Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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-*-4ö> PERSONAL-NACHRICHTEN — VON AUSSTELLUNGEN Cöss^

= WIEN. Professor Kaspar von Zumbusch,
der derzeitige Rektor der hiesigen Akademie, be-
absichtigt im nächsten Jahre von seinem Lehramt
zurückzutreten. Der Künstler wird am 23. November
sein 70. Lebensjahr antreten. t160!

= MÜNCHEN. Hubert Herko.mer ist vom
Prinzregenten von Bayern in den Adelstand erhoben
worden. 11551

R. BRÜSSEL. Alfred Stevens, der geniale
belgische Genremaler, einer der Schöpfer der neuen
Schule, befindet sich am Abende seines Lebens
im grössten Elende. Weil er Paris einen grossen
Teil seines Ruhmes zu danken hat, haben dortige
Künstler wie Beraud, Carolus Durand, Falguiere die
Veranstaltung einer Ausstellung von Werken Alfred
Stevens in die Hand genommen. I141)

= GESTORBEN: In Hannover der Bildhauer
Professor C. Dopmeyer. [>591

VON AUSSTELLUNGEN

= WIEN. Die „Secession" wird ihre demnächst
zu eröffnende Herbst-Ausstellung vornehmlich den
graphischen Künsten widmen. (|S01

E. K. BERLIN. Die schottischen Maler, deren
Eigenart und Vorzüge man bisher nur in München
kennen lernen konnte, sind nun auch in Berlin ein-
gezogen. In Schulte's Salon sind zwei der be-
deutendsten unter ihnen durch eine sehr reichhaltige
Kollektion vertreten, der Porträtmaler John Lavery
und der Landschafter Whitelaw Hamilton. Die
Bildnisse des ersteren verraten den feinsten Ge- ?
schmack und höchst geistvolle Auffassung; mit
geringen farblichen Mitteln versteht es der Maler
stets eine frappante Wirkung zu erzielen. In den
beiden Damenbildnissen in ganzer Figur hat er das
Problem, eine schwarzgekleidete Gestalt aus einem
dunkeln Hintergrunde hervortreten zu lassen, aufs
glücklichste gelöst; feiner noch in der Farben-
wirkung sind die Halbfiguren der italienischen und
der schottischen Dame. Das Selbstporträt des
Malers tritt gegen diese vorzüglichen Leistungen
etwas zurück; es ist weniger harmonisch in den
Farben und auch in der Stellung nicht so geglückt.
Von ebenso grossem Interesse sind die trefflichen
Landschaften Hamilton's. Sie sind durchaus farbig
empfunden und wollen hauptsächlich die koloristische
Stimmung wiedergeben; aber doch sind sie voll der
klarsten Anschaulichkeit und durch feine Farben-
abstufungen wird das Terrain modelliert und die
Luftperspektive hergestellt. Die tiefe, aber glanz-
lose Farbengebung, der leichtgraue Grundton dieser
Bilder erklären sich am besten durch die schwere,
neblige Luft, welche in den Gebirgen Schottlands
herrscht. Die ausdrucksvolle Eigenart, welche all
diese Landschaften kennzeichnet, sind aus einem
eindringlichen Studium der Natur hervorgegangen.
Gegen so hervorragende Leistungen müssen die
übrigen Landschaften, die wir in der gleichen Aus-
stellung finden, zurücktreten. So besonders die des
dänischen Malers Peter Münstedt, die ganz
fleissige Abschriften der Natur sind, aber der selb-
ständigen Auffassung und des poetischen Reizes
durchaus entbehren. Besser halten sich die Land-
schaften Karl Haider's, die trotz der mühsamen
Detailausführung einen kräftigen Gesamteindruck
gewähren. Daneben finden wir Skizzen von
L. Marold, dem Maler eleganter gesellschaftlicher
Darstellungen, dessen Eigenart aber oft schon nahe
an Manier streift, und die prächtigen Federzeich-
nungen L. v. Nagel's, der die Pferde als Indi-
vidualitäten so schlagend hinzustellen und leicht
zu karikieren versteht. — Bei Keller & Reiner

