Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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-*-5^> SASCHA SCHNEIDER

SASCHA SCHNEIDER DETAIL AUS DEM CÖLLNER FRESKO

vor allem auf einem festen, grossen und werden. Seit Menschenaltern gilt derjenige
sprechenden Umriss der Hauptmassen und bereits für einen guten Zeichner, der einen
auf einer klaren Verteilung sowohl des beliebigen „Normalkörper" nach Umriss und
Lichtes wie der Farben aufgebaut werden, Schatten ausreichend beherrscht. Damit
kurz es muss Stil erhalten, den man auch aber kommt man über die Schablone, den
mit dem Wort Monumentalität bezeichnen ärgsten Feind jeden Fortschritts, nicht hinaus,
kann. Wie weit der Künstler diese Grund- Solange die Künstler nicht im stände sind,
Verhältnisse bei der Ausführung betont oder in das Wesen eines jeden Gegenstandes ein-
verwischt, wie weit er sie durch Einzelheiten zudringen, ihn nach Aufbau und Gliederung
belebt, wie weit er dabei dem seelischen zu erfassen, sondern sich mit der Wiedergabe
Leben unmittelbaren Ausdruck verleiht: das seiner äusseren Erscheinung begnügen, können
ist Sache seiner Eigenart und des besonderen sie nicht als gute Zeichner bezeichnet werden.
Zieles, das seiner Phantasie vorschwebt; aber Wird dagegen die weitere Ausbildung solcher
die Grundlage muss vorhanden sein, da nur Kräfte, wie Schneider eine ist, gefördert, so
sie dem Kunstwerk den Charakter der Not- kann mit der Zeit auch diese Lücke ausgefüllt
wendigkeit, des so und nicht anders sein werden. Besitzen wir doch schon in Klinger,
könnens verleiht. Kurz, es muss die An- Greiner, Geyger, Richard Müller — sie
schauung fallen, als handle es sich um einen alle sind als Fortsetzer von Stauffer-Bern
grundsätzlichen Unterschied zwischen dem anzusehen — eine Reihe von Zeichnern, denen
Wand- und dem Staffeleibilde; was man sich die übrigen Länder nichts ähnliches gegenüber-
an der Wand gemalt denken kann das kann zustellen haben,
auch im Einzelbilde ausgeführt werden; was
aber für die Wand nicht geeignet ist, das

sollte — mit Ausnahme der ausgesprochenen FARBENSTRICHE

„Stimmungsbilder" — auch im Staffeleibilde Die richtige Perspektive ist im Leben oft schwie-

nicht ausgeführt werden. riSer als in der Kunst-

Bedingung für einen solchen Wandel ist

freilich, dass unsere Kunstzustände sich nach , Es &*U Menschen, die sich auf der Leinwand

j c .. , . , ,. ,. .. besser ausnehmen als im Leben.
der Seite hin, welche die wesentliche Lücke im

deutschen Kunstunterricht aufweist, bessern. _ . , , , * . ,

rv. . , , . . . .. . Zeichnung und Kolorit verhalten sich zu emar.-

Die zeichnerischen Fähigkeiten müssen in der wU Charakter und Temperament.

ganz anderer Weise als bisher entwickelt Peter Siri

US.

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