Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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PERSONAL- UND ATELIER-
NACHRICHTEN

C LEIPZIG. Neues von Max Klinger. Den Be-
suchern der vorjährigen Dresdener Kunst-Ausstel-
lung wird die Max Klinger'sche Skizze in Gips er-
innerlich sein, die der Künstler als Drama bezeichnet
hatte. Dargestellt war — allerdings noch nicht recht
deutlich erkennbar — ein nackter Riese, der einen
Baumstumpf aus der Erde zu reissen sucht, um
das Weib zu verteidigen, das am Boden hingestreckt
mit seinen Armen eine Felszacke umklammert. Wie
man in einer feinsinnigen Studie über Max Klinger
von Georg Treu erfährt, hat die Tiedgestiftung in
Dresden den Künstler beauftragt, dieses Werk in
Marmorauszuführen. Dabei sollennach desKünstlers
Absicht kräftige Vorsprünge und Unterhöhlungen
des Felsens die vorne noch etwas unförmige Fläche
zwischen den Gestalten beleben, auch die parallele
Lagerung in den unteren Gliedmassen bei den Figuren
soll beseitigt werden. Bei der endgültigen Ausge-
staltung der Gruppe wird auch durch die tiefere
Charakteristik noch deutlicher hervortreten, dass es
sich bei der weiblichen Gestalt um eine Sterbende
handelt. Ursprünglich hatte Klinger das Sterben
durch einen Pfeil in der Brust angedeutet; er hat
ihn jedoch der kleinlichen Wirkung wegen dann
beseitigt. Ein anderes Bildwerk des Künstlers, die
Beethovenstatue, welche Klinger seit der Mitte der
achtziger Jahre beschäftigt, und von der wir letzt-
malig in Heft 1 des XIV. Jahrgangs berichteten,
geht, wie wir der obengenannten Schrift des weite-

ren entnehmen, jetzt ihrer Vollendung entgegen.
Das nahezu fertige Werk ist in überlebensgrossen
Massen gehalten und in den kostbarsten Stoffen
ausgeführt. Aus den Stimmungen, die die bekannte,
über dem lebenden Antlitz Beethovens geformte
Maske in dem Künstler erweckte, ist diese Beetho-
venstatue erwachsen. Der Fürst der Töne thront
als Olympier auf einer Bergspitze, neben ihm der
Adler des Zeus. Der nackte Oberleib ist vorge-
beugt, ein faltenreiches Gewand umhüllt die unteren
Gliedmassen. Ein Bild des gesammelten Schaffen?,
blickt der Künstler düster vor sich hin; das Kinn
mit den fest zusammengepressten Lippen ist vor-
geschoben. Die Lehne des Thrones ist reich ge-
schmückt; an seinen Ecken ragen Palmen, Engels-
köpfe schauen über die Schulter des Meisters. In den
Flachbildern, mit denen die Rücken- und Seiten-
lehnen geschmückt sind, sind Gestalten aus der
christlichen und hellenischen Gedankenwelt gebildet.
Auf den Seitenlehnen bietet auf der einen Seite Eva
dem Adam den Apfel dar, auf der anderen lechzt
ein Tantalidenpaar [?] vergeblich nach dem Genüsse.
Auf der Rücklehne ist Aphrodite dargestellt, wie sie
auf einer Muschel über das Meer gezogen wird;
daneben kniet eine nackte weibliche Gestalt, die
höhnende Worte in den Hintergrund hineinzurufen
scheint. Auf einem Hügel ragen die drei Kreuze
mit Christus und den Schächern; unter diesen
stehen die Marien. Aus dem Grunde eilt Johannes
hervor; zornig streckt er die Arme gegen Aphro-
dite, als wolle er ihr die Schuld an dem Un-
heil zuwälzen. — Ein anderes Bildwerk des Künst-
lers, „Amphitrite", ging unlängst um 35000 M.

Die Kunst für Alle XV.

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