Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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Aus Schulte's Berliner Kunstsalon zur Zeit der Ausstellung französischer Bilder

FRANZÖSISCHE I

Nachdem die französischen Künstler die
Hauptstadt des Deutschen Reiches so
lange gemieden hatten, sah man zu Anfang
dieser Saison zwei französische Kunstausstel-
lungen in Berlin. Die eine wurde mit einer
gewissen Feierlichkeit in Scene gesetzt und
bot sich in den offiziellen Räumlichkeiten der
Akademie dem Beschauer dar; die andere gab
sich, in bescheidenerer Weise, nur als eine
der monatlichen Ausstellungen, welche der
Schultesche Kunstsalon während des Winters
veranstaltet. Die Konkurrenz zwischen den
beiden Unternehmungen war keine beabsich-
tigte und es war nur ein Zufall, dass sie sich
zu gleicher Zeit dem Berliner Publikum vor-
stellten; doch forderte dieses Zusammentreffen
den Vergleich zwischen beiden heraus. Und
da ergab es sich, dass die Ausstellung bei
Schulte vor der in der Akademie bei weitem
den Vorzug verdiente. Während die letztere
eine willkürlich zusammengebrachte Masse
von Verkaufsbildern enthielt, unter denen
sich nur wenige gute Sachen befanden, sah
man bei Schulte eine auserlesene, durch Hof-
rat Paulus mit Geschmack zusammengestellte
Auswahl, welche uns namentlich mit der in-
timen Malerei, auf der jetzt der Fortschritt der
französischen Kunst beruht, bekannt machte.
Es war natürlich, dass das Interesse der
Kunstliebhaber sich vorwiegend der Schulte-
schen Ausstellung zuwandte; die Möglichkeit,
einiges von dem zur Schau Gebrachten hier

LDER IN BERLIN

(Nachdruck verboten)

abbildlich geben zu können, veranlasst uns,
auf die bereits auf S. 94 d. 1. Jahrg. be-
sprochene Ausstellung teilweise zurückzu-
kommen.

Da sah man die feingestimmten Interieurs
von grossem Reiz der Farbe und ausgesuch-
testem Geschmack in der Auffassung. Neben
Griveau's „Frühstück" ragte besonders A.
Truchet's „Gartensalon" hervor, ein Bild,
dem der Maler wegen der dort dargestellten
Damengesellschaft den pikanten Titel „Elles"
gegeben hat. Die Durchführung der Beleuch-
tung, die durch das an beiden Seiten des Bildes
matt hereinbrechende Licht hervorgerufen
wird, ist von grosser Wirkung, und ebenso
verleiht die Anmut und Natürlichkeit der
weiblichen Figuren der Darstellung einen
hohen Reiz.

Die zahlreichen Landschaften zeigten, dass
die französischen Landschafter den Reichtum
an Motiven, den ihnen ihre Heimat bietet,
vorzüglich auszubeuten verstehen. Besonders
ist es die abgelegene, weltferne Bretagne,
welche jetzt von ihnen künstlerisch durch-
forscht wird. Während Griveau in seinen
auf ein feines Grau gestimmten Bildern die
Dörfer und einsamen Höfe jenes Landes schil-
dert, hat De Golt-Gerard in den kleinen mit,
Fischerbooten bevölkerten Häfen der Bretagne
einen interessanten Stoff für seine Malerei
gefunden. Er zeigt uns die Stimmung ent-
weder des frühen Morgens oder der mond-

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