Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 15.1899/​1900

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DIE ZWEITE AUSSTELLUNG DER BERLINER SECESSION

Von Hans

Die Ausstellung, mit der die Berliner Seces-
sion im vergangenen Jahre zum ersten
Male vor der Oeffentlichkeit erschien, war in
jedem Sinne ein Stegreif-Unternehmen und der
Erfolg, den sie fand, beinahe mehr Glückssache,
als Verdienst. Jedenfalls hatten die Berliner
Künstler selbst herzlich wenig Anteil daran,
dass die Sache so gut ausging. Aber wie bei
allen Secessions-Ausstellungen in Deutschland
konnte man auch hier die Bemerkung machen,
dass der Geist, aus dem heraus solche Ausstel-
lungen entstehen, mächtiger wirkte, als alles
andere, undnichtnurdie Gemüter der Künstler,
sondern auch das sonst fürso nüchtern geltende
Publikum mit sich fortriss. Es wird freilich
immer Leute geben, die von diesem Geiste
nichts spüren, die sich über die Anstrengungen
der Secessionen und „Secessiönchen" lustig
machen, aber darum braucht man nicht an
seiner Existenz zu zweifeln. Er ist überall
da, wo für die freie Entfaltung der Kräfte,
für ideale Güter gekämpft wird, und er war
es in erster Reihe, der der Berliner Secession
im vergangenen Jahre zum Siege verhalf. Aber
seine Wirkungen reichen weiter. Man hat
sich bis jetzt schwer vorstellen können, dass
die Berliner Künstler aus ihrem bequemen
Dahinleben aufzurütteln wären, und nun sieht
man in dieser zweiten Ausstellung der Berliner
Secession mit Staunen sie rührig und lebendig,
wie nie zuvor. Die älteren spannen alle Kräfte
und die Jugend strebt munter vorwärts. Man
braucht sich vor den Gästen nicht mehr zu
schämen.

Auch bei der Secession giebt es ausländische
Kunst; aber sie spielt hier nicht annähernd
die Rolle, die sie in diesem Jahre in der grossen
Berliner Kunst-Ausstellung spielt. Ein paar
Meisterwerke, einige anregende Schöpfungen
jüngererTalente müssen genügen. Der Schwer-
punkt der Ausstellung liegt durchaus in dem,
was die deutschen Künstler zu zeigen haben.
Und man ist nicht engherzig gewesen, hat vor
allem den Eindruck zu vermeiden gesucht, als
hielte es die Secession für ihre Aufgabe, eine
bestimmte Richtung zu vertreten und zu för-
dern. Den Liebermann, Trübner, Slevogt, Uhde,
Corinth sind die Böcklin, Marees, Thoma, Stuck
und Ludwig von Hofmann gegenübergestellt und
zwar zum Teil mit ihren besten Werken, so dass
von einem Ueberwiegen der realistischen Kunst
nicht die Rede sein kann. Wenn trotzdem der

Rosenhagen

(Nachdruck verboten)

Eindruck erweckt wird, als bereite sich ein
neuer Aufschwung derselben vor, so liegt das
wohl daran, dass die Realisten unter den Künst-
lern der Malerei als Kunst jetzt eine grössere
Aufmerksamkeit zuwenden, als bisher, und
dann auch daran, dass sie sich Mühe geben,
ihren Arbeiten einen bildmässigen Abschluss
in einem neuen Sinne zugeben. Ferner, fehlt
es auf der anderen Seite auffällig an hoff-
nungsvollem Nachwuchs. Die paar Künstler,

J. Mc. NEIL «HISTLER D AM E N.B I L D N I S

Die Kunst für Alle XV. so. 15. Jult 1900.

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