Jahre gab.
Es wurden denn auch gegen zwölfhundert Bilder
eingereicht, und es muss für die Jury nicht leicht
gewesen sein, die Auswahl bis auf dreihundert -
fünfundsiebzig herabzudrücken. Dadurch gelang es
jedoch nicht, Mittelmässigkeiten auszuschliessen, und
der Gedanke drängt sich auf, dass wohl manches
der zurückgewiesenen Gemälde vollauf so gut ge-
wesen wäre, wie eine grosse Zahl der angenommenen.
Auch die Preiszuerkennungen erregten Widerspruch.
Die Landschaft von Elmer Scofield -Herbst in
der Bretagne', die den Wettpreis errang, färb- und
stimmungslos, ohne ausgesprochenen Charakter,

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