Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 56.1940-1941

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„Auch ein Totentanz" von Alfred Rethel, 1848

„Noch ein Totentanz" von einem unbekannten Künstler, 1849

Von Alfred Rethel zu Werner Heuser. Um einen Totentanz. Von Paul ciemen

Das Jahr 1940 hat dem Rheinland eine Gedächtnis-
feier besonderer Art für einen seiner größten Söhne
aus dem vergangenen Jahrhundert gebracht. Im Juli
1840 siegte bei dem Wettbewerb um die Ausmalung
des Kaisersaales im Aachener Rathaus der junge, erst
24jährige Alfred Rethel. Es war das erste Sichtbar-
werden des Wunders seiner frühen Erfindungen und
geformten Visionen auf dem V ege zu einer wahrhaft
monumentalen Wandmalerei, dessen hundertjährige
Wiederkehr die Stadt Aachen, zugleich seine Geburts-
stadt, die dies sein größtes Werk birgt, und die Stadt
Düsseldorf, an deren Akademie der Künstler seine
ganze Jugendausbildung gefunden hatte, von der
jener Wettbewerb ausgegangen war, festlich began-
gen haben. Mit den in ihrem gewaltigen Können re-
spektvoll bewunderten Fresken aus dem Leben Karls
des Großen ist eine andere Schöpfung Alfred Rethels
in diesem Jahr des Krieges uns erschütternd zeitnahe
gerückt, hat sie mit einer dämonischen Urgewalt die
gehaltene Stimme jenes heroischen Karlsdramas über-
tönt, der Zyklus von sechs großen Holzschnitten mit
den begleitenden Versen von Robert Reinick, den uns
der Künstler in der ersten Ausgabe mit dem Titel
„Auch ein Totentanz" geschenkt hat. Losgelöst von
dem Zeitgeschehen, dem unmittelbaren Eindruck der
zerbrochenen Revolution von 1848, ist es ein ewiges
Hohelied des Todes, das hier gedichtet ist. Das zweite
Bild nach der Introduktion, der Ritt des Todes zur
Stadt, und das letzte, der Triumph des Siegers Tod,
bilden zusammen mit den beiden nicht zu dem Zyklus
gehörigen, aber gedanklich sich anschließenden spä-
teren Blättern, dem „Tod als Würger" und dem „Tod
als Freund", den Höhepunkt von Rethels Kunst, sie
sind die ergreifendsten Blätter aus seinem ganzen
Werk, bekannter als irgendeine seiner Kompositionen
aus der Nibelungensage, dem Hannibalszug, den Bil-
dern aus dem Neuen Testament, der Weltgeschichte,
dem Rlieinischen Sagenkreis, und die vier Blätter
stellen wohl auch, gerade in der vereinfachten Sprache
des Holzschnitts mit den einprägsamen knappen Ge-

bärden, die am stärksten zu uns sprechenden Bekennt-
nisse der deutschen Seele in der Welt des Bildes aus
der Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Seltsam genug,
daß dieser Zyklus unmittelbar eine Nachfolge fand,
„Noch ein Totentanz", sechs Blatt von gleicher Größe
mit erläuternden Versen. Lithographien, äußerlich
den Rethelschen Blättern ähnlich, von einem unbe-
kannten Künstler, nur mit der Bezeichnung: ausge-
führt in der Kunstanstalt der Verlagsliandlung Emil
Roller in München, 1849 in zwei verschiedenen Aus-
gaben erschienen, heute eine sehr große Seltenheit —
ein bewußtes Gegenstück aus einer anderen politi-
schen Auffassung, ein demokratischer Protest gegen
die Militärdiktatur, die rote Monarchie. Man emp-
findet den verwandten Rhj-thmus, und das fünfte
Blatt „Auf Trümmern thront der Sensenmann" ist ein
gewolltes Gegenstück zu Rethels Schlußkomposition..
Totentanz? Der zuerst von Rethel gewählte Titel
„Auch ein Totentanz" besagt, daß sich sein Bilder-
kreis, wenn auch nur mit einem „auch" an das alte
seit dem 14. Jahrhundert bekannte Thema des Tanzes
anschließt, den alle Stände vom Papst und Kaiser bis
zum Bettler mit dem Tod aufführen müssen. Die fort-
laufende Kette ist bald gesprengt, die Szenen werden
dramatisch zugespitzt: in einzelne Paare zerlegt zieht
der Mythos Triumph des Todes, nicht mehr der ge-
schlossene Kettenreigen, an uns vorüber. Das 15. Jahr-
hundert und das beginnende 16. Jahrhundert sind
voll von immer neuen Kompositionen. Frühzeitig hat
der primitive Holzschnitt sich des Themas bemäch-
tigt. In Einzelblättern — wie in den beiden letzten
Rethelschen Kompositionen — wird das Thema auf-
genommen von Dürer. Baidung, Beham, Urs Graf,
Burgkmair, in Hans Holbeins d. J. Totentanz findet
es endlich die klassische Ausprägung, ein unver-
gleichliches Meisterwerk, eine Verschwendung gran-
dioser Bildideen an das bescheidenste Format. Etwas
von den Vorstellungen des Todestriumphes ist auch
auf weiten L'mwegen in die Kunst des 19. Jahrhun-
derts eingegangen. Das Jahrzehnt vor der Jalvrhun-

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