Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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DIE JAHRES-AUSSTELLUNG IM

MÜNCHENER GLASPALAST

Von Friedrich Pecht

(Nachdruck verboten)

"VV7er diese Ausstellung aufmerksam be- Wände schmückt! Man findet mindestens
V trachtet, wird gewiss nicht versucht zwanzig gemalte Bouquets, die unserer Malerei
sein, von einem Rückgang der Münchener alle Ehre machen. Jedenfalls mehr als gar
Kunst zu sprechen. Im Gegenteil, verständiger viele Heilige von ehedem, wie glatt und wohl-
und wohlthuender hat sich vielleicht noch gezogen dieselben auch aussehen. Jetzt sind
keine präsentiert. Um so eher wird man dieselben überhaupt zusammengeschwunden
die grosse Aenderung anerkennen müssen, und das Unheilige überwiegt — dem Zeit-
die etwa seit 1870 oder doch sicher infolge geist entsprechend — gar sehr,
dieses Jahres mit unserer Kunst überhaupt Denn dass wir Heutigen unsere Verehrung
vorgegangen. Denn legte unsere gesamte am liebsten auf uns selber beschränken,
Kunst vor 1870 den Nachdruck auf das das beweist die ungeheuere Zunahme der
— möglichst grosse Wollen, so sucht sie ihr Porträts sowohl in Quantität als Qualität
Ziel jetzt ganz unbestritten vor allem im am besten. Noch auf keiner Münchener
Können. Natürlich bringt das auch eine Ausstellung haben dieselben eine so domi-
gewaltige Aenderung in der Wahl
der Stoffe hervor — man konnte
eben von jeher sehr viel weniger
als man wollte, und dass unsere
heutige Kunst sich endlich be-
scheiden gelernt hat, ist gewiss
ihr kleinster Fehler!

Mit dieser grossen Schwenkung
auf das ihr Erreichbare hängt
aber auch unstreitig der so un-
gleich befriedigendere Eindruck
zusammen, den diese Ausstellung
gegen viele frühere macht, die
oft so viel reicher an grossen
Absichten waren, mit denen nur
zu leicht auch der Weg zur Hölle
der Kunst gepflastert ist. Was
die Herren heute noch wollen,
das haben sie jedenfalls weit
öfter erreicht, als zu der Zeit der
ersten Hälfte unseres Jahrhun-
derts, wo die Wände der Ausstel-
lungssäle zum grösseren Teil mit
Kartons bedeckt waren, die man
sich oft nicht ohne Schrecken ge-
malt denken konnte. Jetzt werden
Himmel und Hölle, Olymp und
Tartarus bei weitem nicht mehr
so in Anspruch genommen, unsere
Kunst bleibt mehr als je zuvor
zu Hause oder im Gärtchen da-
neben. Da pflückt sie aber wirk-
liche Blumen, mit denen sie die
gegen ehedem dafür so viel rei- JULIUS EXTER bildnis des Künstlers

eher und behaglicher aussehenden und seiner frau « « « «

Die Kunst für Alle XV. 23. t. September 1900.

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