lernen wir Louis Corinth näher kennen, dem dort
eine reichhaltige Sonderausstellung gewidmet ist.
Seit dieser Künstler nicht mehr auf den Spuren
Botticelli's wandelt, hat er an Freiheit und
Kraft des Ausdrucks bedeutend gewonnen. Seine
Versuchung des heiligen Antonius- zeigt tüchtige
koloristische Qualitäten und dabei ein grosses
Geschick in der Disponierung des Raumes. Die
beiden Halbfiguren, die der Maler ;Jugend< be-
nennt, sind allerdings stark naturalistisch gehalten,
beweisen aber ein hervorragendes malerisches
Können; das Capriccios ein Modell, das sich mit
einer lebensgrossen Gipsfigur misst, ist ein glück-
licher Gedanke, der recht anmutig wiedergegeben
ist. Besonders fallen aber die Porträts ins Auge,
die eine scharfe Charakteristik und dabei grosse
Intimität verraten; unter ihnen erscheint das als'
stimmungsvolles Interieur gegebene Bildnis vom
Vater des Künstlers wohl als das bedeutendste. Das
grosse Gruppenbild, das eine Gesellschaft bei Tisch
darstellt, kommt allerdings durch das allzu enge
Zusammendrängen der Köpfe völlig ausser Haltung.
Im ganzen tritt Corinth uns als ein Maler von
ernstem, tüchtigen Können und sehr solider Tech-
nik entgegen. — Von Interesse ist alsdann die
Ausstellung des märkischen Künstlerbundes in
dem gleichen Kunstsalon. Er besteht wesentlich
aus den Schülern von Eugen Bracht, deren Land-
schaften schon auf der letzten hiesigen Ausstellung
sehr angenehm auffielen. Vieles in ihren Bildern
erinnert noch stark an die gemeinschaftliche Schule,
doch haben die einzelnen ihre Eigenart schon weiter
ausgebildet. Fritz Geyer und Felix Krause
geben warme, farbenfrohe Stimmungsbilder, die
direkt der Natur abgelauscht sind. August Achten-
hagen sucht die märkischen Motive zur Märchen-
landschaft umzugestalten, nicht ohne eine gewisse
Anlehnung an Böcklin. Karl Kayser-Eichberg
schildert mit Vorliebe die mächtigen Kiefern der
Mark und versteht sie als Einzelwesen, als belebte
Individualitäten hinzustellen, während Theodor
Schinkel auf Grund tüchtiger Naturstudien eine
mehr ideal gehaltene Landschaft anstrebt. Daneben
finden wir einige tüchtige Bilder von Louis Lejeune
und Hans Pigulla. Wir haben es hier mit einer
Anzahl von tüchtig ausgebildeten und kräftig vor-
wärtsstrebenden Künstlern zu thun, von denen die
Zukunft noch manche treffliche Leistung zu erwarten
hat. Ein neuester Wechsel der Ausstellung zeigt uns
eine grössere Anzahl von Bildern A. Hendrich's,
der, wie wir mit Vergnügen konstatieren, jetzt anfängt
eigene Wege zu gehen, während er bisher nur all-
zusehr auf den Spuren Böcklins einherschritt. Sein
Gebiet ist die idyllische Landschaft, der er einen
feinen Farbenreiz zu verleihen weiss; sein anmutiges
Bild der antiken italienischen Villa verdient unter
allem, was er hier ausgestellt hat, den Vorrang. Sein
Talent versagt aber, sobald er sich an heroische Stoffe
macht, wie das die beiden der Siegfrieds-Sage entnom-
menen Bilder beweisen. Daneben erscheinen einige
Gemälde von Hans Baluscheck, der an künstleri-
schem Geschmack gewonnen zu haben scheint, und
von Martin Brandenburg, der fortfährt, seinen
Beschauern unlösbare Rätsel aufzugeben. Die Por-
träts der Malerin C. W. Röderstein sind in den
Farben hart und dunkel, zeigen aber eine sorgfältige
und meist wohl gelungene Modellierung. Alle üb-
rigen Darstellungen dagegen, in denen sie sich über
die Schranken des Bildnisses herauswagt, erscheinen
unsicher und ohne rechtes Leben. Daneben hat noch
der Bildhauer Engelm ann einige gut charakterisierte
Porträtbüsten und den Entwurf zu einer anmutigen, in
origineller Stellungaufgefassten weiblichen Figur aus-

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