Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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FRITZ SCHUMACHER

PLAKAT

FESTSPIELKUNST

Das fünfundzwanzigjährige Jubiläum des Leipziger Kunstgewerbemuseums

(Nachdruck verboten)

Ein gemütliches Beisammensein" - - „ein Mensch mit Gleichmut sich hinwegsetzen
Bierabend mit Gesang und Vorträgen" — kann. Viele derartige Warnungen bekamen
„eine Vereinssitzung" — „eine Abendunter- die Veranstalter des Festes zu hören, aber
haltung mit Damen", so und ähnlich lauteten wenn auf sie nicht geachtet wurde, so gab
die Vorschläge für die Jubiläumsfeier des der Erfolg des Abends den Pessimisten Un-
Kunstgewerbemuseums, bis aus dem Chaos, recht und half der Meinung derer zum Sieg,
und nicht zum wenigsten durch die Energie die da glaubten, dass für eine rein künstle-
kluger Frauen, der Gedanke wurde, durch rischen Zwecken dienende Sache auch in
ein Fest von ganz besonderer Art den Tag Leipzig Hilfe und Unterstützung trotz aller
zu begehen. An und für sich ist Leipzig Vorurteile zu finden sei. Ueber einhundert-
für derartige Veranstaltungen kein ganz leicht fünfzig junge Damen und etwa dreissig Herren
zubearbeitenderBoden. WervondenSchwierig- hatten sich auf einen von einem grossen
keiten sich einen Begriff machen will, stelle Kreis von Patronessen unterzeichneten Auf-
sich vor, der grosse Stadtplan sei so bunt- ruf bereitwillig zur Verfügung gestellt, und
scheckig wie etwa die Karte von Deutsch- bald ging es an die schwierige Arbeit, einem
land am Ende des vorigen Jahrhunderts und jeden den geeigneten Platz zuzuweisen. Dann
ein jeder Farbenfleck bedeute einen beson- verwandelte sich der grosse Bibliothekssaal
deren Kreis, in dem wieder ganz besondere des Museums in ein Kleidermagazin, wo in
und geheiligte Lebensanschauungen herrschen, grossen Haufen Stoffe aller Art vom gewich-
und nun lasse er seiner Phantasie weiter tigen Damastbrokat bis zu den leichten und
freien Lauf und vergegenwärtige sich, dass leichtesten Gewändern aufgestapelt lagen,
bei einem grossen Feste doch leicht ein dazu waren die anderen noch verfügbaren
Jüngling aus dem Kreise A und eine Jung- Räume von Ratholenden dicht besetzt, wie
frau aus dem Kreise B — wir wollen nicht das Vorzimmer eines beliebten Zahnarztes,
sagen miteinander tanzen — aber doch viel- und mitunter gab es Gesichter, deren tief-
leicht bei einer Francaise einander gegen- schwermütiger Ausdruck dem des Patienten
über stehen könnten. Das aber sind Unzu- ähnelte. Dazwischen bewegten sich ernste
träglichkeiten, über die nur ein frivoler und Männer, die mit Vorliebe sich der Rechen-
einer jeden ernsten Lebensauffassung barer kunst ergaben, andere, die mit Zettelkasten und

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Die Kunst für Alle XV. 9. 1. Februar 1900. \ 93
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