Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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WORPSWEDE <S£^

Worpswede hat eine Verwandtschaft mit um sie lagernden Häusern und Baumgruppen,

Rembrandt. Auch an Beethoven fühlte ich über die weiten grünen Flächen der Blick

mich oft erinnert. — zur Hamme und über sie hinaus. Ueber alles

Der letzte Abend, den ich in Worpswede giesst die Sonne ihr goldenes Licht. Sehet
verleben wollte, kam. Ich erstieg die Höhe den Himmel! Zu jeder Tages- und, wie mir
des Berges, um noch einmal den Rundblick erzählt ward, zu jeder Jahreszeit ist er das
zu geniessen. Wirklich, wie eine Insel erhebt schönste, das bewundernswerteste in der
sich der Berg aus der weiten Ebene, die nur Worpsweder Natur. Er ist es meines Er-
nach drei Seiten von den blauen Hügeln der achtens auch auf den Bildern, welcher vor
fernen Geest begrenzt ist. Dort drüben liegt allem überrascht und anzieht. — Endlich ver-
Osterholz, einst ein Kloster, dem die Mark- sank die Sonne in goldenem Gewölk, und
gräfin Margarete von Brandenburg die Hälfte bald ragte eine Mühle auf der fernen Geest
Worpswedes unter der Bezeichnung der mit ihren still stehenden Flügeln in das bleiche
„halben Insel" geschenkt hat. Damals, 1312, Abendlicht hinein. Ueber den Wiesen dort,
wird diese Bezeichnung noch völlig der Wirk- fern an den Windungen der Hamme begann
lichkeit entsprochen 4iaben; Moor und Marsch weisser Nebel zu brauen. Der Abend war kühl,
bildeten eine unbewohnbare Sumpf-und Wasser- So nahm ich Abschied von Worpswede,
wildnis. — Von der Höhe des Berges ging ich Aber noch lange sass ich dann im Dunkeln
an den Südabhang, von welchem man die vor'm Hause und sah den silbernen Mond
Türme Bremens sieht. Hier habe ich mir als liebliche Sichel über die Bäume des gegen-
im Geiste ein Landhaus erbaut, im Stile der über liegenden Gartens heraufsteigen. Ich
Umgebung, mit einfachem Garten am sanften gab mir Rechenschaft, ob ich und was ich
Hang, mit dem Blick über die welligen Felder, in Worpswede gelernt:

die hier südlich zu Füssen des Bergs sich Unsere heimische Natur macht wenig Wesens
erstrecken, und hinüber auf Stadt, Moor und von sich und gilt darum als langweilig und
die westlich sich dehnenden Wiesen. Vor reizlos, wie wir, ihre Bewohner, für steif und
mir hat schon der Landgraf Friedrich von zugeknöpft. Nur der liebevollen Hingabe er-
Hessen-Eschwege denselben vernünftigen Ge- schliesst sie den Reichtum ihrer stillen und
danken gehabt (1650), und sein Lusthaus mit spröden, aber tiefen und echten Schönheit,
einem Garten, Fischteichen und einem Enten- Diese Maler aber werden kraftvolle, weil
fang ist kein Luftschloss geblieben. Kein persönlich empfindende, wahre, weil ihr innig
Rest aber ist von seiner Anlage erhalten. vertraute, und für den überzeugende Ver-
Links zu Füssen diesem Platze erfreut eine kündiger des wenig gekannten Wertes unserer
eichenbesäumte und heckenumgebene Weide heimischen Natur, welcher ihre Bilder, die
das Auge. Sie gehört dem Gemeindevorsteher. oft nicht minder spröde als die Natur selber
Noch ward sie nicht gemalt. sind, mit ernster Hingabe in sich aufnimmt.
Inzwischen ging die Sonne zu Rüste. Meine Heimat, warum sollte ich die Künstler
Lasst uns über die föhren- und denkmal- nicht lieben, die dich lieben, und ihnen danken,
gekrönte Kuppe an den westlichen Hang gehen. wie ich dir danke, für die seelenstärkende
Dort eben über Mackensen's Atelier steht Kraft, die sie mir gereicht? —
eine Holzbank. Weit schweift über die Felder Ich schied von Worpswede, innerlichst zur
im Vordergrunde, über die Mühle mit den Worpsweder Kunst bekehrt.

Andreas Gildemf.ister

Heinrich Vogeler

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